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Hardangervidda

Ein Traum in Weiß wird zum Alptraum

© Lucas Loff und Patrick Schäffel 1999

Einleitung:

Gut ein Jahr nach unserer ersten Wintertour (Bericht) auf dem Kungsleden in Lappland im Jahr 1998 ist es wieder soweit. Ein neues Abenteuer liegt vor uns. Wir hatten uns entschieden, im März 1999 eine weitere Trekkingtour durch den skandinavischen Winter zu unternehmen. Da mir das Gewicht unserer Rucksäcke noch gut in Erinnerung war, hatte ich bereits nach der Tour auf dem Kungsleden beschlossen, mir eine Pulka zu kaufen. So starteten wir in diesem Jahr mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Patrick hat einen Rucksack (20 kg) hauptsächlich mit Kleidung und Schlafsack beladen, ich ziehe die 50 kg schwer beladene Pulka mit dem restlichen Equipment. Ein Großteil des Gewichts machen mit über 20 kg die Lebensmittel aus.

Reisegebiet:

Warum Hardangervidda?

Die Hardangervidda stellt für uns den besten Kompromiß in vielerlei Hinsicht dar. Da sich diese Hochebene im südlichen Teil Norwegens zwischen Oslo und Bergen befindet, ist sie im Vergleich zum doch relativ weit entfernten Lappland recht schnell zu erreichen. Ein weiterer Pluspunkt ist die günstige Bahnanbindung, denn die Schienen Richtung Bergen führen direkt über das größte Hochgebirgsfjell Europas. Die verhältnismäßig geringe Höhe von 1200-1400 m läßt sich keinesfalls mit solchen Höhenlagen Mitteleuropas vergleichen. Durch die geographische Breite von ca. 60°N ist die Landschaft dort bereits arktisch geprägt. Somit weist sich die Hardangervidda mit der gleichen schroffen Schönheit aus, die sonst erst 1000 km nördlicher zu beobachten ist.

Unser Tour-Tagebuch:

