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Tourbericht von Lappland 1999

von Mark Harris

Aus unerklärlichen Gründen ließ ich den wärmsten Sommer zurück, den man sich im südlichen Schweden vorstellen konnte, um eine Drei-Tages-Wanderung in Lappland zu machen, wo sie den schlechtesten Sommer seit Jahren hatten. Ich fuhr sogar ein paar Tage früher dorthin und verbrachte einen Tag mit Paddeln auf den Torneträsk bei 4 Grad in Wind und Regen, um sicherzugehen, daß sich meine Erkältung auf der Tour nicht verschlimmern würde. Mit Al, meinem exotischen Partner aus Tasmanien, erreichte ich schließlich die Bahnstation Vassijaure. Wir hatten eigentlich die normale Wanderroute nehmen wollen, die von der Station Låktatjåkka ins Gebirge führt, aber zu spät bemerkt, daß der Zug dort nicht mehr hielt. So entschieden wir uns, durch das parallele Kärkevagge zu gehen, anstatt eine Stunde an der Eisenbahn entlang zu wandern.

Die ersten paar Stunden waren angenehm, 10 Grad, sonnig, und eine frische Brise wehte von Südwest, wärend wir allmählich auf 5 Kilometern 300 m anstiegen. Der Weg führte durch Blaubeerbüsche und Zwergbirken, die im späten August gerade begannen, die Farben zu wechseln.

Am Talboden konnten wir die markanten Felsen sehen, die viele Tagesbesucher anziehen, aber unser Ziel war der Trollsee, der in einem eindrucksvollen Kessel oben im Tal liegt. Als wir uns ihm näherten, konnten wir weiße Schaumkronen auf seiner Oberfläche erkennen, was erstaunlich war, denn er ist von allen Seiten außer Nordwest vor Wind geschützt. Als wir dort waren, zeigte mein Windmesser den Maximalausschlag von 30 m/s, und so konnten wir ahnen, wie es wohl 600 m oberhalb der schützenden Wände blasen würde. Der einzige Weg, das zu erfahren, war offensichtlich, eine begehbare Route auf dem unregelmäßigen Hang zu finden. Die ersten 200 m Anstieg hatten durchschnittlich 45 Grad Neigung, und ich kämpfte schwer, bis ich noch einmal 5 kg Essen an Al gab, so daß er jetzt 25 kg und ich 15 kg hatte. Es machte noch immer nicht den Vorteil von 15 Jahren wett, die sein Körper weniger gealtert war als meiner, und die Tatsache, daß er offensichtlich von Bergziegen abstammte. Aber schließlich erreichten wir beide die 1200 m Marke. Hier flachte die Steigung ab, allerdings machten es 10 cm Neuschnee jetzt schwer, über das darunterliegende unsichtbare Geröll zu gehen.

Nachdem wir viele Beinahe-Gipfel hinter uns gebracht hatten, standen wir jetzt 40 m unterhalb des Karketjårro (1388 m), hatten aber keinen Ehrgeiz, den Gipfel zu erobern, denn der scheußliche Wind führte 4 Grad kalten Regen mit sich. Trotzdem hatten wir eine schöne Aussicht über das Tal zur anderen Seite, wo die Låktatjåkka Bergstation in 4 km Entfernung majestätisch am Pass stand .

Wir entschieden uns, an einem der Seen im Kuoblavagge zu campen, wo es vielleicht etwas geschützter war, und gingen zwischen den Peaks 1419 und 1391 hindurch, wobei wir uns um den See unterhalb davon quetschten.

Die Bedingungen waren härter als auf den meisten der Wintertouren, die ich gemacht hatte, und der Regen kühlte mich schneller aus als ein -20°C Schneesturm. Der See war das erste Gewässer, das wir seit Stunden gesehen hatten, und wir tranken so viel von der eisigen Flüssigkeit, wie wir konnten. Das belebte mich wieder, und ich erkannte, daß ich dehydriert gewesen war. Ich fühlte mich wieder so gut, daß ich beinahe Al's Begeisterung darüber geteilt hätte, was für einen großen Spaß wir hier hatten.

Unser Ziel tauchte auf, doch es war enttäuschend. Statt eines grünen, angenehmen Zeltplatzes, auf den wir gehofft hatten, war Kuoblavagge eine dunkle, abweisend aussehende Mischung von scharfen Granitblöcken und Schlammlöchern 150 m unter uns. Aber hier, wo wir waren, konnten wir auch nicht zelten, denn der Schnee, der das Geröll bedeckte, würde das Zelt nicht tragen. Wir waren 800 m aufgestiegen und hatten in schwierigem Gelände14 km zurückgelegt, und so wollten wir nicht noch weiter gehen. Al machte den ungewöhnlichen Vorschlag, daß wir auf dem Gletscher zelten sollten, neben dem wir standen, und ich stimmte zu. Der Schnee war fester und tiefer, und das Eis würde ihn kühlen, so daß er nicht von unserer Körperwärme schmelzen würde.

