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Panorama im unteren Vistasvagge

Im Vistasvagge

Nikkaluokta - Alesjaure, 52 km, 3 Tage

(© 2000 Kurt Bangert und Carola Bläsing )

Einleitung:

In diesem Jahr wollten wir noch vor den Sommerferien eine kurze Tour machen. Auf jeden Fall sollte es eine Tour sein, die wir noch nicht gegangen waren. Die Möglichkeiten sind von Jahr zu Jahr unterschiedlich, je nach Schneemenge und Wetterlage findet man unterschiedliche Bedingungen. Dieses Jahr gab es wohl relativ viel Schnee, und die Schneeschmelze war noch nicht abgeschlossen. In Kiruna gaben wir die Idee auf, von Kvikkjokk nach Süden zu wandern, denn da mußte man immer wieder über Höhen von 1000 m, und das war wohl während der Schneeschmelze nicht günstig. Das Vistasvagge schien uns eine gute Alternative zu sein, weil man als größte Höhe nur etwa 850 m erreicht. Falls es sich in Nikkaluokta herausstellen sollte, daß das auch nicht zu machen war, dann blieb uns immerhin noch der Kungsleden. Das sollte ja wohl auf jeden Fall gehen, so dachten wir. Allerdings kann auch dieser zur Schneeschmelze problematisch sein.

Eine Kartenskizze zur Orientierung findet sich hier.

Samstags um 10.30 stiegen wir in Kiruna in den Bus nach Nikkaluokta. Der berufliche Streß wurde von Jahr zu Jahr schlimmer, und dieses Mal hatten wir so wenig Zeit wie noch nie gehabt, um unsere Sachen zu packen. Eigentlich keine guten Voraussetzungen, denn 3 Tage lang mußten wir aus dem Rucksack leben. Einige wichtige Kleinigkeiten hatten wir noch in Kiruna besorgt. Im Bus war uns als Nichtrauchern gerade noch eingefallen, daß wir kein Feuerzeug hatten, um den Trangia anzuzünden. Ich nahm mir vor, die Packliste beim nächsten Mal wieder auszudrucken und genau durchzugehen.

Über die 50 km - Strecke, die wir durch das Vistasvagge wandern wollten, wußte ich nur das, was man aus der Karte herauslesen kann. Eine Wegbeschreibung hatte ich nicht gefunden, aber ein Tal zu durchwandern, sollte ja wohl nicht allzu schwer sein, selbst wenn der Weg nicht markiert war. Andererseits hatte ich aber auch keine großen Erwartungen an die Landschaft und die Tour, ich nahm an, daß sie vielleicht etwas eintönig sein würde.

Gegen Mittag waren wir in Nikkaluokta und gingen zunächst in den Shop im Hauptgebäude. Wir kauften zwei Feuerzeuge und stellten uns zu den Wanderern, die sich an der Rezeption über die Wetter- und Schneebedingungen informierten. Viel Neues kam beim Zuhören nicht heraus. Die meisten wollten ohnehin den Kungsleden wandern. Ein dänischer Lehrer war die Strecke durch das Vistasvagge gerade von Alesjaure her mit Jugendlichen gewandert, und er hatte keine Besonderheiten zu berichten. Es lag noch relativ viel Schnee in Nallo, so war zu hören, und die Schneeschmelze war im Gange, aber in den Niederungen des Vistasvagge sollte es insgesamt keine Probleme geben. Ein einzelner Wanderer, nämlich Martin aus Amsterdam, wollte die gleiche Tour gehen wie wir. Wir würden zwar nicht zusammen wandern, aber immerhin war es irgendwie beruhigend zu wissen, daß außer uns noch jemand im Tal war. Martin blieb tatsächlich auch der einzige Wanderer, den wir bis Alesjaure treffen sollten.

Gegen 12 Uhr wanderten wir los, zunächst knappe 2 km auf der Straße bis zum Beginn des Wanderweges. Ein Einheimischer sprach uns an. "Do you know there is a bridge missing 20 km from here ? The water is probably high and, perhaps, you might not be able to cross it." Mit einer Handbewegung deutete er Hüfthöhe an. Die Frage überraschte mich. War nicht die Jugendgruppe eben von Alesjaure hierher gewandert ? Irgendwie schien mir das nicht so einleuchtend. Deswegen fragte ich auch nicht, was ich hätte fragen sollen, nämlich welche von den drei Brücken er meinte, die irgendwo bei 20 km waren.

