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Kungsleden zwischen Sitojaure und Aktse

Meistens südwärts

Von Abisko nach Kvikkjokk im April 1998

© Andrea Keller and Jann Breitschmid 1998     

Der Umstand, dass unser Gepäck erst 48 Stunden nach Andrea und mir eintraf, zwang uns zu einem zweiten Akklimatisationstag, bei der Art der geplanten Tour gar keine schlechte Strategie. Es sollte unsere erste Wintertour werden. Wir wählten dafür den Kungsleden, weil wir die Gegend von früheren Sommertrekkings kannten. Darüber hinaus weist der Weg eine gewisse Basisinfrastruktur (markierte Wege, Hütten, SOS-Telephone) auf, was unsere "Winterjungfernreise", falls notwendig, erleichtern werden würde. Bei guten Witterungsbedingungen würden wir, so der Plan, Kvikkjokk in etwa 10 Tagen erreichen.

Wir starteten unsere Tour eines sonnigen Dienstag Morgens. Unsere Ausrüstung war etwa je 25 Kilo schwer (ohne Skiausrüstung). Ich nahm die Pulka, die wir in der Schweiz gemietet hatten sowie einen kleinen Teil von Andrea’ s Gepäck. Andrea trug ihren Rucksack. Aber nach ein paar wenigen Minuten auf dem Weg sah sie etwas unglücklich aus und so beschlossen wir, die Lasten zu wechseln. Andrea nahm den Schlitten und ich meinen Rucksack, der im Schlitten gelegen hatte. Aber auch das liess uns nach wie vor etwas langsamer vorankommen als Andere. Dies bewog uns, den Anfangszustand wieder herzustellen. Ich nahm zusätzlich noch soviel von Andrea’ s Ausrüstung zu mir, bis wir das Equilibrium erreicht hatten, das uns etwa gleich schnell gehen liess. Dies beliess ein Gewicht von etwa 12- 15 Kilogramm bei Andrea, nicht gerade leicht, aber tragbar.

Wie so oft in diesen Breitengraden, änderte sich auch an diesem Tag das Wetter schnell. Schneefall und schlechte Sicht setzten ein. Dies sind genau die Wetterbedingungen, bei denen man die Markierungen, die gewöhnlich in Abständen von 50 Metern voneinander gesetzt werden, schätzt. Auf unmarkierten Wegen wäre man unter solchen Bedingungen rasch gezwungen zu biwakieren, weil die Orientierung sehr eingeschränkt wird. Spuren von anderen Skifahrern oder Motorschlitten verwischen schnell.

Der Weg zur Abiskojaure Hütte ist ziemlich flach und führt zunächst durch lichten Wald. Zu dieser Jahreszeit sind alle Seen (mit Ausnahme derjenigen, die der Elektrizitätsgewinnung dienen) solide gefroren und können damit von Skifahrern wie auch Motorschlitten benutzt werden; die Abiskojávri ("jávri", "jaure"= See) Hütte war somit schnell erreicht und ist die erste Unterkunftsmöglichkeit für diejenigen, die die Tour auf "Hütte-zu-Hütte"-Basis unternehmen. Es war erst Frühnachmittag, als wir die Hütte erreichten und so beschlossen wir, nach einem kurzen Halt, welcher der Verpflasterung meiner Füsse diente, noch ein Stück weiter zu gehen. Ich hatte meine Telemarkausrüstung jahrelang nicht mehr gebraucht und die Schuhe mussten wieder von Neuem eingebrochen werden.

Der Weg folgt kurz dem Kamajåkka ( "jåkka" = Fluss ), um dann südöstlich zum Alisvagge ("vagge"= Tal) anzusteigen. Dort fühlte sich unser Gepäck zum ersten Mal richtig schwer an. Der erste Teil des Anstiegs ist steil. Wir errichteten unser erstes Camp nach der ersten Rampe, wo der Weg wieder etwas flacher wird. Es schneite in jener Nacht und wir mussten am nächsten Tag eine frische Spur legen. Trotzdem erreichten wir die Kuppe, die ins Alisvagge hineinführt, schnell. Wir sollten diesem Tal den grössten Teil jenes Tages folgen. Was wir zunächst von Weitem als Alesjaure Hütte identifizierten, stellte sich als neuere Windschutzhütte heraus, welche wir zum Mittagessen nutzten. Wir beschlossen, an jenem Tag so nahe an den Tjäktjapass wie möglich heranzukommen. Ich fühlte mich sehr unwohl und schlaff an jenem Nachmittag, sehr wahrscheinlich litt ich unter einer milden Form von Dehydration. Wir hatten wenig getrunken in den vorangegangenen 24 Stunden, mit Sicherheit weniger als wir hätten sollen.

