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Skitouren am Kebnekaise, April 2001

Eisklettern, Schneehöhlen, Pulverschnee in Tuolpagornis Krater

Wenn Du etwas Hintergrund zu den Geschichten möchtest, kannst Du die Einführung lesen.

29. März 2001, und der Beginn meiner fünften Skitour in Lappland. Der Frühling war in Uppsala mit Macht eingekehrt, eine Woche wolkenloser Tage mit Temperaturen über Null hatten den ganzen Schnee schmelzen lassen, und ich war mehr in Stimmung zum Klettern als zum Skifahren. Aber nur eine Stunde weiter nördlich passierte der Zug eine Klimagrenze, und wir waren zurück im Winter mit einer Schneedecke von dreißig Zentimetern. Meine Aufregung war größer als gewöhnlich, denn ich plante, dieses Mal meine Grenzen weiter zu stecken - ich wollte in einer Schneehöhle übernachten und Gipfeltouren machen, statt der üblichen Routine von Hüttentouren, und ich würde zum ersten Mal nicht alleine gehen, sondern mein Abenteuer mit Al teilen, dessen Körper und Geist scheinbar keine Grenzen kannten.

Doch bald hatte mich die Routine wieder eingeholt, ich hatte das übliche Problem mit der Unfähigkeit der Tågkompaniet, mir einen Platz in einem Abteil zu buchen, das nicht verschlossen oder überbucht oder beides war, ich ging in den Buffet - Wagen, um eine Flasche Wein und ein Renskav zu genießen, und döste vor mich hin, während die märchenhafte Landschaft dunkler und dunkler wurde. Dann sah ich mir einen deprimierenden schwedischen Film an, bevor ich versuchte zu schlafen, während der Zug polternd seinen Weg durch die Nacht nahm. In Schweden leben nur wenige Menschen, und so ist die Wahrscheinlichkeit groß, im Zug Bekannte zu treffen. Dieses Mal war es Andreas, ein Kletterer, den ich früher in den Bergen getroffen hatte, und von dem ich um Mitternacht feststellte, daß er im gleichen Abteil untergebracht war. Ich fragte ihn erbarmungslos während der Nacht aus, bis sie vorbei war, aber ich hatte jetzt viele nützliche Informationen über Klettern im Kebnekaise-Gebiet.

Das Wetter war immer noch gut, als wir in Kiruna ankamen, doch ich war überrascht, daß es hier nicht mehr Schnee gab als 12 Stunden weiter südlich. Von Kiruna fährt man eine Stunde mit dem Bus nach Westen bis Nikkaluokta, und dann braucht man 4 bis 5 Stunden auf Skiern oder eine Stunde mit dem Schneeskooter - Taxi (Görans Fjälltransport, 0980-54000) zur Fjällstation. Wie gewöhnlich nahm ich den Skooter, so daß ich den Rest des Tages unbeschwert in richtigen Bergen Skifahren konnte, anstatt mit 30 kg Gepäck durch das Tal zu schlurfen, aber der Purist in mir hat immer ein schlechtes Gewissen deswegen. Ein Kompromiß ist es, nur das Gepäck mit dem Skooter zu transportieren und mit minimaler Ausrüstung auf Skiern zu gehen.

Am nächsten Tag stand ich früh auf und machte eine schnelle Tour zum Tarfalatjärrro, was eine einfache Möglichkeit ist, um die hohen Berge und Gletscher weiter im Norden zu sehen, und ich ging ohne Hemd, weil es so warm war und die Sonne so intensiv. Erst als ich das Gleichgewicht verlor und in den Schnee fiel, wurde ich schnell daran erinnert, daß immer noch Winter war. Ich benutzte zu ersten Mal meine Åsnes Nansen Ski, die ein guter Kompromiß zwischen Tourenski und Abfahrtsski sein sollen, aber ich fand sie für beides wenig geeignet, und ich bereute, daß ich meine Tua Cirques an Al verliehen hatte. Man kann mit ihnen sehr gut abfahren, und auf flachem Gelände waren die Nansens nicht besser. Al kam am Nachmittag an, und wegen des fantastischen Wetters entschieden wir uns, die Kebnekaise - Gipfeltour gleich am nächsten Tag zu machen, bevor das Wetter sich verschlechtern konnte. So brachte ich den Rest des Tages mit Essen und erwartungsvollem Ausruhen zu. Natürlich erwachten wir morgens bei niedrigen Wolken und Schneefall, keine guten Bedingungen, um die (für uns) anspruchsvolle Ostroute zu versuchen, und so war mein Ruhetag verschwendet.