Nach 28 Stunden Zugfahrt kommen wir am Donnerstag, dem 04.03.99 in Geilo, unserem Startpunkt, an. Im Sommer ist Geilo ein kleiner verschlafener Ort. Sobald der erste Schnee fällt, erwacht der Ort aus seinem Sommerschlaf und zieht jährlich Tausende von Skitouristen an. Der Großteil widmet sich dem alpinen Skirummel. Viele Abfahrtspisten säumen die Hänge des Tals. Bei leichtem Schneefall verlassen wir um 3.36 Uhr den Zug, der weiter Richtung Bergen fährt. Mit Anbruch des Tages verschaffen wir uns einen ersten Überblick und sprechen nochmals die Route des heutigen Tages durch. Schnell werden noch 2 Liter Tee für den Tag gekocht und sich beim Bäcker ein letztes mal bei Kaffee und Kuchen aufgewärmt. Wir starten gegen 10 Uhr bei -7°C und bedecktem Himmel.
Am westlichen Ende des Ustedalsfjorden wollen wir etwa 400 Höhenmeter aus dem Talkessel hinaus aufsteigen. Hier zweigt sich der Sommerweg, direkt hinter der Ganzjahresbrücke, vom See nach Tuva ab. Da es scheinbar seit Tagen in dieser Gegend unaufhörlich schneit, ist es unmöglich die Loipe ringsum den See zu verlassen. Der Schnee liegt so locker, daß wir trotz Skiern bis zu den Oberschenkeln im Schnee versinken und auch von den Skistöcken ist nichts mehr zu sehen.
Wir sind enttäuscht und befürchten unsere Tour bereits nach 5 km abbrechen zu müssen. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees laufen wir auf der Loipe, entlang der Überlandleitung, zurück nach Geilo. Nach weiteren 4 km erreichen wir das Vestlia Skicenter. Hier erfahren wir, daß ein Skiwanderweg bis Tuva geloipt ist. Er beginnt direkt an der Bergstation der Liftanlagen. Kurzerhand lassen wir uns mit einem Schlepplift nach oben befördern, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Nach einigen Kilometern sehen wir Grönebacken, eine Hütte, die auf der letzten Generalstabskarte Hardangervidda Ost noch nicht vermerkt ist. Grönebacken ist geschlossen, so bauen wir unser Zelt hinter der windgeschützten Seite des Hauses auf. Zum ersten mal überhaupt werden wir hier Wintercampen. Die Voraussetzungen dafür sind auch wie geschaffen. Es gibt eine Bank, auf der wir gemütlich sitzen und kochen können. Bei -11°C und leichtem Schneefall steigen wir gegen 21 Uhr in unsere Schlafsäcke.
Über Nacht sind 10 cm Neuschnee gefallen. Die Sichtweite heute morgen ist nicht gerade berauschend. Doch zum Glück ist der Weg bis Tuva wintermarkiert. Die erste Nacht im Schnee haben wir gut verbracht und brechen nach einem Müslifrühstück gegen 11.30 Uhr auf. Am Grönebacken gabelt ein weiterer markierter Weg Richtung Ustaoset zur Fernverkehrsstraße ab. Dieser Weg ist allerdings unpassierbar, weil kein Schneescooter den Weg festgefahren hat.
Laut Karte sind es auf dem Winterweg noch 9,5 Kilometer bis Tuva. Teilweise liegen die Sichtverhältnisse unter 50 Metern. Wir begegnen einigen anderen Skiwanderern. Viele unternehmen mit kleinen Rucksäcken Tagestouren nach Tuva, wo man auch übernachten kann. Angekommen in Tuva, wärmen wir uns nach 29 Stunden an der frischen Luft zum erstenmal wieder auf. Unser Aufenthalt wird in der kleinen gemütlichen Stube mit heißem Johannisbeersaft versüßt.
Von Tuva aus führen mehrere saisonmarkierte Sommerwege in alle Himmelsrichtungen. In Richtung Nordwest geht es nach Fagerheim, das an der Straße von Bergen nach Oslo liegt. In östlicher Richtung führt ein anderer Weg nach Åan. Wir hingegen laufen 210° südwestlich nach Heineseter. Von der Wirtin der Gaststube erfahren wir, daß der Weg nach Heine noch nicht komplett markiert ist, da die Saison hier erst zu den Winterferien beginnt. Am späten Nachmittag brechen wir auf und treffen kurz darauf vier Deutsche, die die Hardangervidda in Süd - Nord - Richtung durchqueren. Sie haben sich ein bißchen verlaufen und sind jetzt froh Tuva zu erreichen. Einer der Männer klagt über die schlechte Sicht. Er hat keine Orientierungsmöglichkeit mit Karte und Kompaß, weil er die markanten Erhebungen der Landschaft nicht sehen kann. Eine weitere halbe Stunde laufen wir in ihrer Spur, bis sie soweit verweht ist, daß man sie nicht mehr erkennen kann. Als Windschutz für unser Nachtlager finden wir einen kleinen Fels. Hier buddeln wir nun eifrig eine Mulde, um das Zelt darin aufzustellen. Diese Aktion dauert eine Stunde und es ist schon längst dunkel, als wir hinein steigen. Unser Platz ist keineswegs optimal, so daß wir auf das Innenzelt verzichten müssen, weil zu befürchten ist, daß es ausreißt. In der Nacht zieht ein starker Schneesturm auf. Gegen zwei Uhr wache ich auf, weil ich meine Beine nicht mehr bewegen kann. Unsere Schlafsäcke sind mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Notdürftig stopfe ich mit dem uns bedeckenden Schnee die Löcher am Boden der Zeltwand.
