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Bei Tjäktjastugan

Nördlicher Kungsleden und ein Ausflug nach Nallo

(Abisko Turistation - Kebnekaise Fjällstation - Nikkaluokta)

Teil I: Abisko - Tjäktja | weiter zu Teil II (Tjäktja - Nikkaluokta)

April 1998

Wenn Du gerne nur ein paar Fotos betrachten möchtest - die von Tjäktja gefallen mir am besten.

Nachdem wir im vergangenen Jahr schon am zweiten Tag der Tour am Anstieg zum Alisvagge umgedreht hatten, wollte ich in diesem Jahr lieber eine ganz andere Strecke gehen. Ich hatte die unbestimmte Befürchtung, wir würden vielleicht wieder aus irgendeinem Grund am Alisvagge nicht weiterkommen, und da wir erst zum Ende der Saison fahren konnten, würde es ja womöglich diesmal regnen. Der südliche Kungsleden zwischen Hemavan und Ammarnäs schien gewisse Vorteile zu haben, es gab zum Beispiel Proviant auf jeder Hütte, was unser Gepäck erleichtern würde. Die Anreise erwies sich aber schließlich als problematisch, preiswerte Flüge waren bereits ausgebucht und eine tagelange Busfahrt war uns zu umständlich. Viel Zeit, um eine völlig neue Planung zu machen, hatten wir nun aber auch nicht mehr. Also doch wieder Abisko - Kebnekaise. Für diese Strecke war die Anreise einfach und wir brauchten uns auch nicht weiter darauf vorzubereiten. Der Termin war schon lange vorher auf den 18. April festgelegt, weil ich meinen Kollegen den Urlaub in den Osterferien abgetreten hatte. Unsere Ausrüstung hatten wir reduziert und noch einige Kilogramm eingespart, hauptsächlich an der Kleidung.

Die Zeit vor der Abreise war von beruflichem Streß geprägt. Irgendwie schafften wir es trotzdem, uns samstags nach Kiruna zurückzuziehen. Wir kauften noch die restlichen Lebensmittel, und am Sonntag besuchten wir auch wieder den Iglu in Jukkasjärvi. Den Rest der Zeit verschliefen wir oder brachten ihn in der bastu des Hotels zu. Montags wollten wir den Mittagszug nach Abisko nehmen, sofort auf die Strecke gehen und abends schon in Abiskojaure sein.

Am Montagmorgen gegen 8 Uhr saßen wir im Frühstücksraum des Hotels und suchten in der Zeitung nach dem Wetterbericht. Heute und morgen sah es gut aus, aber dann sollte es richtig warm werden und eine Regenfront auf das Fjällgebiet übergreifen. Ich war geschockt. Monatelang hatte ich mich auf die Tour gefreut, und nun würde uns der Regen wohl genau am Tjäktja-Paß treffen. Sicherlich würde es dort stürmisch werden, und wir würden dort hängenbleiben. Sollten wir die Tour vielleicht doch lieber gleich sein lassen ? Carola war vom Wetterbericht nicht sehr beeindruckt. Was immer diese großen Computer ausgerechnet hatten, im vergangenen Jahr hatten wir schlechtes Wetter gehabt und deshalb mußte es dieses Jahr gut werden, so war ihre feste Meinung.

Einige gefährlich vereiste Passagen zwischen Hotel und Bahnhof meisterten wir mit Hilfe der Skistöcke und dann saßen wir im Zug nach Narvik. Gegen 12.30 Uhr hielt der Zug in Abisko Turiststation. Die Ski ließen wir am Bahnhofshäuschen stehen und gingen nur noch über die Straße zur Station, um die Rucksäcke zu wiegen und auf den dortigen Wetterbericht zu sehen, der aber diesmal keine Langzeitprognose hatte. Carola hatte 18 kg und ich 20 kg Gepäck, jeweils ohne Kamera. Immerhin, mindestens drei bis vier Kilogramm weniger als letztes Jahr. Wir gingen ohne weiteren Aufenthalt los. Es war genau 13.00 Uhr, als wir das Protal des Kungsleden passierten. Carola hatte mich überzeugt, es nur mit einem Fleece-Pullover ohne Anorak zu versuchen, und schon bald tauschte ich ihn sogar noch gegen einen dünneren. Wir erreichten schwitzend die Höhe, auf der der Weg von Abisko Östra hereinkommt, und die erste Abfahrt gab uns eine kurze Erholung. Es lag recht wenig Schnee, aber noch ließ es sich zufriedenstellend fahren. Manchmal überquerten wir Eisflächen, an denen Schmelzwasser wieder gefroren war. Wir passierten den Ballakjakka in der Nähe der Brücke und machten dort wie im Vorjahr eine kurze Pause.