Martin wanderte vor uns, er war schneller, machte aber längere Pausen. Wir hatten unseren langsamen Trott, machten aber kaum Pausen. So sahen wir uns alle paar Stunden wieder, wenn wir uns gegenseitig überholten.

Die Landschaft erinnerte mich an den ersten Abschnitt des Padjelantaleden bei Kvikkjokk. Durch dichten Birkenwald führte der Weg ohne große Steigungen dahin. Manchmal lichtete sich der Wald, und immer wieder kreuzten wir kleine Bäche, die von den Bergen rechts des Weges herunterkamen.

Pfad im Vistasvagge

Manchmal war es schweißtreibend, wenn wir dazu in kleine Schluchten absteigen und an der anderen Seite wieder aufsteigen mußten, mit dem Gewicht von Essen für etwa 5 Tage im Rucksack. Manchmal stapften wir durch Schlamm, manchmal war der Weg komfortabel verstegt. Alles in allem kamen wir gut voran.

Inzwischen schien die Sonne, und es war wärmer geworden. Wir genossen das Gefühl, daß wir 2000 km vom Alltagsstreß entfernt waren. Alle Probleme des Alltags waren hier innerhalb weniger Stunden unbedeutend geworden.

Gegen 17 Uhr, gerade hatten wir wieder eines dieser kleinen Quertäler durchwandert, prüften wir die Karte, denn viel weiter wollten wir heute nicht mehr wandern. In den feuchten Quertälern gab es reichlich Mücken. Besser war es, einen Zeltplatz dazwischen zu nehmen. Wir konnten entweder noch etwa eine weitere Stunde wandern, um noch die nächste Niederung zu passieren, oder hier bleiben. Zwar waren wir erst 15 km gewandert, aber es machte sich bemerkbar, daß wir heute relativ früh aufgestanden waren, und so suchten wir uns einen Zeltplatz.

Martin überholte uns, er wollte noch einige Zeit wandern. Wir sprachen über die fehlende Brücke. Falls es am anderen Tag tatsächlich Probleme geben würde, einen Fluß zu überqueren, würde er an dieser Stelle auf uns warten.

Zeltplatz im Vistasvagge

Wir bauten das Zelt auf, ich holte Wasser. Hier gab es zur Zeit nur Oberflächenwasser aus kleinen Rinnsalen, das vom torfigen Morast braun gefärbt war. Bis zum Fluß war es zu weit, so ließ ich das Wasser eine Zeitlang kochen. Inzwischen hatte es sich unter den Mücken herumgesprochen, daß zwei Touristen angekommen waren, und so zogen wir uns zum Essen ins Zelt zurück.

Die helle Nacht war etwas unruhig, denn irgendwann nach Mitternacht waren ständig Hubschrauber zu hören. Die Sami flogen in ihre Sommerdörfer, und da es nicht dunkel wurde, spielte die Tageszeit nur eine untergeordnete Rolle. Irgendwann gegen 4 Uhr morgens wurde es wieder ruhiger.

Als wir wieder wach wurden, war es bereits sonnig. Wir konnten uns mit der Kleidung auf einen warmen Frühlingstag einstellen. Um 9.45 Uhr war das Zelt zusammengepackt, und wir konnten starten. Der Weg setzte sich durch Birkenwald und gelegentlich über Wiesen fort, bis wir an die erste Brücke von drei Brücken kamen, die in der Karte eingezeichnet sind. Nach etwa 8 bis 10 km Wanderung standen wir unvermittelt an der Uferböschung eines kleinen Flußlaufs. Der Weg schien sich an der anderen Seite fortzusetzen. Doch von der in der Karte eingezeichneten Brücke war nichts zu sehen. Wir verfolgten die Pfade, die am Flußufer auf unserer Seite in beide Richtungen liefen, Carola nach rechts, ich nach links, doch auch dabei zeigte sich keine Brücke. Da der Weg ja nicht markiert war, gab es auch keinen konkreten Hinweis, in welcher Richtung sie zu suchen war, wenn sie existierte. Mit dem Kompass konnte man hier nichts anfangen, und an das GPS dachte ich nicht, denn das mußte ganz offensichtlich die Stelle sein, von der der Einheimische gesprochen hatte. Sicherlich mußten wir hier waten. Das allerdings war nicht schwer, und so zögerten wir nicht lange und waren bald auf der anderen Seite.