Die Tjäktja Hütte liegt ein bisschen weniger als in der Hälfte (Marschzeit, nicht Distanz) des Weges vom Talgrund zum Pass gleichen Namens. Der Aufstieg ist nur teilweise steil, fühlt sich aber viel schlimmer an als er ist nach sechs Uhr abends! Ich fühlte mich total erschöpft, als wir in der Hütte ankamen und legte mich nach einem kurzen Abendessen schlafen.

Es war eine ziemlich kalte Nacht, mit Temperaturen knapp über -20 Grad Celsius. Der Himmel war zwar bedeckt als wir loszogen, die Sonne blies die Wolken aber schnell weg. Von der Hütte steigt der Weg moderat zum Tjäktjapass an, wo wir nach etwa 1 ¼ Stunden ankamen. Der Pass ist der höchste Punkt auf dem gesamten Kungsleden und sehr oft windig. Allerdings nicht an jenem Tag. Wir rasteten und genossen die herrliche Aussicht ins Tjäktja Tal. Die Felle kamen von den Skiern weg und wir schauten erwartungsvoll unserer ersten Abfahrt entgegen. Die war es dann auch wirklich wert, trotz der Pulka und dem Rucksack, die wir mitführten. Nach zwei Stunden einfachen Geländes erreichten wir die Sälka Hütte. Im Bestreben, unsere Gasvorräte zu schonen und nicht abgeneigt, dass Mittagessen in der Wärme zu verbringen, kochten wir unser Essen in der Hütte, wofür eine kleine Tagesentschädigung zu entrichten ist. Wir kauften auch Pflaster und Toilettenpapier im kleinen, zur Hütte gehörenden Shop. Verschiedene Hütten zwischen Abisko und Nikkaluokta verkaufen Proviant, Toilettenartikel und kleine Souvenirs.

Der Weg nach Singi führt über weitgehend flaches Terrain und folgt dem Talgrund. Von Singi gabelt sich der Weg zur Kebnekaise Region, und weiter nach Nikkaluokta, dem östlichen Zugang. Die meisten Wintertrekker gehen diese Route (Abisko- Nikkaluokta oder umgekehrt), welche ungefähr vier bis sieben Tage in Anspruch nimmt. Ungefähr auf halbem Weg zwischen Sälka und Singi steht eine Windschutzhütte, in der wir zwei Dänen vorfanden. Der eine hatte sich tags zuvor kurz vor der Hütte (glücklicherweise) den einen Fuss ziemlich schlimm übertreten. Wir gaben ihm eine schmerzstillende Creme und verabschiedeten uns, nachdem wir noch ein paar Trekkingerfahrungen ausgetauscht hatten.

Wir kamen am späten Nachmittag des Tages vor Karfreitag in Singi an. Der "Verkehr" hatte spürbar zugenommen. Da der Himmel sehr klar war, was auf eine kalte Nacht hindeutete, war Andrea’ s Motivation zu campieren eher gering. Wir erhielten die letzten zwei freien Betten. Am Abend diskutierten wir ausgiebig über Sommer- und Wintertrekking sowie Ausrüstung mit einem schwedischen Ehepaar. Der Karfreitag Morgen begrüsste uns mit strahlendem Sonnenschein. Andrea und ich standen als erste auf, heizten den Ofen ein, dann ging ich Wasser holen. Welch’ eine Aufgabe. Das Wasserloch war etwa einen halben Kilometer entfernt. Ich zog meine Skis an und nahm den kleinen Schlitten des Hüttenwartes sowie den dazu gehörenden Eimer. Die ganze Übung nahm eine gute halbe Stunde in Anspruch!

