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Panorama am Alesjaure

Alesjaure - Abisko

(Fortsetzung der Vistasvagge - Tour)

(© 2000 Kurt Bangert und Carola Bläsing )

Wir erwachten und frühstückten gemütlich in einer der Hütten von Alesjaure, in der außer uns und Martin keine anderen Wanderer übernachtet hatten. Draußen regnete es, doch um so gemütlicher war es in der Hütte. Mit großer Ausdauer saß ich tagsüber in der Wohnküche auf der Bank, trank Espresso und studierte das Java - Taschenbuch, das ich seit einiger Zeit mit mir herumtrug. Etwas Bewegung mußte allerdings sein, so versuchte ich mit Carola, die Schlammfarbe aus den Hosenbeinen zu waschen, und verfolgte die Mäuse von Alesjaure aus der Nähe mit dem Fotoapparat.

  Maus in Alesjaure

Gegen Mittag kamen zwei schwedische Wanderer, die etwas durchnäßt schienen. Sie waren auf dem Kungsleden hierher gekommen, hatten gezeltet, kochten jetzt ein Mittagessen und hingen einige Kleidungsstücke zum Trocknen auf. Danach legten sie sich für eine Weile auf die Bänke zum Ausruhen. Wir unterhielten uns mit ihnen über die Möglichkeiten und ihre Pläne. Nach Norden über den Tjäktjapass war es ziemlich naß. Wanderer in einer anderen Hütte hatten von knietiefem Wasser auf Schnee über fast 5 km berichtet. Auf dem Weg über die Berge nach Unna Allakas mußte man ebenfalls mit sehr viel Schnee rechnen, schließlich war dieser Pass noch höher als Tjäktja. Um nicht das gleiche Stück Kungsleden zurückzugehen, wollten sie auf der anderen Seite des Alesjaure nach Süden wandern. Wir nahmen das zur Kenntnis, die beiden schienen einige Erfahrung zu haben, und wenn sie dort auf Probleme stoßen würden, blieb ihnen ja immer wieder die Möglichkeit, nach Alesjaure zurückzukommen. Am Nachmittag packten sie ihre Sachen und verließen die Hütte wieder, um die Nacht im Zelt zu verbringen.

Wir unternahmen noch einen Spaziergang in der Umgebung der Hütte. Der Abend war gemütlich, und die Nacht war sehr ruhig. Wir erwachten gut erholt am anderen Morgen.

Das Wetter hatte sich gebessert. Mit 24 km stand uns die längste Etappe des nördlichen Kungsledens bevor, aber vor 10 Uhr schafften wir den Aufbruch trotzdem nicht.

Watstelle am Tjålmejåkka

Wir wußten, daß wir bald einen Fluß durchwaten mußten, an dem die Brücke zusammengebrochen war. Einige Teile lagen noch im Fluß, der genauso kalt war, wie er aussah. Das Waten aber nicht schwierig, aber von einem Ufer zum anderen war es so weit, daß schon in der Mitte des Flusses die Füsse gefühllos wurden.

Wir wanderten auf dem Kungsleden weiter am Alesjaure entlang bis zum Nordende des Sees.

Abfluss des Alesjaure

Hier passierten wir den Abfluss des Alesjaure, der gleichzeitig die erste von drei Watstellen darstellt, die in der Fjällkartan markiert sind und die vom Kungsleden aus auf die andere Seite des Sees führen. Wenn man bedenkt, dass auch eine flach aussehende Watstelle dann doch leicht bis zum Knie geht, dann war offensichtlich, dass hier angesichts des Hochwassers an Waten überhaupt nicht zu denken war. Auf der anderen Seite saßen die beiden Wanderer, die am Vortag mit uns in der Hütte gewesen waren, und kochten eine Mahlzeit. Wir gingen noch weiter bis in die Nähe des Windschutzes, der der seit 1998 am Miesakjaure steht, und rasteten dann ebenfalls. Der Windschutz liegt am Winterweg und ist damit etwa 500 m vom Sommerweg entfernt. Inzwischen waren 7 km Luftlinie zwischen uns und den Alesjaurestugorna, doch sie schienen immer noch zum Greifen nahe.

Nach der Rast ging es weiter, der Abstieg hinunter nach Abiskojaure war sehr steinig. Ein japanischer Wanderer fiel uns auf, der etwas abseits vom Weg stand, seinen Tagesrucksack abgelegt hatte, ein grosses Bild in der Hand hielt und dieses mit der Landschaft verglich. Wir überlegten, ob wir ihn ansprechen sollten, denn bei unseren Aufenthalten in Japan war wir oft von hilfsbereiten Passanten angesprochen worden, sobald wir irgendwo stehen blieben und den Stadtplan auspackten. Doch in diesem Moment steckte er das Bild weg und ging zügig Richtung Alesjaure. Was konnte er vorhaben ? Es war 16 Uhr, bis Alesjaure waren es noch zwanzig Kilometer, und für eine Zeltübernachtung war er offensichtlich nicht ausgerüstet. Inzwischen war er schon nicht mehr zu sehen. Wir stiegen weiter ab.