Das größte Problem war, auf den abfallenden Hang einen flachen Untergrund zu schaffen, denn aus irgendeinem Grund hatte ich es nicht für notwendig gehalten, auf dieser Sommertour eine Schneeschaufel mitzunehmen. Aber mit Händen und Füßen machten wir unsere Arbeit und lagen bald sicher in unserem neuen Heim. Na gut, sicher, bis dann der Regen anfing, den Schnee zu schmelzen, den wir um die Heringe gepackt hatten, und der Sturmwind einen nach dem anderen herauszog. Wir mußten hinausrennen und mit großen Felsen und Leinen arbeiten, um dem Innenzelt das gleiche Schicksal zu ersparen.

Wir erklärten den Notstand, damit wir uns zu erlauben konnten, die gefriergetrockneten Fertigmahlzeiten zu verwenden, die ich für solche Fälle reserviert hatte. Aber sogar das führte zum Verlust unserer Pfanne, die als Deckel auf dem Wassertopf diente. Sie wurde von einer Windböe gepackt und machte einen Spurt in die Freiheit, beschleunigte quer über den Gletscher, bis sie als Unidentified Frying Object in 100 m Enfernung über den Rand unseres gefrorenen Unversums verschwand.

Der Wind schien in der Nacht schlimmer zu werden, und bei dem Lärm, der Sorge, daß etwas am Zelt brechen könnte, und den interessant geformten Eisgebilden, die jetzt unsere Betten waren, war es keine der erholsamsten Nächte. Die aluminisierten Tüten vom Abendessen mußten als Urinbeutel dienen, denn wir hatten keine Lust, uns dem Wetter auszusetzen.

Zum Morgen hin verwandelte sich der Regen in Schnee, und es war harte Arbeit, das Zelt unter der Masse Graupel auszugraben, die die Windseite eindrückte. Es schneite immer noch bei 10-15 m/s Wind, während wir am oberen Ende des Gletschers entlang wanderten, sorgfältig den Hauptteil vermeidend, wo Spalten lauern konnten. Trotzdem schaffte es Al, in ein metertiefes Loch zu fallen, das sich bei genauerer Betrachtung als Hohlraum an der Seite einer Holzhütte herausstellte. Er war von einem Dach gefallen. Bald darauf hatten wir die Seen 150 m unter uns erreicht, der Schnee verwandelte sich wieder in Regen, und die Vegetation wurde sichtbar, während wir weiter hinunter ins Tal gingen. An der Verbindung mit dem Kårsavagge hatten wir sogar etwas Sonne, die die spektakuläre Aussicht beleuchtete, nach Westen auf den schneebedeckten Piran und nach Osten in das Tal des Sees Kårsavaggejaure. Der nächste steile 600 m Abstieg war noch einmal hart, da mein Rucksack nun wieder 20 kg wog, und ich war froh, als die 90 Jahre alte Hütte in Sicht kam. Es ist eine der wenigen Hütten, die so lange überlebt haben, und das alte Holz gibt ihr eine wundervolle Atmosphäre.

Al war ruhelos und unternahm eine Dreistundentour zu einem Hügel, während ich herumlungerte, Tee trank, und mich mit der bewundernswerten Pia unterhielt, der freundlichsten und coolsten Hüttenwirtin, die ich jemals traf. Am Abend heizten Al und ich den Ofen an, um unsere Ausrüstung zu trocknen, und am nächsten Morgen setzten wir die Tour fort, erfrischt und trocken, in bestem Wetter, kein Wind, 10°C und Sonne. Pia begleitete uns die ersten paar Stunden 600 m hoch zu Kårsavagge, und lehrte uns Kula, eine Art skandinavischem Jodler, bevor sie uns verließ, um die Leute an der Forschungsstation zu fragen, ob sie vielleicht Pläne hatten, am Abend die Sauna anzuheizen. Ich nehme an daß die Antwort ja sein würde.

Nun wurden wir für die vorangegangenen harten Tage belohnt, wir wanderten im T-Shirt durch hochgelegenes, leichtes Gelände mit fantastischem Blick auf die umgebenden Gipfel. Es war interessant festzustellen, daß nur 6 bis 7 km in den Regenschatten der Berge hinein die Schneegrenze sich um mehrere hundert Meter nach oben verschoben hatte. Wir beeilten uns nicht, und es war 7 Uhr abends, als wir das obere Ende der Skihänge von Abisko erreichten, mit dem Blick auf den Torneträsk und hinüber zu Lapporten. Beinähe hätten wir hier in der Abendsonne gezeltet, doch die Lust auf ein Bier und eine Sauna trieben uns in die Turiststation nach unten.

Alles in allem war es eine schöne Tour, aber mit besserem Wetter wäre es noch schöner gewesen. Später hörten wir, daß an der Tarfala-Forschungsstation der Wind die Hurrikan-Stärke erreicht hatte, während wir zelteten, und daß Pia erwogen hatte, die Hütte zu verlassen aus Angst, sie könnte umgeblasen werden. Ein Lob ohne Einschränkung für Hillebergs Zeltkonstruktion.