Wir folgten dem Kungsleden südwärts Richtung Kaitumjaure. Obwohl die Sonne vom wolkenlosen Himmel schien, war es bitterkalt und windig. Wir kamen an ein paar Wintercampern vorbei, die in Schneehöhlen übernachtet hatten. Diese sind sehr komfortable Unterkünfte, wenn man weiss, wie sie zu bauen sind, erzählte uns eine Frau, die wir später trafen.

In jener Gegend ist das Tjäktja Tal von herrlichen Gebirgszügen umschlossen. Der Weg führt von dort hinunter zum Kaitumjaure. Die Abfahrt dorthin, eher flach, war ihren Namen allerdings nicht wert. Ein paar Minuten von der Kaitumjaure Hütte entfernt hielten wir Mittagsrast. Wir benutzten von anderen gegrabene Sitzgelegenheiten, die aber den Wind nur beschränkt abhielten, so dass wir bald wieder aufbrachen. Der Weg führt von der Hütte südwestwärts und steigt zu einem kleinen Hochtal auf. Wir benötigten etwa eine halbe Stunde für diesen Anstieg. Nach weiteren etwa vier Kilometern, wo der Weg sich langsam zum Teusajaure hinabwindet, hat man bei schönem Wetter eine atemberaubende Aussicht auf ein paar, nun bereits recht nahe Gipfel des Sarek Nationalparks. Mir gefällt diese im Sommer fast noch besser, wenn sich die teilweise vergletscherten Gipfel gegen das üppige Grün der Vegetation abheben.

Jetzt kamen die Felle wieder weg von den Skis und es war es wirklich wert. Leider kann man weder mit Pulka noch mit Rucksack richtig telemarken. Der Weg wurde nun steiler und wand sich beinahe serpentinenartig ins Tal hinunter. Im lichten Wald wurde die Abfahrt dann sogar teilweise schwierig. Schliesslich kamen wir wohlbehalten bei der Teusajaure Hütte an. Die Hüttenwartin, die wir ein halbes Jahr zuvor, als wir einen Teil des Padjelanta sowie einen Teil des Kungsleden getrekkt waren, ebenfalls getroffen hatten, empfing uns in bestem Deutsch. Es war schon später Nachmittag, als wir weiterzogen. Auf der Südseite des Teusajaure gibt es eine Windschutzhütte, bei der wir zunächst das Zelt aufstellen wollten, um die Hütte nur für das Abendessen zu benutzen. Von dort führt der Kungsleden südwärts nach Vakkotavare, wo die Wanderer üblicherweise den Bus nach Kebnats nehmen. Von dort setzen sie dann nach Saltoluokta über.

Wir wollten den Bus vermeiden und mussten deshalb auf dem Teusajaure südöstlich weitermarschieren. Der Platz bei der Windschutzhütte gefiel uns schliesslich doch nicht und wir gingen noch für eine kurze Zeit weiter. Dann richteten wir unser Biwak für die Nacht her. Wie bereits erwähnt, war es ein wunderbarer, wolkenloser Tag gewesen. Das aber wies auf eine sehr kalte kommende Nacht hin. Und so kam es auch. Wir fühlten uns wie einem Gefrierkühler. Ich wachte mehrere Male auf, um mich noch besser in meinen Schlafsack einzumummen. Andrea schlief sehr schlecht, selbst nachdem sie noch eine zusätzliche Kleiderschicht angezogen hatte.

Das Thermometer zeigte -19 Grad Celsius (im Zelt!) an, als ich um etwa fünf Uhr am nächsten Morgen aufwachte. Ich benötigte nicht lange, um ein warmes Essen zu kochen. Das erhöhte die Zelttemperatur dann schon auf fast angenehme null Grad. Der härteste Moment kam, als wir uns aus unseren Schlafsäcken schälen mussten. Wir verliessen unseren Zeltplatz erst um etwa neun Uhr, ungewöhnlich spät für uns. Die nächsten zwei Stunden verbrachten wir auf dem Teusajaure, Richtung Südwesten gehend. Vom Ufer steigt der Weg kurz an, um von oberhalb einer kleinen Schlucht langsam zum Delta des Kakerjaure hinunterzuführen. Unterwegs sahen wir einige Motorschlitten. Die meisten Einheimischen fahren hier hinaus für einen Tag Eislochfischen.

