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Kungsleden und Lapporten bei Abisko

Ein kleines Stückchen Kungsleden (Winter 1997)

Abisko-Abiskojaurestugan (15 km) , Abiskojaurestugan - Kieronstugan (verschlossen, 4 km), und zurück

Im Winter 1997 planten wir eine Tour auf dem nördlichen Abschnitt des Kungsleden von Abisko nach Nikkaluokta. Es sollte unsere erste richtige Skiwanderung mit Rucksack werden. Um es gleich vorweg zu sagen, wir kamen nicht weit über Abiskojaure hinaus.

Für unsere erste Wintertour hatten wir einige Vorarbeit geleistet. Wir hatten diesen Abschnitt des Kungsleden ausgesucht, weil wir ihn von einer Sommertour her kannten und weil er in kurzen Abständen mit Hütten ausgestattet war. In unserer Gegend Deutschlands, in der Schnee nicht allzu häufig ist und in der man Skifahren meist mit "downhill" gleichsetzt, war die Beschaffung der Ausrüstung nicht ganz einfach. Zwar waren wir für Sommertouren bestens ausgerüstet und hatten damit reichlich Erfahrungen. Diese ließen sich aber nur begrenzt auf den Winter übertragen. Besonders bei den Skiern hatten wir etwas Mühe, uns zu entscheiden, schließlich kauften wir Tourenski mit Schuppen und Stahlkanten in einem Spezialgeschäft im Vogelsberg.

Das Abreisedatum war erreicht. Wir trennten uns vom Alltag und flogen an einem Samstag Mitte April nach Kiruna. Das Wochenende in Kiruna war sehr abwechslungsreich. Ein Treffen mit Peter und Annika, die "Kirunaspelen", eine World-Cup-Veranstaltung in verschiedenen Disziplinen mit Langlauf - Stars wie Vladimir Smirnow, und die letzten Einkäufe im Lebensmittelgeschäft ließen die Zeit schnell verstreichen. Montags nahmen wir dann den Zug nach Abisko. Eigentlich wollten wir an diesem Tag schon die Wanderung beginnen, aber es war nun doch nach 14 Uhr geworden, und es war auch einfach schön hier in Abisko.

Abisko Turiststation

Wir nutzten die Gelegenheit, um mit dem Sessellift auf den Njoulja zu fahren. Die Aussicht war grandios bei diesem schönen Wetter. Der Wind in der Höhe war sehr stark und so konnten wir noch einmal ausprobieren, wie unsere diversen Kleidungsstücke uns wärmten. Am Abend sahen wir uns in der Fjällstation um. Um 21 Uhr spielte die Zwei-Mann-Band "Pinch Bag" in der Storstugan, und wir blieben bis zuletzt, als schließlich "Knocking on Heaven's Door" an der Reihe war, eines meiner Lieblingslieder.

An der Waage

Am Dienstag gegen 10 Uhr standen wir dann bei strahlendem Sonnenschein mit unseren Rucksäcken an der Waage. Sie zeigte ganz nüchtern und sachlich, daß mein Rucksack ohne Fotoausrüstung 23 kg wog und der von Carola 20 kg. Darin enthalten waren 1,5 kg Getränke. Ich hatte eigentlich geplant, möglichst deutlich unter 20 kg zu bleiben, doch nun war es für derlei Überlegungen zu spät. Die 15 km nach Abiskojaure sollten zu schaffen sein.

Das Wetter und die Schneebedingungen konnten nicht besser sein. Die Temperatur war knapp unter null, der Schnee war optimal und der Himmel blau. Ich war wahrscheinlich viel zu warm angezogen und begann sofort zu schwitzen, als wir die erste Strecke leicht bergan stiegen. Der Winterleden führte ein gutes Stück östlich des Sommerleden durch hügeliges Gelände. Nach etwa 3 km war die höchste Stelle erreicht, und der Weg von Abisko Östra schloß sich hier dem Kungsleden an.