 Zwischen Abisko und Abiskojaure

Wir kamen gut voran. Den Spuren, die jetzt zum Fluß führten, folgten wir nicht, bei Temperaturen um die Null wollten wir lieber vorsichtig sein und auf dem markierten Weg bleiben. Kurz vor 17 Uhr hatten wir das Ufer des Abiskojaure erreicht und fuhren auf den See hinaus. Nach einiger Zeit kam uns ein Skooter entgegen, das Eis schien keine Probleme zu machen. Im letzten Drittel allerdings klang es an manchen Stellen merkwürdig hohl und lange Risse durchzogen die Oberfläche, die dann wieder zusammengefroren waren. Leider war das Eis auch kaum mit Schnee bedeckt, so daß wir oft mit den Stöcken schieben mußten, um voranzukommen. Zur Hütte hin vermieden wir es, nach rechts abzuweichen, wo ein Hinweisschild vor dünnerem Eis warnte. Gegen 18 Uhr konnten wir die Ski an der Hütte abstellen.

Die Abiskojaurestugan ist zweigeteilt, im linken Teil hatten sich bereits einige Wanderer eingerichtet, und so gingen wir mit einem älteren Schweden zusammen in den kleineren Raum des rechten Teils. Im Hüttenbuch las ich, daß gestern eine geführte Gruppe des STF hier übernachtet hatte, meist Schweden, aber auch ein Deutscher und ein Niederländer waren dabei. Bis gegen 19.00 Uhr blieb es recht ruhig, dann traf eine Gruppe von Franzosen ein. Sie waren mit uns im Zug gewesen und hatten sich in Abisko noch Ausrüstung gemietet. Die Vorräte transportierten sie in einer XXL - Pulka von "Fjellpulken". Ich nahm an, daß es sich bei der Gruppe ebenfalls um eine geführte Tour handelte. Sie richteten sich in dem anderen Raum der Hütte ein, der ausreichend groß war, um alle aufzunehmen. Nach dem Abendessen waren wir so müde, daß wir uns schon bald in unseren Raum zurückzogen. Die Gruppe feierte fröhlich mit Rotwein noch einige Zeit den erfolgreichen ersten Tag der Tour.

Wir hatten zwar den Ofen in unserem Raum nicht in Gang gesetzt, aber die Gruppe hatte mit Begeisterung den Aufenthaltsraum so stark geheizt, daß die Hitze durch die dünnen Wände auch auf unseren Schlafraum übergegangen war. Anfangs deckte ich mich noch mit dem Daunenschlafsack zu (es war doch schließlich eine Wintertour ?), aber bald lag ich da und war nur noch in das dünne Inlett gehüllt, und immer noch war es zu warm. Ich schwitzte und mußte auch noch ständig trinken. Selbst zum Morgen hin ließ die Hitze kaum nach. Um sieben Uhr standen wir mit unserem Zimmergenossen auf, noch bevor sich im anderen Raum etwas regte, und kurz nach acht zogen wir los. Der heutige Tag brachte mit 20 km die längste Strecke und mit 400 m Anstieg auch den anstrengendsten Abschnitt der Tour. Die Luft war noch kalt, und so startete ich wieder mit dem dickeren Fleecepullover, aber die Sonne brannte vom Himmel, und so tauschte ich ihn bald wieder gegen einen dünneren. Der Weg führt recht flach zunächst 3 km im Tal entlang bis zur Abzweigung des Weges nach Unna Allakas. Bald danach beginnt der Anstieg. Unterwegs waren wir neben einer Gruppe von 5 schwedischen Frauen hergefahren. Eine davon wurde von einem Husky unterstützt, sofern es dieser nicht vorzog, einfach nur neben ihr herzulaufen. Im Vorjahr waren wir mit unseren Ski im lockeren Schnee die ganze Steigung hinaufgestiegen, aber dieses Jahr griffen sie in dem vereisten Altschnee schon gleich am Anfang nicht mehr. Auch die Frauen blieben stehen. Sollten wir jetzt vielleicht die Steigfelle aufziehen ? Wir hatten sie allerdings noch nie ausprobiert. Vielleicht war es nicht so günstig, gerade hier mit etwas Neuem anzufangen, was sicher etwas Zeit kosten würde. Also zogen wir stattdessen unsere leichten Winterstiefel an und befestigten die Ski am Rucksack. Die Frauen klebten derweil Steigfelle auf. Mit den Schuhen kamen wir auf der festgefahrenen Spur so einfach und schnell voran, daß wir selbst davon überrascht waren. War das nicht eigentlich eine Skitour ? Mit Schuhen ging es offensichtlich wesentlich besser.