Der Weg auf dem Kakerjaure ist ungefähr sieben Kilometer lang, bevor er nach Südwesten Richtung Stora Sjöfallet dreht. Bevor man diesen Weiler erreicht, geht man noch für etwa eine Stunde auf einer fast schnurgeraden Strasse, die kein Ende zu haben scheint. Schliesslich, nach einer kurzen Abfahrt, erreicht man die Kreuzung zur Hauptstrasse, die östlich Richtung Gällivare führt. Von dort ist das Stora Sjöfallet Motel nur noch einen Steinwurf entfernt. Es war ein sehr langer Tag für uns gewesen, wir hatten fast 30 Kilometer zurückgelegt, um, nach der vorangegangenen Nacht, wieder ein warmes Dach über dem Kopf zu haben. Die Dusche, die erste seit fünf Tagen, genossen wir aus vollen Zügen. Das Essen nahmen wir im Motelrestaurant ein. Das frische Gemüse schien direkt vom Paradies zu kommen. Zur Feier des Osterfestes hatte das Motel ein Musiker-Duo angestellt, das schwedische als auch internationale Hits spielte. Beide Musiker konnten nicht singen, aber das tat dem Anlass keinen Abbruch. Die Stimmung war ausgezeichnet und die Qualität der Musik reichte auch für ein paar Tänze. Wir blieben bis Mitternacht, obwohl wir uns eigentlich früh hatten schlafen legen wollen.

Der nächste Tag, so hatten wir entschieden, sollte auch einen halben Ruhetag beinhalten und so war die Strecke bis zur Saltoluokta Fjällstation nur eine kurze. Ich kannte diese wunderschöne Unterkunft bereits von einer Sommertour des damals gesamten Kungsleden (Abisko- Ammarnäs) in den frühen achtziger Jahren. Sie liegt wunderschön, nur wenige Meter vom Ufer des Langas-Sees entfernt. Das Hauptgebäude ist im traditionellen Blockhüttenstil errichtet. Das Interieur ist sehr geschmackvoll ausgestaltet, mit einem Cheminée direkt am Eingang, das dem müden Wanderer ein warmes Willkommen im wahrsten Sinne des Wortes anbietet. Ein kleiner Laden befriedigt die meisten Bedürfnisse der Hotelgäste.

Das Marschieren auf dem Langas-See, der der Elektrizitätsgewinnung dient, ist nicht ungefährlich. Der Wasserstand variiert stark, was die Eisbildung negativ beeinflusst. Trekker und Motorschlittenfahrer werden eindringlich gewarnt, sich an die Markierungen, die weitgehend dem nördlichen Ufer folgen, zu halten. Der Weg führt nach Kebnats, von dort über den See direkt zur Fjällstation. Dieser Teil der Strecke wird in kurzen, regelmässigen Abständen kontrolliert.

Wir kamen am frühen Nachmittag in Saltoluokta an und waren sehr erstaunt, dass die Station nicht voll ausgebucht war, am Ostersonntag! Wir relaxten den ganzen Nachmittag, um am Abend ein herrliches Essen im Restaurant zu geniessen. Nach ein wenig Planung für den Rest unserer Tour schlüpften wir in die Schlafsäcke. Das Wetter hatte sich schon am Nachmittag zu verändern begonnen, über Nacht setzte leichter Schneefall ein, der uns am nächsten Morgen auch von Saltoluokta wegbegleitete. Der Anstieg ins Autsujvagge Hochtal ist teilweise steil, aber mit den frischen Kräften war er schnell bewältigt. Unglücklicherweise verdichteten sich die Wolken immer stärker. Bei gutem Wetter geniesst man von dort oben nämlich einen phantastischen Ausblick über den Langas-See. Ungefähr auf dem halben Weg zwischen Saltoluokta und Sitojaure (etwa je 10 Kilometer entfernt) befindet sich eine Windschutzhütte, die uns, bei den kühlen Witterungsbedingungen an jenem Tag, für das Mittagessen sehr willkommen war. Wir kochten gerade eines unserer dehydrierten Menüs, als eine Gruppe von fünf Schweden eintraf und noch drei Holländer ankündigte. Das liess den Raum sehr eng werden, heizte ihn aber innert Minuten angenehm auf. Da kostete es schon etwas Überwindung, den Marsch in der Kälte fortzusetzen. Aber Entschädigung für die Mühe war nahe in der Form einer rasanten Abfahrt zur Sitojaure Hütte. Für die Hüttenwartin, die bereits ihren Umzug in eine andere Hütte für den Sommer plante, hatten wir von Saltoluokta ein kleines Paket mitgenommen. Im Verlaufe des Gespräches mit ihr erfuhren wir, dass sie im vergangenen Sommer in einer Hütte am Padjelantaleden gewesen war und dass wir sie dort höchstwahrscheinlich kurz gesehen hatten. Wir verliessen die Hütte, als die Gruppe, die wir in der Windschutzhütte getroffen hatten, gerade eintraf. Wir überquerten den Sitojaure und schlugen unser Zelt nicht weit vom Seeufer entfernt auf. Die Schneedecke war tief, aber nicht fest und so mussten wir uns eingraben. Das nahm eine gute halbe Stunde in Anspruch, dafür war das Zelt absolut sturmsicher verpflockt. Der Himmel war leicht bedeckt, die Nacht "relativ warm".