Um uns für diese Enttäuschung zu entschädigen, gingen wir Eisklettern in einer kleinen Schlucht, die vom Skarttatjåkka herunterkommt. Dort läßt das ablaufende Wasser 15 m hohe Eiswände entstehen, die 50 m breit sind. Für erfahrene Eiskletterer ist das sehr zahm, aber wir waren eine Wand von 5 mal 2 m in Uppsala gewohnt, und wir waren begeistert. Wir stellten fest, daß die Fjällstation keine Eisäxte verlieh, aber wir hatten Glück, daß sie einige Vorführmodelle zu verleihen hatten, die wir benutzen konnten. (Normalerweise muß man eigene mitbringen oder eine geführte Tour mitmachen). Derart bewaffnet, fuhren wir mit unseren Skiern 3 km das Ladtjovagge hinunter und über den Fluß zu der Schlucht (SG E1620350 N7531405), wo wir uns aufwärmten, indem wir zunächst den flacheren und niedriger gelegenen Teil des Eises erkletterten, bevor wir unsere ersten Gänge zu dem steileren und höheren Eis weiter oben in der Schlucht machten. Es gibt Bäume oberhalb des Eises, zu denen man gehen kann, falls man top rope bevorzugt, daher ist die Stelle auch für Anfänger gut geeignet. Wir hatten soviel Spaß, daß es 9 Uhr abends wurde, bevor wir zurück in die Sauna und zum Essen gingen.

Es schneite immer noch am nächsten Morgen, und anstatt auf klares Wetter zu hoffen, entschieden wir uns, nach Singi umzuziehen, wo wir die leichte Durlings Route zum Südgipfel in ungefähr jedem Wetter versuchen konnten. Dieser große Plan scheiterte im nassen Tiefschnee. Al hatte Probleme, weil an seinen Steigfellen Eis ansetzte, und mein Schlitten versank im Schnee, so daß wir uns mit 2 km/h fortbewegten. Das bedeutete, daß das "nur bis zur nächsten Hütte" 6 bis 7 Stunden dauern würde, nicht gerade eine tolle Art, seinen Urlaub zuzubringen. Um die Sache zu beenden, drehten wir um, zogen zum Tarfaladalen, und bauten uns eine Schneehöhle, um dort die Nacht zu verbringen.

Wir suchten uns einen Platz in einer Schneeverwehung nahe der Brücke (SG E1619532 N7533455), wo wir vor den Lawinen sicher waren, die 100 m weiter oben im Tal auftreten können, und begannen zu graben. Nach einer Stunde hatten wir ein kleines Fuchsloch, das im Ernstfall ausgereicht hätte, aber was wir uns vorstellten, war mehr palastähnlich, und so gruben wir noch 4 Stunden weiter, bis wir zwei große Höhlen als Schlafräume hatten und ein Eßzimmer dazwischen. In allen Büchern steht, daß man langsam arbeiten soll, um Schwitzen zu vermeiden, aber das ist ganz und gar unmöglich, und so trug ich nur dünne Kleidung und arbeitete schnell, wobei ich in Kauf nahm, daß die nassen Kleider später einfrieren würden, wenn ich sie gegen trockene tauschte. Wir glätteten die Decke sorgfältig, um Tropfen zu vermeiden, und legten um das Bett herum Kanäle an, um Wasser abzuleiten, aber die Höhle wurde nie so feucht, vielleicht weil wir es uns leisten konnten, einen breiten Eingang zu lassen wegen seiner Länge und des milden Wetters draußen. Wir stießen auch mit einem Skistock 1 cm große Ventilationslöcher in die Decke (die zwischen 20 cm und 150 cm dick war), und ich dachte, daß es eine gute Idee wäre, eines über meinem Bett zu haben, bis ich merkte, daß sich mein Schlafsack langsam mit Schnee füllte, der seinen Weg durch den kleinen geneigten Kanal fand. Eine andere glänzende Idee war, den Boden meines Schlafraums mit einer silbernen Rettungsdecke auszulegen. Das Ergebnis war, daß es zwischen dem Boden und meiner Matratze nur noch minimale Reibung gab, und infolgedessen verschwand die Matratze jedesmal in der Nacht, wenn ich mich bewegte. Die Unbequemlichkeit und daraus folgende Müdigkeit war der einzige Grund, in der nächsten Nacht wieder in die Fjällstation zurückzukehren, denn ansonsten war die Höhle erstaunlich komfortabel und trocken. Sie war sehr hell am Tag, obwohl wir nicht direkt nach draußen sehen konnten, und als es dunkel wurde, hängten wir eine Laterne an einer Eisschraube an die Decke. Die letzte Messung zeigte draußen -7°C and 5 m/s Wind, aber wahrscheinlich fiel es in der Nacht auf -10°C. Dagegen hatten wir drinnen immer zwischen null und +4°C ohne Zugluft. Das hätte sich am frühen Abend ändern können, als Sara von der Fjällstation unabsichtlich über die Schneewehe über uns fuhr, aber leider fiel sie nicht in unser Haus. Eine gute Einführung in den Bau von Schneehöhlen findet man hier: http://www.etisurvival.com/snocv.htm