Postscript :

Erinnerst Du Dich an das Haus, vom dem Al herunterfiel ? Ja, ein paar Wochen später erhielt ich einen Telefonanruf von einem aufgeregten Gletscher-Archäologen, der die Geschichte gehört hatte und einen Hubschrauber mit Forschern dorthin geschickt hatte, weil er glaubte, daß das ein wichtiges Stück Geschichte wäre, das aufgetaucht war, weil die Gletscher ungewöhnlich weit zurückgegangen waren. Ich ärgerte mich, daß ich damals die Bedeutung nicht erkannt hatte und es nicht fotografiert hatte und noch nicht einmal die Position besstimmt hatte. Ich gab ihm alle Informationen, die ich hatte. Woran ich mich erinnerte, als Al in den Boden fiel, war folgendes:

Das Loch war ein-oder zweihundert Meter südlich unseres Zeltplatzes (bei SG E1607596 N7589776), etwa einen Meter tief und einen halben Meter breit. In der Tiefe dehnte es sich senkrecht zu unserem südlichen Pfad aus. Entlang der Rückwand bzw. nördlichen Wand waren einige Dezimeter von etwas zu sehen, das wie Holz aussah, das man aufeinandergesetzt hatte, um eine Wand zu bilden. Der höchste sichtbare Abschnitt war weniger als einen halben Meter unter der Oberfläche, wobei es mich sofort wunderte, wo das Dach sein mochte, wenn es ein Gebäude war. Ich wunderte mich auch, warum das Loch, in das wir schauten, sich nicht mit Schnee aufgefüllt hatte, und außerdem, warum hier überhaupt so eine Konstruktion sein sollte. Wir machten damals Witze, daß wir uns hätten in die Tiefe zur Tür graben sollen, anstatt die Nacht im Zelt zu verbringen, und dann zogen wir weiter und dachten, daß zugeschneite Gebäude etwas sind, das man in Lappland immer wieder findet, oder daß es ein kleiner Bunker war. Wir fragten später Pia, was es sein mochte, und dadurch erfuhr es Christer Jonasson, der Glaciologe und Direktor der Abisko Scientific Research Station.

Aber sein Team fand nichts, und so war ich am nächsten Tag unerwartet auf dem Weg nach Abisko, und dann mit dem Hubschrauber in zehn Minuten am Gletscher (verglichen mit 6 Stunden Wandern ). Wir fanden schnell die Stelle, wo wir gezeltet hatten, aber da der ganze Schnee verschwunden war, war es schwer, die gerade Linie zu identifizieren, die wir damals in dem Schneesturm zum oberen Ende des Gletschers genommen hatten. Tatsächlich hatte der Gletscher eine Lippe, die in das überhing, was wir für ein frisches Schneefeld gehalten hatten, und so waren wir wahrscheinlich direkt über den Mittelteil gelaufen, von dem wir jetzt sahen, daß er mit Spalten von 4 m Tiefe durchsetzt war. Diese waren nicht durch die Spannungen entstanden, sondern durch Wasser erodiert. Und so mäandrierten sie, was erklärte, daß wir nur ein paar Dezimeter von dem Holz gesehen hatten, wenn der Außenrand eines Mäanders gerade die Struktur erreicht hatte. Als ich die erste dieser Spalten sah, wurde ich aufgeregt, denn bis dahin hatte ich gedacht, daß wir im lockeren Schnee suchen würden, um ein Loch zu finden, aber jetzt schien es, daß Al in eine dieser Spalten gefallen war und dabei ein rundes Loch in den Schnee gerissen hatten. Aber leider, nach 3 Stunden Herumwandern, während wir in jede Spalte schauten, war noch nichts aufgetaucht, was unserer Holzhütte ähnlich sah. Meine schlimmste Befürchtung war, daß wir eine Felswand finden würden, die wie Holz gestreift war, aber wir fanden überhaupt keinen flachen Fels. Nach einem Monat mit warmem, trockenem Wetter seit unserer Entdeckung war es schwer, sich vorzustellen, daß die Wand nun weniger sichtbar sein sollte, obwohl, wenn es ein Abflußloch war, konnte es sich mit Schnee gefült haben, nachdem wir weg waren. So war wohl doch die wahrscheinlichste Erklärung, daß die Außerirdischen ihre Siedlungen unter der polaren Eiskappe inzwischen in wärmere Gebiete verlegt hatten oder daß ihre Aktivitäten von der Regierung aufgedeckt worden waren . Oder vielleicht, daß wir nicht an der richtigen Stelle gesucht hatten.

Wie auch immer, ich genoß meinen Extratrip, die Herbstfarben, die Flüsse,die Seen und räkelte mich in der wundervollen holzgefeuerten Sauna am See, der mit 5°C an diesem Abend erfrischend kalt war .

Ab er das Geheimnis bleibt, und wenn Du im Sommer auf dem Kuobla Gletscher wanderst, halte die Augen offen und suche nach einer Holzkonstruktion, die aus dem Eis herausragt. Du kannst damit einige Leute glücklich machen, und ich werde dir ein Bier ausgeben.

© Mark Harris 1999 - Deutsche Übersetzung Kurt Bangert

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