Der Weg steigt vom Sitojaure über etwa zwei Kilometer teilweise steil zu einer Hügelkette auf, die vom Mt. Skierfe, dem Hausberg von Aktse überragt wird. Von dort ist die Aussicht atemberaubend. Die Sarek Gipfel scheinen nur einen Steinwurf entfernt zu sein. Und dann kam diejenige Abfahrt, die wir zur "Best of Kungsleden" krönen sollten. Zunächst führt sie über offenes Gelände, wird dann, bei Eintritt in lichten Wald steiler, eng und kurvenreich. Der letzte Teil war dann auch, vor allem mit einer Pulka, nicht gerade einfach zu bewältigen. Trotzdem langten wir wohlbehalten bei der Aktse Hütte an. Während dem Mittagessen in der Hütte traf auch ein holländisches Paar ein. Sie waren die ersten Schneeschuhläufer die wir sahen. Sie waren schon den neunzehnten Tag unterwegs.

Der Weg von Aktse nach Kvikkjokk ist nur mit Birkenästen markiert, wo er Seen überquert, trotzdem einfach zu finden, da viele Schlittenspuren den Weg weisen. Zunächst wird der Laitaure überquert, dann führt der Weg durch ein Stück Wald, bevor noch einmal eine Überquerung, diejenige des Tjaktjajaure ansteht. Wir setzten unser (letztes) Biwak an das Südufer jenes Sees, nur kurz nachdem wir uns nach Osten, Richtung Parte gewandt hatten. Die Nacht war nicht sehr kalt. Am nächsten Morgen, mit Kvikkjokk, unserem Ziel in greifbarer Nähe, brachen wir früh auf. Der Himmel war bedeckt, die Bewölkung schien aber abzunehmen. Nach etwa drei Stunden erreichten wir Parte, wo wir unser Mittagessen einnahmen. Diesmal fiel es nicht allzu schwer, die warme Hütte zu verlassen. Die Aussicht auf eine heisse Dusche liess uns beinahe fliegen. Zunächst überquerten wir den Sjabtjakjaure in seiner ganzen Länge, dann, westlich marschierend, wartete ein weiterer See namens Stuor-Tata sowie, unmittelbar daran anschliessend, nun in südlicher Richtung, der "Schwestersee" Jana-Tata. Danach, wieder auf festem Grund, stieg der Weg (für uns) ein letztes Mal an. Wir wussten, dass uns noch eine Abfahrt bevorstand, doch je mehr wir sie herbei sehnten, desto weiter weg schien sie zu sein. Schliesslich kam sie doch noch. Zum letzten Mal die Felle wegnehmen. Und dann hiess es noch einmal geniessen. Die Abfahrt war nur kurz -aber- wir waren am Ziel!