Anstieg zum Alisvagge

Schon bald hatten wir einen Vorsprung, der sich ständig vergrößerte, bis von den anderen nichts mehr zu sehen war. Ich überlegte, ob wir vielleicht einfach bis nach Alesjaure so weitergehen sollten. Der einzige Nachteil war, daß wir die Skier tragen mußten und dadurch der Rucksack schwerer war. Hätte ich jetzt eine Pulka gehabt, wäre ich wohl vorerst bei den Schuhen geblieben. Nachdem die Steigung aber abgeflacht war, fuhren wir dann schließlich doch mit Skiern weiter.

 Anstieg zum Alisvagge

Wir liefen lange Zeit auf einer auf einer breiten, von Skootern festgefahrenen Spur an einem Abhang entlang, der nach rechts leicht anstieg. Sehr störend war, daß unsere Ski offensichtlich keine Seitenstabilität hatten und ständig nach links abrutschten, und wir mußten wir andauernd Kraft aufwenden, um sie zurückzuholen. Dennoch kamen wir gut voran, passierten einen Rentierzaun und nahmen das zum Anlaß für eine kurze Rast. Das nächste Zwischenziel war der Windschutz, der seit 1997 an einer Stelle 8 km vor Alesjaure genau am Winterleden steht.

Am Alesjaure

Wir konnten ihn schon lange erkennen, aber es waren noch zwei Kilometer, die wir zurücklegen mußten. Kurz vor dem Windschutz überholten uns die Frauen wieder, sie hatten inzwischen erheblich an Geschwindigkeit zugelegt. Wir rollten die Liegematten im Schnee aus, legten uns in die Sonne, aßen und tranken. Eine Weile später kamen auch die Franzosen an, sie mußten demnach auch sehr schnell gewesen sein, wobei natürlich eine Rolle spielte, daß die einzelnen Gruppenmitglieder keinen Proviant und wesentlich weniger Ausrüstung als wir transportierten. Die restlichen 8 km waren ohne große Höhenunterschiede, wir konnten die Alesjaure-Hütten schon bald sehen. Die französische Gruppe startete nach uns zu diesem zweiten Abschnitt, nahm aber den direkten Weg über den Alesjaure auf die Hütten zu. Wir zogen den markierten Weg vor, der um den See herumführte. Zum Ende hin stieg der Winterleden noch einmal an, um dann zur Hütte hin wieder abzufallen. Wir stellten fest, daß wir nun doch sehr ermüdet waren, was aber nach diesem Tag nicht verwunderlich war.

Alesjaure ist als Hütte recht komfortabel, und wir suchten uns ein Vierbettzimmer aus in der Hoffnung, dort alleine zu bleiben. Die französische Gruppe traf kurz nach uns ein und belegte den großen Raum. Ich bewunderte die perfekten Abläufe, die der Führer der Gruppe koordinierte. Bereits wenige Minuten nach dem Eintreffen waren zwei Mitglieder dabei Holz zu sägen, zwei andere füllten das Wasser aus den Eimern in die großen Töpfe um und zogen los, um mehr Wasser zu holen, einige deckten den Tisch, und manche standen vor der Tür, um filterlose selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen. Das Zusammensein mit der Gruppe hatte für uns Vorteile, denn sie übernahmen alle anfallenden Aufgaben bereits so perfekt, daß für uns nichts zu tun übrig blieb. Allerdings, wir hätten wohl auch nur wenig geheizt und kaum Wasser verbraucht. Nach und nach trafen noch mehr Skifahrer ein, aber die Hütte war so groß, daß alle kleinen Gruppen eigene Zimmer bekommen konnten. Bis zum Beginn der gemischten bastu um 19.00 Uhr ruhten wir uns aus, und nach zwei Saunagängen und einem Lapinkulta aus der butik fielen wir in einen tiefen und festen Schlaf.