Wir konnten eine kurze Abfahrt geniessen, die allerdings durch Bodenwellen Aufmerksamkeit erforderte. Wir waren schon recht erschöpft, als wir die Brücke über den Ballajakka erreichten, und entschlossen daher uns zu einer ausgiebigen Rast. Ich hatte wesentlich mehr Durst, als Trinkbares vorhanden war, und aß daher noch einige Schneeklumpen, gemischt mit sauren Drops.

Leider zeigte ein Blick auf die Karte, dass wir erst knapp die Hälfte des Weges hinter uns hatten. Wir hatten einschließlich der Pausen lediglich etwa 2.5 km/h geschafft. Die Rucksäcke waren wie mit Blei gefüllt. Nun kamen einige kleinere Steigungen, und dann hatten wir die Wahl, entweder der Markierung über einige kleinere Hügel zu folgen oder einer Spur folgend auf den Fluss hinauszufahren. Wir entschieden uns für den Fluss, denn die Orientierung war kein Problem und wir würden den Abiskojaure nicht verfehlen können. Auf dem Fluss war es sehr angenehm zu fahren, nach einiger Zeit führte die Spur aber wieder auf den markierten Weg zurück.

Am Abiskojaure

Schließlich hatten wir das nördliche Seeufer erreicht, dort gab es einige verschlossene Hütten. Das war Anlaß genug zu einer weiteren Rast. Der Weg führte nun noch etwa 4 km über den See an das südliche Ende, wo die Hütten liegen mussten.

Auf dem Abiskojaure

Die Aussicht, dass nun keine Steigungen mehr kommen würden, gab uns wieder neue Motivation, und wir versuchten, in einem möglichst gleichmässigen Tempo die Strecke durchzufahren. Am Ende hatten wir knappe sechs Stunden für die Tour benötigt und damit blieb es einschließlich der Pausen bei einem Schnitt von etwa 2.5 km/h. Zweifellos lag das an den zu schweren Rücksäcken, und wir mussten versuchen, das Gewicht noch zu reduzieren. Wir stellten an der Hütte unsere Skier ab und suchten zwei Betten aus.

Abiskojaurestugan

Ein Teil der Hütte war von einer Gruppe belegt, deren weisse Skier mit "JÄR" beschriftet waren. Ich deutete dies richtig als Abkürzung für "Lapplands Jägerregiment", das in Kiruna stationiert war. Sie transportierten ihre Ausrüstung auf Schneeskootern, und es handelte sich offensichtlich um eine Ausflug. Wir nahmen unsere Betten in dem anderen Teil der Hütte, in dem bisher nur Mark eingezogen war. Wir hatten ihn schon in Abisko gesehen und kamen bald mit ihm ins Gespräch. Später kam noch eine Gruppe von zehn Sportstudentinnen und -studenten aus Stockholm an, und es ging recht gesellig zu. Die Gruppe wollte am nächsten Tag Erfahrung im Bau von Schneebiwaks sammeln, und jeder hatte eine entsprechend große Schaufel am Rucksack.

Wir unterhielten uns den Abend zumeist mit Mark. Er war bereits einige Zeit in diesem Winter unterwegs gewesen. Er war Engländer, wohnte aber in Uppsala. Er hatte wesentlich mehr Erfahrung mit Skitouren als wir, und ich wurde nicht müde, ihn auszufragen. Besonders interessant fand ich auch seine Pulka, die er im vergangenen Jahr aus einem Kinderschlitten selbst gebaut hatte (Link siehe unten). Wir fanden immer wieder neue Themen, bis wir schliesslich noch unsere Internetadressen austauschten. Es war spät geworden und an der Zeit, ins Bett zu gehen.

Am nächsten Tag hatte sich das Wetter völlig verändert. Wie jeden Morgen hatte der Stugvärd den Wetterbericht am Hjälptelefon abgefragt und gab ihn an die Wanderer weiter. Starker Wind kam aus Süden und es schneite. Zum Alesjaure mussten wir etwa 300 m aufsteigen. Dort würde man auf Wind mit Sturmstärke treffen, und da wir nach Süden wollten, würde es für uns starker Gegenwind sein. Um die Rucksäcke zu erleichtern, liessen wir noch ein Päckchen mit Lebensmitteln zurück und behielten nur soviel, dass es mit einem Tag Reserve noch bis Alesjaure reichen würde, wo es in der Hütte wieder Proviant zu kaufen gab.