Ich wundere mich immer wieder, dass die Angestellten der Fjällstation die Trekker, und mögen sie noch so schmutzig und verschwitzt sein, immer mit einem Lächeln empfangen. Die Kvikkjokk Fjällstation gehört nicht mehr dem STF (Schwedischer Touristenverband), sondern ist jetzt eine Jugendherberge. Geändert scheint sich nicht viel zu haben. Es gibt kein Restaurant mehr, dafür eine Bar in einem benachbarten Gebäude. Die Duschen, denen unser allererstes Interesse in jenem Moment galt, sahen immer noch gleich aus. Und das Wasser fühlte sich so wunderbar warm an! Ich verbrachte sicher fast eine halbe Stunde in der Dusche. In der Bar sind auch ein paar einfache Menüs zu erhalten. Sie war allerdings sehr schlecht geheizt und ein Einheimischer war gerade daran, sich zu betrinken, als wir dort ein kleines Abendessen einnahmen. Wir blieben deshalb nicht lange, zogen uns bald in unser Zimmer zurück und liessen die Bilder der vergangenen Tage noch einmal an unserem geistigen Auge vorbeiziehen.

Wir hatten Glück gehabt, die Wettergötter waren mit uns gewesen. Wir waren nirgendwo steckengeblieben. Wir hatten tolle Menschen getroffen und waren über 200 Kilometer gegangen. Abgesehen von ein paar Blasen hatten wir keine Verletzungen erlitten. Und, was am meisten zählt, wir hatten neun Tage in einer Gegend von atemberaubender Schönheit verbracht. Wir werden wiederkommen.

 

Hier ein paar Tips:

 

Es gibt zwei Skitrekkingstrategien für den Kungsleden:

Die einfachere ist, die Tour auf einer "Hütte-zu-Hütte"-Basis zu unternehmen. Es gibt Hütten entlang des Weges in Abständen von etwa 15 bis 20 Kilometern. Eine relativ kurze Distanz, trägt man in Rechnung, dass dabei nur vergleichsweise wenig Gepäck mitgenommen werden muss. Man benötigt grob nur einen leichten Schlafsack, Reservekleider und Nahrungsmittel für zwei bis drei Tage, da nur etwa jede zweite Hütte Lebensmittel verkauft. Ich würde trotzdem auch gewisse Notausrüstungsgegenstände (zusätzliche warme Kleider, Rettungsdecke oder Biwaksack, Schaufel etc.) für diejenigen Fälle, wo das Wetter schnell umschlägt und ein Weiterkommen verunmöglicht, mitnehmen.

Wir sind voll ausgerüstet (Camping-Ausrüstung) und für etwa sieben Tage von jeglicher Einkaufsmöglichkeit unabhängig auf unsere Tour gegangen. Das zu tragende Gewicht wird dadurch natürlich wesentlich höher. Deshalb hatten wir ursprünglich geplant, zwei anstatt nur eine Pulka zu mieten. Die Fjällstation in Abisko vermietet Pulkas, aber während der Osterzeit, welche am meisten Wintergäste anzieht, müssen Schlitten lange im voraus reserviert werden. Wir waren zu spät und mussten deshalb zwangsläufig mit einer Pulka, die wir in der Schweiz mieteten, vorlieb nehmen. Diese "1-Pulka"- Strategie stellte sich aber, wie in Paragraph zwei des Reiseberichtes geschildert, als ideal für unsere Zwecke heraus. Die Fjällstation vermietet auch Telemark-Ausrüstungen. Diese sind in grosser Zahl vorhanden. Trotzdem würde ich auch diese sicherheitshalber im voraus reservieren. Am Ende der Tour kann man die Ausrüstung mit den öffentlichen Transportmitteln nach Abisko zu einem fairen Preis zurückschicken lassen.

Es gibt keine Standardskiausrüstung für das Wintertrekking. Die meisten benutzen jedoch Telemarkskis. Aber selbst in diesem Segment gibt es zwei verschiedene Typen. Der beste für Trekking auf relativ flachem Terrain ist der Schuppentelemarkski. Dieser funktioniert auf dieselbe Art und Weise wie ein Schuppenlanglaufski (der zweitbeliebteste Skityp für diese Art Touren). Auch Anstiege, sofern nicht allzu steil und das Gepäck nicht sehr schwer, sind damit zu bewältigen.

Abfahrtstelemarkskis können wie klassische Langlaufskis gewachst werden. Dazu benötigt man allerdings gute Wachskenntnisse. Sind diese nicht vorhanden, kann einem der Spass schnell vergehen.