Um sieben Uhr stand ich auf, um unser Frühstück zu bereiten. Der Himmel war wiederum blau bei -2 Grad. Um acht Uhr wurde der neue Wetterbericht aufgehängt, es gab keinen Anhalt für eine Änderung. Heute wollten wir nur die 13 km Strecke bis Tjäktja gehen. Statt eines Ruhetags, an dem wir sehr gut den Komfort von Alesjaure hätte genießen können, hatten wir dann zumindest einen Tag ohne größere Anstrengung. Wir trugen die Ski zum Fluß hinunter und schnallten sie an. Weil ich dachte, daß es am Morgen noch relativ kalt sein würde, hatte ich zunächst den dickeren Fleece-Pullover angezogen, den ich aber schon bald gegen den dünneren tauschte, weil die Sonne von Himmel brannte.

Blick zurück nach Alesjaure

Der Weg führte mit einigen kleineren Steigungen und Abfahrten das Alisvagge entlang, und wir blickten zurück, um die Aussicht zu genießen und Fotos zu machen. Die Franzosen waren inzwischen an uns vorübergezogen, die Frauen ohnehin vor uns gestartet. Die Landschaft, das Wetter, unsere Stimmung, alles war perfekt. Überall hörte man die schnarrenden Rufe der Schneehühner.

Bei Tjäktastugan

Etwa drei Kilometer vor der Tjäktja-Hütte begann ein Anstieg, der schließlich am Tjäktja-Paß enden würde. Wir hatten es nicht eilig, und einige Felsen , die nacheinander sonnenbeschienen am Weg lagen, verlockten zu einer Rast. Der erste war von einem Schneehuhn besetzt, so wählten wir den übernächsten. Ich verzichtete darauf, dem Schneehuhn mit der Kamera zu Leibe zu rücken, sicherlich wollte es in Ruhe die Wärme genießen wie wir, und das wollte ich ihm gönnen. Mit heißem Wasser aus der Thermosflasche bereiteten wir eine Suppe, dazu gab es Knäckebrot mit Käse aus der Tube. Das Schneehuhn hatte inzwischen seinen Platz aufgegeben, um neugierig einen Felsen näherzurücken. Von hier verfolgten wir, wie die anderen Skifahrer nach und nach den Anstieg zum Paß hinter sich brachten und aus der Sicht verschwanden. Offensichtlich gingen heute alle direkt nach Sälka oder Nallo. Nallo wäre sicher interessant gewesen, doch wollte ich auch den Tjäktja-Pass sehen.

Um zur Hütte zu kommen, mußten wir noch einen nicht sehr langen, aber steilen Anstieg bewältigen, der sehr anstrengend war. Bis uns richtig auffiel, daß wir vielleicht Steigfelle oder Schuhe gebraucht hätten, lohnte es sich schon nicht mehr.

Abfahrt nach Tjäktjastugan

Noch eine kurze Abfahrt, und wir hatten die Hütte erreicht. Vor Tjäktja ist es ist anzuraten, auf dem markierten Weg zu bleiben, denn auf dem kürzer scheinenden direkten Weg hat man Probleme, die Schlucht eines kleinen Flusses zu überqueren.

Wir nahmen ein Zimmer in der leeren Hütte und machten es uns gemütlich. Unter der nahen Brücke gab es ein Wasserloch, und ein Zettel informierte, daß man mit einer Pulka und einem Kanister Wasser holen konnte, es aber einfacher sei, statt dessen Schnee zu schmelzen. Außer der Hüttenwirtin, die abends die Übernachtungsgebühr kassierte, sahen wir an diesem Tag niemand mehr. Gestern war die STF-Gruppe hier gewesen, auch sie hatten am dritten Tag nur diese kurze Strecke gemacht. Der Nachmittag und Abend verging mit kleinen Fotospaziergängen, Essen, Lesen und den notwendigen Hausarbeiten.

Plötzlich bemerkten wir, daß es bereits 23.00 Uhr war, wir mußten ins Bett. Die Hoffnung auf Nordlichter gaben wir auf, es war immer noch nicht richtig dunkel. Auch der von den Wettercomputern vor 3 Tagen angekündigte Regen war nirgendwo zu entdecken, und ein plötzlich aufkommender Wind legte sich nach kurzer Zeit wieder, so daß wir eine ruhige Nacht verbrachten. Einige Impressionen von diesem Abend in Tjäktja sind auf einer gesonderten Seite zu sehen.

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Brücke bei Tjäktjastugan