Es schneite fortwährend, aber diesmal wunderschönen Pulverschnee, und so wollten wir am anderen Tag ein weiteres Ziel erreichen: Skifahren im Krater des Tuolpagorni. Dieser Berg ist tatsächlich der, den die Sami meinen, wenn sie Kebnekaise sagen, denn das bedeutet "der steile Berg mit der Vertiefung am am Gipfel", und er ist sehr viel auffallender als Schwedens höchster Punkt, der jetzt als Kebnekaise bekannt ist. Der Krater ist kein richtiger Krater, sondern eine Schüssel, die von einem hängenden Gletscher geformt wurde, er hat etwa 500 m Durchmesser und ist das ganze Jahr über mit Schnee gefüllt. Man braucht ein Seil, um sich an den Rand des Kraters abzuseilen, aber danach hat man einen vertikalen Kilometer zum Skifahren bis hinunter zur Fjällstation. Und heute würde das ein vertikaler Kilometer knietiefer Pulverschnee sein...

Al mietete sich Schneeschuhe und ein Snowboard, während ich Randonée Ski wählte, und wir zogen los, um zunächst die Kehrseite des wunderbaren Schnees zu erfahren, als wir uns den Weg bahnen mußten. Wir brauchten zwei Stunden, um Kitteldalen zu erreichen, doppelt so lange wie gewöhnlich, und wir kämpften schon mit uns. Al hatte Probleme zu traversieren, und ich hatte Probleme mit den Steilstücken durch Zurückrutschen und das Gewicht des Seils in meinem Rucksack. So endete es damit, daß Al es die meiste Zeit trug, weswegen mir nicht so wohl war, was aber wahrscheinlich den Unterschied zwischen Hochkommen und Aufgeben ausmachte. Es dauerte eine weitere Stunde, im Kitteldalen aufzusteigen, und wir aßen unterhalb Björlings Gletscher zu Mittag. Es war -12°C und blies mit 3-4 m/s, und so froren wir, als wir den Sattel zwischen Tuolpagorni und Vierranvarri erreichten. Dieser Abschnitt ist immer ein Alptraum, denn er ist zu steil, um ihn direkt anzugehen, und Zickzackgehen über größere Strecken schien unendlich lang zu dauern, besonders für Al auf seinen Schneeschuhen.

Schließlich erreichten wir den Gipfel des Tuolpagorni, nachdem wir insgesamt 7 Stunden gekämpft hatten, und fanden die Verankerung zum Abseilen (SG E1614037 N7533633). Es hätte ein Moment des Jubels sein sollen, aber wir hatten alles gegeben, um hier hinauf zu kommen, und es war nicht ganz klar, ob wir noch in der Form waren, so hinunterzufahren, wie es die 1000 m Pulverschnee verdienten. Ich seilte mich zuerst ab, an dem steilen, aber nicht senkrechten Fels nach unten zu dem 60° Schneehang. Am Ende unseres 25 m Seils war die Schlucht noch zu schmal, als daß ich an Skifahren denken konnte, so ging ich noch weitere 25 m hinunter, und Al ließ mir die Ski mit der vollen Länge des Seils herunter. Ich verankerte mich an meiner Axt und zog die Steigfelle von meinen Ski, während ich auf Al wartete, als dieser ausrutschte und mit einiger Geschwindigkeit auf mich prallte. Glücklicherweise hielt die Axt, und die Tragödie, noch mehr Pulverschnee-Meter zu verlieren, war abgewendet. Die Neigung des Kraters wird geringer und fast flach am Ausgang. Es war ein großartiges Erlebnis, hier durchzufahren, und das Wetter hellte sich auf, so daß wir den Schnee gut sehen konnten, und so kamen wir trotz der Erschöpfung mit etwas Stil hinunter. Der Ausgang des Kraters ist wieder felsig und steil. Ich sicherte Al auf den ersten Metern, aber es wurde bald klar, daß ein Seil unnötig war. Al fuhr das meiste mit dem Snowboard, ich jedoch bin eher ein Angsthase und wartete bis die Rinne weiter wurde. Der Ausgang des Kraters öffnet sich in ein weites Schneefeld, das ich gerade zu genießen begann, als wir merkten, daß wir von der Route abgekommen waren. Es gab verschiedene Linien, die man anscheinend fahren konnte, soweit wir sehen konnten, aber in dem flachen und schwindenden Licht war das schwer zu beurteilen, und ich hatte Sorge, daß wir vielleicht 200 m abfahren würden, nur um uns dann oberhalb einer Klippe zu finden mit wenig Chancen, den Steilhang noch einmal heraufzukommen. Wir entschieden uns für Sicherheit und verloren eine Stunde, um uns 30 m wieder nach oben zu kämpfen und die sanfte felsfreie Strecke zu finden, die oben am Kitteldalen endet (später erfuhren wir, daß es ganz in Ordnung gewesen wäre, weiterzufahren). Als wir den Talboden erreichten, war es beinahe dunkel, und wir tranken unser letztes heißes Wasser, bevor wir im Schein einer Stirnlampe nach Hause stapften. Wir kamen um 21.30 Uhr an, exakt 12 Stunden nachdem wir losgezogen waren, und waren von Kopf bis Fuß mit Schnee und Eis bedeckt, und hatten immer noch unsere gefrorene Kleidung an.