Nach wenigen Metern endete der Weg jedoch an einer Lagerstelle. Jetzt endlich holte ich das GPS heraus, und es sagte eindeutig, daß wir uns nicht sehr intelligent verhalten hatten. Etwa 200 m hätten wir noch auf der anderen Seite am Fluß entlang wandern müssen, um zu der Stelle zu kommen, an der die Brücke eingezeichnet war. Auf unserer Seite ging das jetzt wegen der Felsblöcke nicht, die hier aufgestapelt waren, und so arbeiteten wir uns in etwas Abstand vom Fluß durch den Wald. Da war sie, die Brücke. Na gut, wir waren zurück auf dem Weg, doch hatte uns die Aktion eine knappe Stunde gekostet.

Nach nur 2 km war auf der Karte die nächste Brücke zu sehen, und parallel dazu war flußabwärts auch ein Weg ohne Brücke eingezeichnet. Diesmal suchten wir sehr gründlich nach der Brücke. Doch bald stand fest, daß hier keine mehr gab. Nur noch die Betonfundamente waren zu sehen. (Übrigens sollte die Brücke im Jahr 2000 wieder aufgebaut werden).

Wir wanderten 500 m zurück bis zu einer Stelle, wo ein Steinmännchen an dem ansonsten unmarkierten Weg die Abzweigung zu den Watstellen anzuzeigen schien. Ohne Pfad durchquerten wir lichten Birkenwald, und ohne Probleme durchwateten wir nacheinander 4 Flußarme. Die Strecken dazwischen gingen wir ebenfalls in den Sandalen. Die Füße waren vom kalten Wasser schnell gefühllos, doch immerhin wärmte uns wenigstens die Sonne von oben.

Nach knapp 2 weiteren Kilometern erreichten wir eine Abweigung, an der man auf einer Brücke den Vistasjåkka überqueren kann. Auf der anderen Flußseite führen Pfade ins Gebirge und am Fluß entlang. Von hier hatten wir einen wunderbaren Blick in das Unna Reaiddavàggi.

 
Vistasvagge, Blick ins Unna Reaiddavàggi

An der Brücke trafen wir Martin bei einer Rast. Er hatte geglaubt, daß wir vor ihm wären, aber wir waren nicht so früh gestartet, hatten uns an der ersten Brücke nicht sehr geschickt angestellt und daher viel Zeit verloren. Wir hielten uns nicht lange auf, wir wollten die letzten vier Kilometer hinter uns bringen. Der Pfad verlor sich in einem Wiesengelände. Mit etwas Glück fanden wir ihn am nächsten Waldrand schnell wieder. Leider diente er hier im Wald über längere Strecken gleichzeitig als Entwässerungsgraben. Unsere Hosenbeine färbten sich immer dunkler. Endlich öffnete sich eine Lichtung, und wir sahen die Vistasstugan und das Tal, in dem die Nallostugan liegt.

Die große Hütte war noch geschlossen, nur ein Vierbettraum war zugänglich. Bei gutem Wetter kochten wir mit dem Trangia im Freien auf einer Bank unser Abendessen und saßen danach in der Abendsonne. Das Stuor Räitavagge mit dem Nallo im Hintergrund sah verlockend aus. Es mußte sehr reizvoll sein, dort zu wandern, doch hatte man uns in Nikkaluokta wegen der Schneeschmelze eigentlich abgeraten.

Vistasstugan

Wir stellten unser Zelt am Flußufer auf, während Martin in der Hütte übernachtete. Die Nacht war ruhig, doch gegen Morgen hin prasselten Regentropfen auf das Zeltdach. Später weckte uns ein Poltern. Waren es Rentiere, die durch den Fluß zogen ? So schnell wie möglich öffnete ich das Zelt, die Kamera griffbereit. Nein, es war eine kleine Stein- und Schneelawine, die in einiger Entfernung an einer Felswand niederging.

Das Stuor Reaiddavàggi war wolkenverhangen, vom Nallo war nichts mehr zu sehen. Bei Regen war es bequemer, das Frühstück im Gebäude einzunehmen. Wir ließen uns Zeit dafür. Von Zeit zu Zeit hörte man das Gepolter fallender Steine in der Ferne. Waren die Steinlawinen ein Risiko ? Das hing sicher davon ab, wie weit man sich den Felswänden nähern mußte. Auf keinen Fall war es aber attraktiv, in Regenwetter über kniehohen Schneematsch zu laufen. , und das gab schließlich den Ausschlag. Wir entschieden uns, nach Alesjaure weiterzuwandern.