Weg nach Alesjaure

Wir machten uns auf den Weg, der zunächst einige Zeit in südwestlicher Richtung im Tal entlangführte, bevor er nach Süd schwenkte und die Steigung begann. Mark war schon einige Zeit vor uns aufgebrochen. Mit einer kurzen Pause stiegen wir die 300 m durch bis zur Höhe. Die Rucksäcke waren etwa 1,5 kg leichter und das machte sich bereits angenehm bemerkbar.

Anstieg zum Alisvagge

Nicht weit vom Weg entfernt konnten wir nun am gegenüberliegenden Hang die Kieronstugan erkennen, die dem STF gehört, aber verschlossen ist. Hier mussten wir uns entscheiden, denn weiterzugehen machte nur Sinn, wenn wir auch bis Alesjaure gingen. Wir hatten Zweifel, ob wir die Strecke unter den ungünstigen Bedingungen schaffen würden. Zwar gab es einen neuen Windschutz auf halber Strecke, aber es schien nicht gerade ideal, dort die Nacht zu verbringen. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht.

Blick zum Abiskojaure

Wir blickten zurück zum Abiskojaure, der nun unter uns lag. Es hatte etwas aufgeklart. So schlecht war das Wetter eigentlich nicht ? Den richtig starken Wind würden wir wohl erst später auf dem Alesjaure zu spüren bekommen. Wir entschieden uns schließlich aus Vorsicht für die Umkehr. Vielleicht würde sich das Wetter ja morgen bessern und dann konnten wir es erneut angehen.

Der Rückweg war einfach, die Abfahrt machte Spass. In Abiskojaure schlug der Stugvärd uns vor, die kleinere der beiden Hütten zu benutzen, die nur vier Betten hatte und eigentlich für Wanderer mit Hunden vorgesehen war.

 
In Abiskojaure

 
Wasser holen

 
Holz hacken

Wir ruhten uns aus und beobachteten das Wetter, was bei einer Tasse Kakao mit Keksen in der Wärme des Holzofens sehr gemütlich war. Es war auch überhaupt nicht langweilig, sondern erholsam, sich mit einfachen Dingen des Alltags zu beschäftigen. Im Eis des Abiskojaure war ein Loch, an dem wir Wasser holen konnten. Zusammen mit einem Schweden hackten und sägten wir Holz und räumten es als Vorrat in den Schuppen.


Schaufeltest

Am späten Nachmittag suchte ich mir eine Stelle, an der ich meine neue Schaufel testen konnte. Ich wollte endlich selbst herausfinden, wie lange es dauern würde, damit ein Schneebiwak zu bauen. Es fing wieder an zu schneien, und Carola beschloß, "Fräulein Smilla" weiterzulesen.

Schneehuhn

Nur ein Schneehuhn verfolgte mein Treiben für einige Zeit.

Schneesturm in Abiskojaure

Am folgenden Tag war das Wetter jedoch wesentlich schlechter. Über Nacht waren etwa 20 cm Neuschnee gefallen. "Varning för hart väder i kalfjäll", das war eindeutig. Die Windgeschwindigkeiten oberhalb der Baumgrenze sollten bis 17 m/s gehen. So warteten wir weiter an der Hütte ab. Auf Grund des Wetters war es heute noch ruhiger als sonst, erst nach der Mittagszeit kam ein Schneeskooter aus Abisko über den See. Wir brachten die Zeit meist mit Nichtstun zu, am Nachmittag machten wir dann mit dem Skiern einen Ausflug in die Gegend, um uns etwas Bewegung zu verschaffen.

Da auch für den nächsten Tag nicht mit einer wesentlichen Besserung gerechnet wurde, schien es nicht mehr sinnvoll, die Tour fortzusetzen. Wir hatten einen großen Teil der Vorräte aufgebraucht, insbesondere die Espressotütchen aus der Serie "Jacobs Kaffee-Kompositionen" gingen zur Neige, und so entschieden wir uns für die Rückkehr nach Abisko. Es sollte problemlos möglich sein, die einfache Strecke nach Abisko zurückzulaufen, zumal wir sie ja bereits kannten und wir dann Rückenwind hatten.