Kartijåkkå

Von oben sahen wir auf den Kartijåkkå, der ebenfalls Hochwasser führte. Wir mußten ihn auf einer Brücke überqueren. Hier warteten Martin und zwei andere Wanderer. Die Szene war recht eindrucksvoll, und wir betrachteten sie mit Respekt. Der Flur war angeschwollen und tobte kaum einen halben Meter tiefer unter der Brücke hindurch. Einen Fehltritt konnte man sich hier nicht leisten, aber dank der Stahlseile und genügend breiter Bretter hatte man immer noch das Gefühl von Sicherheit. Viel höher durfte der Fluß aber nicht mehr steigen, sonst wäre das das Ende auch dieser Brücke. Zwei weitere einfache Kilometer, dann waren wir in Abiskojaure.

Hier herrschte das übliche lebhafte Treiben. Zu fünft in einem Zehnbettzimmer, das konnte man sich einrichten. Der Hüttenwirt war ein Deutscher, der in Norwegen lebte. Ich fragte, ob er den japanischen Wanderer kannte, und wir erfuhren, daß dieser als absoluter Kungsleden - Fan bekannt war. Vor Jahren hatte es einen schwedischen Fernsehfilm gegeben, der auf dem Kungsleden spielte und der auch in Japan gezeigt worden war. Seitdem hatte dieser Mann immer wieder Kungsleden - Touren unternommen und als wir ihn getroffen hatten, war er wohl gerade wieder dabei gewesen, ein Bild aus dem Film mit der Realität zu vergleichen. Nun, dann brauchte man sich wohl nicht um ihn zu sorgen.

Der Weg nach Abisko war einfach und kurz, wir waren schon dreimal im Sommer und zweimal im Winter auf der Strecke gewesen. Es gab nicht viel Neues zu sehen, außer dass der Wasserstand recht hoch war. An mehreren Stellen reichte der Fluß an den Weg heran.

Kungsleden bei Hochwasser

Näher an Abisko stand der Pfad unter Wasser, und wir mußten etwas durch den Wald ausholen. Am Abisko - Canyon wurde das Hochwasser noch einmal sehr eindrucksvoll sichtbar, und so blieben wir noch eine Zeitlang am Wasser sitzen, bevor wir endgültig zur Turiststation weitergingen. Wir nahmen ein Zimmer und gingen zum Abendessen, ein Luxus, den man nach einer Wandertour besonders genießt.

Ich kaufte Norbottens Kuriren und blätterte ihn durch. Im Süden, bei Kvikkjokk, hatte es das stärkste Hochwasser seit vierzig Jahren gegeben. Am Padjelantaleden war kein Durchkommen mehr, man hatte die Wanderer mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Einige Seiten weiter stieß ich auf eine Nachricht, die uns sehr betroffen machte. Ein Wanderer, sicherlich einer der beiden, die an unserem Ruhetag in Alesjaure in unserer Hütte gerastet hatten, hatte am Mieskjaure in der Nähe des Windschutzes, wo wir sie noch einmal gesehen hatten, einen Watversuch unternommen. Er war sofort im Wasser verschwunden und nicht mehr aufgetaucht. Seinem Kameraden war es gelungen, Wanderer auf dem Kungsleden zu alarmieren, die Hilfe holten. Doch die mit dem Hubschrauber eingeflogenen Taucher konnten nichts ausrichten. Erst am folgenden Tag wurde er ganz in der Nähe tot aufgefunden.

Wir fühlten uns sehr betroffen. Viele Gedanken gingen uns durch den Kopf, die ich nicht beschreiben kann. Sie endeten immer wieder mit der gleichen Frage, die wir nicht beantworten konnten: Es war eine offensichtliche Hochwassersituation gewesen. Warum hatte er, obwohl er sicher nicht unerfahren war, sich nicht für eine der vielen anderen Möglichkeiten entschieden, und stattdessen einen Watversuch unternommen ?

Am folgenden Tag hing ein Schild in der Turiststation, das Wanderern zu besonderer Vorsicht riet. Es erinnerte uns daran, daß selbst einfach und risikoarm aussehende Touren Gefahren in sich bergen können.

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Hinweis in Abisko Turiststation, 2000