Früh am Morgen sieht die Lage noch nicht besser aus. Der Schneesturm hält nach wie vor an und läßt nur Sichtweiten bis 50m zu. Uns erscheint es unmöglich unser Nachtlager abzubrechen und bei diesen schlechten Sichtverhältnissen weiter zu laufen. Bei 5 bis 8 Grad unter Null verbringen wir den Tag im Zelt. Von Zeit zu
Zeit muß einer von uns in den schneidenden Sturm um die Zeltwand vom Schnee frei zu schaufeln, da die Wand zu reißen droht. Nachmittags machen wir den Fehler im Zelt zu kochen, denn dies kommt einer Dampfsauna gleich. Der kondensierende Nebel gefriert sofort an der Zeltinnenwand. Nach diesem Erlebnis kochen wir nur noch draußen und beschränken uns dabei auf Teewasser, ansonsten gibt es Brot, Käse, Pemmikan und Müsliriegel.
Heute ist Sonntag der 7. März und draußen bietet sich uns ein unverändertes Bild. Die Sicht geht gegen null, so daß wir gezwungen sind weiter auszuharren. Wir verbringen die meiste Zeit mit schlafen, so kamen in den letzten 3 Tagen 36 Stunden zusammen. Das ist doch Urlaub!
Im Zelt ist es mit 3 bis 6 Grad recht mild heute. Das hat allerdings den Nachteil, daß sich die Eisschicht von der Zeltinnenwand löst und ständig auf uns herab rieselt. Durch unsere Atemluft und sonstige Ausdünstungen ist das ein ständiger Kreislauf, der unsere Sachen immer feuchter werden läßt. In der dritten Nacht an Ort und Stelle tritt plötzlich 3 Uhr morgens Windstille ein, wir schöpfen Hoffnung. Eine halbe Stunde später sieht unsere Lage jedoch bedrohlicher aus als je zuvor. Der Sturm ist wieder aufgekommen und hat seine Richtung geändert. Nun bläst der Wind genau in die Seitenwand. Wir haben Angst, daß es Schaden nehmen könnte und beginnen bald darauf mit den Vorbereitungen für einen Abbruch des Biwaks und einer Rückkehr nach Tuva. In den kommenden Stunden verbessert sich die Sichtweite jedoch auf etwa 200m und wir beschließen doch nach Heineseter weiter zu laufen.
Nach 60 Stunden verlassen wir das Biwak. Die Orientierung mit Karte und Kompaß klappt recht gut, so daß wir 2,5 Stunden später Heine erreichen. Hier werden wir von einem Mann sehr freundlich empfangen, können unsere Kleider trocknen und uns aufwärmen. Vom Alten bekommen wir einen Tip. Er erzählt uns von einer alten Hirtenhütte die nur knapp eine Stunde von hier entfernt liegt. Auf unserer Karte ist sie mit dem Namen "Selstjornlägret" vermerkt. Wir bedanken uns und laufen bei gutem Wetter weiter Richtung Süden. Wir finden eine 3 x 3 m große Steinhütte vor. Dies mußte der Alte gemeint haben. Die Hütte ist sehr schlicht, hat einen Tisch, ein angesengtes Doppelstockbett mit dem wohl von Zeit zu Zeit der kleine Kanonenofen befeuert wurde. Hier kochen wir nach 3 Tagen unsere erste richtige Mahlzeit. Aus gefriergetrockneten Bohnen und Kartoffeln gibt es einen kräftigen 2 Liter Eintopf. Bald darauf schlafen wir gesättigt mit unseren wieder getrockneten Kleidern ein. Die Nacht ist kälter als die letzten im Zelt.
Da uns durch die schlechten Wetterbedingungen der vergangenen Tage viel Zeit verloren ging, lauten jetzt unsere neuen Ziele Rauhellern, Sandhaug, Hedlo, Vöringfossen und Finse. Finse ist die am höchsten gelegene Bahnstation Norwegens. Von dort aus wollen wir die Hardangervidda mit dem Zug zurück nach Oslo verlassen.