Gegen sieben Uhr morgens füllte ich wie am vorigen Tag den kleinen Ofen mit etwas Birkenrinde und kleinen Holzscheiten und zündete ihn an. Es dauerte nicht lange, bis die Wärme in dem kleinen Raum spürbar wurde. Nun war es Zeit, aufzustehen, den letzten Espresso zu trinken und den Rest Müsli zu essen. Wir packten unsere Sachen, füllten die Wasser- und Holzvorräte wieder auf und reinigten die Hütte. Carola wurde von einem schwedischen Paar angesprochen, das mit dem Wind im Rücken von Alesjaure gekommen war. Dort hatten sie Mark getroffen. Mark ließ uns grüßen. Er hatte seine Tour fortgesetzt und ... aber das ist eine andere Geschichte, die Mark selbst erzählen sollte. Außerdem hatten sie heute zwei Deutsche am Windschutz angetroffen, die recht erschöpft waren und dort übernachtet hatten. "I've never seen people so exhausted in the fjäll", sagte der Mann. Nun, wir waren wohl mit unserer Entscheidung vielleicht etwas zu vorsichtig, aber auf der sicheren Seite gewesen und sollten deshalb nicht enttäuscht sein.

Eine Gruppe von mehreren Skifahrern war vor etwa einer halben Stunde an der Hütte gestartet. Nun machten auch wir uns auf den Weg. Die Spuren waren bereits verweht, wir konnten die Gruppe aber in der Entfernung als kleine Punkte auf der weiten Seefläche erkennen. Bisweilen wurden die Punkte von einem Schneewirbel verschluckt.

Auf dem Abiskojaure

Wie im Zeitlupentempo bewegten wir uns über den See, minutenlang war fast keine Veränderung zu erkennen, und ich fand das gleichmäßige Gehen faszinierend. Nach etwa vierzig Minuten kam das Ufer nun rasch näher, wir hatten das Ende des Sees erreicht. Wir folgten je nach Lage und Spur entweder dem markierten Weg oder dem Fluss, die beide nebeneinander herliefen. Auf halber Strecke machten wir wiederum eine Pause. Diesmal waren wir in wesentlich besserer Verfassung. Schneller als wir erwartet hatten, waren wir bereits wieder an der Brücke angelangt, an der wir drei Tage zuvor gerastet hatten. Bei guter Laune gönnten wir uns eine kurze Rast und bereiteten eine Champignoncremesuppe mit Croutons. Nach einiger Zeit erreichten wir die Gruppe, die vor uns fuhr und ebenfalls eine Rast eingelegt hatte. Sie folgten uns nun auf dem Anstieg.

Bei Abisko

Wir nutzten die Gelegenheit, uns am Wegweiser nach Abisko Östra fotografieren zu lassen. Wind und Schneefall verstärkten sich noch einmal, aber bald hatten wir Abisko erreicht. Hier war das Wetter offensichtlich wesentlich schlechter gewesen als in Abiskojaure, man hatte sogar die Straße zwischen Björkliden und Riksgränsen wegen des Schnees für drei Tage sperren müssen.

Diesmal hatten wir trotz des schlechteren Wetters statt sechs Stunden nur vier Stunden benötigt und waren damit einschließlich Pausen etwa 4 km pro Stunde gefahren. Der erste Weg führte uns wieder zur Waage: Mein Rucksack wog 19 kg und Carolas Rucksack 16,5 kg. Wir hatten unser Ziel, nach Kebnekaise zu laufen, nicht erreicht, aber das schien im Moment gar nicht mehr wichtig. Wir waren voller Eindrücke, wir hatten Erholung und ein Naturerlebnis gehabt, wie es kaum eindrucksvoller hätte sein können, und die Erfahrungen dieser Tour würden uns helfen, die Ausrüstung noch etwas zu optimieren. Im nächsten Jahr werden wir es sicherlich erneut versuchen.

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