Die dritte Strategie benötigt Felle. Sicherlich kommt man damit am langsamsten voran, ersteigt dafür aber jeden Hügel, sei er noch so steil und das Gepäck noch so schwer. Ist das Terrain flach oder abfallend, kann man die Felle entfernen und ist dann mindestens so schnell wie mit den anderen Strategien.

Die meisten Trekker, die wir trafen, benutzten Schuppentelemarkskis. Der zweitbeliebteste Typ war der Schuppenlanglaufski, der bei tiefem Schnee allerdings einsinkt. Auf dem vielbegangenen Kungsleden ist das allerdings kein Problem.

Wir hatten nur ein Drei-Saison-Zelt (sehr leicht, dafür nur bedingt sturmfest), und wollten nur für diesen Trip kein neues Zelt anschaffen. Unser Zelt tat seinen Zweck. Einschränkend muss allerdings erwähnt werden, dass wir keine Stürme auszusitzen hatten. An den meisten Orten haben wir allerdings eine etwa einen Meter hohe Schneeschicht angetroffen. Da kann man sich mit dem Zelt eingraben und dieses mit Schneehäringen auch gut verpflocken. Stürme sollten nach meinem Ermessen so auch ausgehalten werden können.

Kaufe den wärmsten Schlafsack den Du Dir leisten kannst! Es gibt wenig anderes, das Du so schätzen wirst wie einen komfortablen Schlafsack nach einem kalten Tag. Ich persönlich bevorzuge synthetische Schlafsäcke gegenüber Gänsedaunen. Synthetische Säcke benötigen mehr Platz und sind etwas schwerer. Aber sie trocknen schneller als Gänsedaunen, ein gewichtiger Vorteil aus folgendem Grund: Der Atem des Schläfers kondensiert an der Zeltdecke. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gefriert das Kondenswasser sofort. Kocht man später, steigen die Temperaturen meistens über Null Grad Celsius, was dann die gefrorene Kondensflüssigkeit sofort schmelzen lässt. Dann wird der darunter liegende Schlafsack innert Minuten feucht bis nass und man braucht einen schnell trocknenden Schlafsack. Darüber hinaus verlieren gewisse Daunensäcke Teile ihrer Füllung, vor allem bei langem Gebrauch. Noch einmal: Synthetische Säcke sind meine persönliche Präferenz. Es gibt eine andauernde, heftige Debatte in Fachkreisen über dieses Thema und man kann sicher fast gleich viele Pros und Kons für beide Typen anführen.

Zusätzlich zu den warmen Schlafsäcken haben wir beide noch leichte Innenschlafsäcke mitgenommen. Andrea’ s war aus Fleece, meiner aus Seide. Ich habe meinen nie benutzt, Andrea fand unsere beiden sehr nützlich. Sie sind weder schwer noch benötigen sie viel Platz, offerieren aber extra Komfort bei sehr kalten Nächten.

Kocher sind ein anderes wichtiges Thema. Die saubersten und am einfachsten zu benutzenden sind die Gaskocher. Diese aber haben einen grossen Nachteil. Sie funktionieren bei kalten Temperaturen eher schlecht. Unter solchen Bedingungen sind Benzinkocher von der Effizienz her vorteilhaft. Benutze wo möglich bleifreies Benzin, aber vergiss nicht, dass selbst dieses toxische Rückstände hinterlässt. Auch das Anfeuerprozedere ist aufwendiger als bei Gaskochern. Darüber hinaus kann sich die Düse verstopfen, vor allem wenn verbleites Benzin benutzt wird. Nimm eine zweite Düse mit und/oder Werkzeug zum entstopfen. Wenn der Brenner nicht tadellos funktioniert, können hohe Flammen entweichen. Man sollte Kocher generell nicht im Zelt benutzen. Ich benutze sie im Zelt, Benzinkocher allerdings nie.

"Multifuel"-Kocher sind sicherlich am besten an den meisten Orten, da einer der möglichen Energieträger fast überall vorhanden ist. Wenn Du Dich für Gas entscheidest, denke an folgendes:

Erstens befördern die Fluggesellschaften keine Gaskartuschen. Du musst sie deshalb am Ausgangsort Deiner Tour beschaffen. Stelle sicher, dass sie dort vorrätig sind. Abisko beispielsweise hatte die Kartuschen für meinen Kocher nicht an Lager. Ein "Outdoor"-Shop in Kiruna lieferte sie zum Hotel, wo wir übernachteten, bevor wir nach Abisko reisten.