Bei trocken kalter Luft und schönem Wetter passieren wir eine Brücke und laufen am westlichen Ufer des Djupaflusses weiter nach Rauhellern. In südlicher Richtung gelangen wir an 2 weitere Brücken die wir jedoch links liegen lassen. Kurz hinter der zweiten Brücke breitet sich der Langesjöen See aus, an dessen Ufer Rauhellern liegt. Die Häuser sind geschlossen, doch wir treffen zwei Norweger auf Schneescootern an. Sie markieren zur Eröffnung der Wintersaison das letzte Teilstück zur Björedalshütte. Wir hingegen laufen weiter direkt über den Langesjöen Richtung Westen. Wir hoffen auf eine ähnliche Übernachtung wie die gestrige. Auf der Karte haben wir dazu eine Hütte namens Knutsbu entdeckt. Nach über 10 Kilometern von Rauhellern ist von der Hütte immer noch nichts zu sehen. Es beginnt zu dämmern und im difusen Licht erscheint jeder größere Stein wie die Hütte von Knutsbu. Jegliches Suchen bleibt vergebens, Knutsbu ist unauffindbar. So bauen wir in völliger Dunkelheit unser Zelt in einer Senke auf. Das Thermometer zeigt inzwischen auch nur noch frische 18 Grad unter null an und uns graut schon ein wenig von der kommenden Nacht. Halb Elf sinken wir nach der heutigen 23 Kilometeretappe dick eingemummelt in den Schlaf.
Tags darauf, wir sind eine Woche unterwegs, nehmen wir Kurs auf Sandhaug. Der Morgen in der unendlich erscheinenden weißen Welt präsentiert sich uns in aufregender Schönheit. Das läßt auch schnell die -25 Grad vergessen. In 200m Entfernung von unserem Zelt entdecke ich eine Auffälligkeit im Schnee. Ich eile dorthin und entdecke ein Rohr. Nach einigem Graben stoße ich auf ein Dach, dies kann nur Knutsbu sein. Jetzt wissen wir welche Schneemassen sich unter uns befinden. Als Orientierung Können also nur noch die kaum auffälligen Bergspitzen dienen, denn Flüsse, Seen, Brücken und teilweise auch Hütten liegen unter der tonnenschweren weißen Last verborgen.
Die perfekten Wetterverhältnisse halten den ganzen Tag an. Streng nach Kompaß laufen wir, wie an der Schnur gezogen, die 230° nach Südwesten. Am Horizont vor uns sind ein paar Bergspitzen zu erkennen, hinter denen sich Sandhaug verbergen muß, sonst nichts als weiße Unendlichkeit. Es ist ein Traum, durch solch einzigartig unbefleckte Natur zu laufen. Wie auf einem Meer glitzern die Schneekristalle. Keine Menschenseele, kein Tier, nicht einmal Spuren sind zu sehen. Absolute stille umgibt uns, nur das Knirschen der Skistöcke und das Gleiten der Skier über der weißen Pracht sind zu hören. Wir gleiten mehrere hundert Meter entfernt von einander dahin. So kann man am besten für sich, ohne Worte, die schlichte Schönheit aufsaugen.
Kurz vor Sandhaug wird die Stille durch herannahende Schneescooter gebrochen. Sie sind damit beschäftigt den Weg nach Trondsbu, im Norden gelegen, zu markieren. In Sandhaug treffen wir in der Hütte einen Dänen an. Er befindet sich allein auf einer Nord - Süd Durchquerung und hat den Generalschlüssel für die DNT Wanderhütten. Diesen Schlüssel bekommt man natürlich nur als Mitglied des Norwegischen Wandervereins ausgehändigt. Wir wärmen uns auf und kochen, danach ziehen wir uns allerdings ins Zelt zum schlafen zurück. Ein wunderschöner Sonnenuntergang rundet diesen vollkommenen Tag ab. Bei nun sternklarem Himmel fällt die Temperatur sehr stark ab. Um diese Nacht zu überstehen ziehen wir alles an, was uns zur Verfügung steht, denn für -30 Grad sind unsere Schlafsäcke nicht mehr ausgelegt. Dies sollte auch unsere kälteste Nacht bleiben. Bei den ersten Sonnenstrahlen kriechen wir aus unserer Tiefkühlhöhle und frühstücken wieder in der Hütte.
Die nächsten 45 Kilometer verlaufen weitestgehend durch den gebirgigen Westteil der Hardangervidda. Von nun an wollen wir uns nicht mehr an irgendwelchen Wegen richten und stecken unseren eigenen Weg ab. Dies sollte unser größter Fehler werden. Wir wollen Hedlo westlich liegen lassen und direkt zum Föringfossen laufen. Zuvor geht es aber erst einmal längs über den großen Nordmannslegen See in nordwestlicher Richtung weiter. Sandhaug war unser südlichster Punkt der Tour. Am Südufer können wir die tief verschneiten Hütten von Besså erkennen. Später öffnet sich uns der Blick zum weiter entfernten Hårteigen. Das ist der markanteste Felsen und das Symbol des Fjells.
15 Kilometer hinter Sandhaug befinden wir uns schon ein Stück hinter dem See und sehen vor uns die Bergflanken des Leghellernuten zur rechten und des Grananuten zur linken Seite vor uns.
Mit Blick auf den Hårteigen verbringen wir eine etwas wärmere Nacht bei -20 Grad erneut im Zelt. Von hier aus wollen wir nun nach eigener Wegplanung laufen, um den kräftezehrenden Anstieg kurz vor dem Valurfossen zu umgehen. Geplant ist, den Sommerweg in nördlicher Richtung zu verlassen, um das Höhenniveau zu halten. Der Sommerweg hingegen zieht sich tief ins Tal des Veig hinunter und weiter nach Hedlo.