Unser gemächliches Frühstück zahlte sich aus, denn es hörte derweil auf zu regnen. Um 11 Uhr gingen wir zusammen mit Martin los. Der Weg führte zunächst im Flußtal des Vistasjåkka unterhalb der Steilkante des Vassatjårro entlang.

Miniatur-Lawine

Gelegentlich blieben wir stehen, wenn die Poltergeräusche zu hören waren, an die wir uns inzwischen gewöhnt hatten. Manchmal war das Geschehen in der niedrigen Wolkendecke verborgen, die die Berge einhüllte. Nie war es jedoch in unserer Nähe, und so schien es nicht bedrohlich zu sein.

Wir durchquerten nun eine Ebene, meist auf einem sehr guten Pfad, manchmal allerdings mußten wir über Blockfelder steigen. Eine Herde Rentiere kam schnell näher und passierte uns in geringem Abstand. Wir mußten einfach nur stehenbleiben, um sie aus der Nähe zu betrachten. Auf der anderen Seite des Flusses waren irgendwann einige große Steinblöcke aus der Wand gebrochen und würden dort wohl noch einige tausend Jahre liegen.

Im oberen Vistasvagge

Ein Polizeihubschrauber flog in niedriger Höhe den Pfad entlang, wohl um zu sehen, ob es hier irgendwelche Probleme gab. Er flog wohl bis Alesjaure, denn nach etwa 15 min kam er auf der gleichen Strecke zurück. Wir wußten natürlich nicht, daß an diesem Tag bei Kvikkjokk das Hochwasser einen Rekordstand erreicht hatte und einige Wanderer vom Padjelantaleden ausgeflogen werden mußten, weil Brücken weggespült waren. Immerhin war es im nachhinein beruhigend, daß man in dieser Situation Hilfe bekommen hätte.

 Mårmajåkka

Das Talende rückte näher. Für etwa zwei Kilometer folgt der Weg nun nicht mehr dem Vistasjåkka, sondern dem Mårmajåkka, der von rechts aus dem Gebrige kommt. Den eindrucksvollen Canyon des Mårmajåkka überquert man auf einer Brücke. Dahinter beginnt ein etwas steilerer, aber kurzer Anstieg von etwa 100 m, und man erreicht das Hochplateau mit den Tjatjajaure - Seen.

Tjatjajaure

Dort lag noch Schnee, die Seen waren am Rande noch nicht aufgetaut. Doch der Weg war einfach, wir mußten nur wenige kurze Schneefelder passieren.

Sameviste am Alesjaure

Inzwischen waren wir müde geworden. Endlich begann der Abstieg hinunter zum Alesjaure. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis der See endlich zu sehen war. Die Alesjaurestugorna lagen direkt vor uns, doch eine Dreiviertelstunde dauerte es noch. Der Weg führte mitten durch die Sameviste. Eine Abkürzung

Gegen 19 Uhr erreichten wir die Alesjaure-Hütten, kurz nach uns kam auch Martin an. In einer der Hütten waren noch alle Zimmer frei, und so breiteten wir uns hier aus. Bald war es warm in der Wohnküche. Wir konnten uns beim Abendessen Zeit lassen, denn morgen wollten wir nicht weiter wandern, sondern einen gemütlichen Ruhetag einlegen. Für den Rest des Abends stand ein Besuch in der Sauna, ein Lapinkulta und anschliessendes Ausschlafen in einem richtigen Bett auf dem Programm. War es vielleicht das gleiche Zimmer, in dem wir schon 1992 übernachtet hatten ? Der Blick aus dem Fenster war ganz ähnlich.

Die vergangenen drei Tage zogen noch einmal an mir vorbei. Die Wanderung durch das Vistasvagge war viel beeindruckender gewesen, als ich erwartet hatte. Drei Tage an einem Fluß entlang zu wandern, hatte ich mir eigentlich nicht sehr interessant vorgestellt. Doch der unmarkierte Wildnispfad, die Watstellen, die Einsamkeit, und vor allem der allmähliche Wechsel der Landschaft vom Birkenwald zu Schnee und Eis, das alles hatte die Tour abwechslungsreich und eindrucksvoll werden lassen. Nun blieben noch ein Ruhetag in Alesjaure und zwei einfache Wandertage auf dem Kungsleden, die wohl nicht viel Anstrengung kosten würden.

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