Wir hatten unsere Ausrüstung für zwei Tage gemietet in der Erwartung, daß wir vielleicht einen letzten Versuch machen könnten, um noch auf den Sydtoppen zu kommen, aber die Unmöglichkeit dieses Vorhabens dämmerte uns schon früh. Alles was wir machen konnten, war einige Male auf den Personalbacken zu steigen (etwa 500 m Höhenunterschied) und in eleganten Schwüngen abwärts zu fahren.

Am nächsten Tag nahm ich den Scooter zurück nach Nikkaluokta. Die Passagiere saßen in einem Anhänger, das Gepäck war in einem weiteren Anhänger dahinter, als wir uns in Bewegung setzten. Göran sagte uns, daß die Leute unseren Fahrer Tommi Mäkkinnen nannten, und daß wir herausfinden würden, warum. Er fuhr mit der Geschwindigkeit von Mäkkinen, dem Rallyefahrer, aber nicht mit seiner Geschicklichkeit, und er warf den zweiten Anhänger dreimal während der Fahrt um, und beim letzten Mal wurden meine Ski zerquetscht. Ich freute mich auf ein paar schöne neue Ski, aber Göran hatte dafür keine Versicherung, und so willigte ich schließlich ein, daß er mir zum Ausgleich ein paar ehemalige Leihski geben würde, die älter waren, aber dafür ein wesentlich besseres Modell. Das schien mir ein brauchbares Geschäft zu sein, denn die Nansens mochte ich ja ohnehin nicht.

Al mußte nach Uppsala zurückkehren, aber ich hatte noch einen Tag übrig, bevor mein Zug nach Süden ging, und ich verbrachte ihn mit Skifahren in Riksgränsen. Dabei wurde mir klar, warum dieser Platz so berühmt ist. Es ist auf jeden Fall ein netter Platz zum Skifahren, und hat im wesentlichen eine Handvoll Lifte, von denen aus man sich seine eigenen Abfahrten suchen kann, wo immer man mag, aber anders als an der anderen off-piste Anlage hier oben (Njulla in Abisko) ist die Gefahr nicht so groß, daß man sich oben an einer ekelhaften Klippe verfängt (obwohl ich genau das bei meiner letzten Abfahrt schaffte). Es gibt ein paar präparierte Pisten, wenn man das mag, und sogar an einem sonnigen Samstag im April ist es überhaupt nicht voll.

Ich stieg direkt von der Piste in den Zug und genoß eine Dusche, danach brachte ich den Abend mit ein paar netten Leuten zu, die von ähnlichen Abenteuern zurückkehrten, und die ihre Kleider eine ähnliche Anzahl von Tagen wie ich getragen hatten. Uns fiel nichts auf, aber jemand kam aus einem Abteil, das weiter weg in unserem Korridor war, und fragte sehr höflich, ob wir die Tür unseres Abteils schließen könnten "wegen des eigenartigen Geruchs, der anscheinend aus unserem Abteil käme".

So, dieser Trip war etwas weniger einheitlich als gewöhnlich, aber er hatte Spaß gemacht, und er war eine gute Lernerfahrung, bei der wir Fähigkeiten einsetzten, von denen ich früher nur gelesen hatte. Auf jeden Fall ein Erfolg. Inzwischen habe ich viermal das Ziel verfehlt, auf den Kebnekaise zu steigen, und ich denke, wenn ich das noch mal schaffe, sollte ich eine kleine Ehrennadel bekommen, vielleicht mit einer kleinen zerbrochenen Eisaxt darauf.

© Mark Harris 2001, Übersetzung Kurt Bangert

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