Patrick hat am Morgen starke Probleme mit kalten gefühllosen Füßen. Das Teekochen dauert auch immer seine Zeit. Das größte Problem dabei stellt nicht das Auftauen des Schnees dar, sondern der durch die Kälte bedingte niedrige Gasdruck. So ist das oberste Gebot die Warmhaltung der Gaskartuschen. Da das mit bloßen Händen nicht möglich ist, muß die Kartusche immer mit einer Kerze erwärmt werden. Bei starkem Wind ist das natürlich sehr schwierig.
Zur Aufwärmung unserer unterkühlten Hände und Füße steht uns gleich nach Aufbruch ein kurzer aber steiler Anstieg bevor. Je höher wir kommen, um so windiger wird es. Das Wetter scheint umzuschlagen. Zwischen den Bergen verstärkt sich der Wind noch zusätzlich durch den Kanaleffekt. Die Sichtverhältnisse nehmen ab und es beginnt zu schneien. Die Bergflanke an der wir die Höhe halten wollen wird zunehmend steiler.
Die ersten Eisfelder tauchen auf und die Pulka bricht immer wieder hangabwärts aus. So rutsche ich einige Male weg und benötige Patricks Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen. Später laufe ich einige Meter weiter oberhalb von Patrick und hoffe auf bessere Schneeverhältnisse. Der starke Sturm läßt in Kürze die Gliedmaßen taub werden und verursacht im Gesicht erste Erfrierungserscheinungen an Nase und Wangen. Auch hier oben wird es nicht besser. Patrick sieht meine aussichtslose Lage und schreit zu mir hoch. Die Pulka bricht ein weiteres mal aus und ich habe große Mühe um nicht mit in die Tiefe gezogen zu werden. Auch ohne Skier bekomme ich nicht mehr Halt und stehe da wie angewurzelt. Was tun? Ich schnalle die Pulka ab, um mich zu schützen. Die Skistöcke ramme ich in das Eis und trete Schritt für Schritt dahinter. So gelange ich langsam auf ein verharschtes Schneefeld, in einer Hand die Pulka in der anderen die Stöcke. Alle Knochen schmerzen vor Kälte, Knie und Handgelenke lassen sich kaum noch bewegen. Wir gehen zu Fuß nun nur noch abwärts und hoffen auf Windschutz.
Nach über 3 Stunden erreichen wir eine Hütte in deren Windschutz wir unseren Schock aus den Gliedern ziehen lassen. Danach beginnen wir mit der Standortbestimmung auf der Karte. Weil wir uns dabei vertun, laufen wir in falscher Richtung weiter, merken unseren Fehler aber nach ein paar Kilometern. Letztendlich kommen wir nach einem Umweg von 4 Kilometern in Hedlo an. Ein Vorraum der Wandererhütte ist nicht abgeschlossen und wir brauchen nicht im Zelt zu nächtigen.
Nach einer erholsamen Nacht sprechen wir noch einmal über den gestrigen Alptraum und uns wird klar, daß wir bei solch schlechtem Wetter keinesfalls durch den gebirgigen Westen bis Finse laufen können.
Am Morgen ist unsere Tür bis zur Hälfte eingeschneit aber zum Glück geht sie nach innen auf. Der Sturm ist nach wie vor stark. Heute wollen wir unbedingt die Fernverkehrsstraße erreichen. Anhand von Scooterspuren gelangen wir bis Viveli. Kurz darauf beginnt der steilste und längste Anstieg der Tour, den wir eigentlich vermeiden wollten. Die Sichtweite nähert sich dem Nullpunkt. Mein Gesicht und die Brille sind total vereist, so bin ich praktisch blind. Ich lasse mich von Patrick führen, der allerdings auch nicht weiter als 10m sieht. Die Scooterspuren führen zu unserer Verwirrung kreuz und quer. Welcher sollen wir folgen? Zuerst erwischen wir eine falsche Spur, die uns zu weit nach oben führt. Irgendwann stoßen wir zu unserem Glück auf Wintermarkierungen. An einer Gabelung liegt nun die Entscheidung nur noch, ob wir rechts oder links laufen sollen. Der Kompaß gibt uns die Richtung an.
Etwa 17 Kilometer nach Hedlo erreichen wir die Straße nahe des Fetafossens. Hier findet unsere Tour nach ungefähr 120 Kilometern ein abruptes Ende. Ein Taxi bringt uns nach Eidfjord auf Meeresspiegelhöhe. Hier ist alles grün und von dem Unwetter zwölfhundert Meter über uns nichts zu spüren. Tags darauf fahren wir mit dem Bus nach Voss zum Bahnhof und bald darauf weiter nach Oslo.
In bleibender Erinnerung wird uns dieses Abenteuer durch den norwegischen Winter dennoch bleiben. Wir werden zurückkommen, denn Winterwandern ist und bleibt unsere neue Leidenschaft.

Danke für eine Mail mit Kommentaren und Anregungen: schneeabenteurer@hotmail.com

Text und Bilder © 2000 Patrick Schäffel und Lucas Loff.

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