Zweitens gibt es verschiedene Gastypen. Für unseren Kocher existieren reine Propan- oder Propan-Butan-Gemisch-Kartuschen. Das Propan-Butan-Gemisch ist das effizienteste bei tiefen Temperaturen. Leider ist es nicht in allen Ländern erhältlich, da Propan-Butan toxischer ist als Propan. Noch einmal. Man sollte keine Kocher im Zelt benutzen. Wenn ich es trotzdem tue, so stelle ich sicher, dass genügend Ventilation vorhanden ist.

Drittens, kaufe einen Kocher, bei dem Du die Kartusche nach dem Gebrauch vom Brenner wegnehmen kannst. Der Kocher ist dann leichter im Rucksack zu verstauen. Bei der ersten Generation der Gaskocher war dies noch nicht möglich. Wie bereits erwähnt, funktionieren Gaskocher in der Kälte relativ schlecht. Wärme die Kartusche 30 bis 60 Minuten vor dem Gebrauch auf. Während des Tages habe ich sie vor den Mahlzeiten unter der Jacke getragen, während der Nacht im Schlafsack aufbewahrt. Während des Gebrauches habe ich einen Pullover darum herum gewickelt, um sie warm zu halten. Das alles hat hervorragend geklappt.

Topographische Karten gibt es in jeder Fjällstation zu kaufen. Ich besorge sie mir jedoch immer viel früher, um eine vorzeitige Grobplanung der Tour zu ermöglichen. Eine Detailplanung ist nie möglich. Die Karte zeigt zwar An- und Abstiege, aber wird nichts aussagen über den Zustand des Weges. Im Winter kann Gegenwind die Marschgeschwindigkeit beeinflussen. Warmes Wetter kann den Schnee schwer machen. Neuschnee kann Dich zwingen, eine neue Spur zu legen etc. Auf dem oben beschriebenen Weg haben wir auf flachem Terrain durchschnittlich ungefähr vier Kilometer pro Stunde zurückgelegt.

Plane Reservezeit für Unvorhergesehenes ein. Nimm ein Buch mit, falls Du eingeschneit wirst (Du wirst Dich sonst schrecklich langweilen)! Sprich mit Leuten, die Du am Weg triffst. Viele, die wir am Kungsleden trafen, waren zum wiederholten Male dort und haben viel Trekkingerfahrung, können Dir erzählen, was Dir in den kommenden Tagen bevorsteht oder Dir Tips für gute Ausrüstung geben. Und die meisten Menschen dort oben sind einfach tolle Typen und jede Unterhaltung wert.

Die Lebensmittelversorgung am Kungsleden ist kein Problem, da man regelmässig einkaufen kann. Wir haben vorfabrizierte, dehydrierte Menüs mitgenommen. Sie sind sehr leicht und rasch zubereitet. Alles, was man in der Regel benötigt, ist ein halber Liter kochendes Wasser. Man kann die Alubeutel, in denen sie verkauft werden, direkt als Essgeschirr brauchen. Das erspart einem den Abwasch, ein luxuriöser Vorteil bei Minustemperaturen! Wir haben solche Menüs für Mittag- als auch Abendessen benutzt. Ein Menü hat jeweils für Andrea und mich gereicht, wenn wir es mit Nüssen vorneweg und einem kleinen Dessert angereichert haben. Wir haben zusätzlich noch Kraftriegel, Schokolade, getrocknete Früchte oder Nüsse während der regelmässigen Wegpausen gegessen.

Trink regelmässig! Man braucht weit mehr Flüssigkeit im Winter als im Sommer. Bei kaltem Wetter fühlt man sich normalerweise nicht durstig und realisiert nicht, dass man langsam dehydriert. Ein Opfer dieses Phänomens leidet an starkem Leistungsabfall, was unter extremen Bedingungen lebensgefährlich sein kann.

Ein letzter Tip für Videoenthusiasten. Wenn man die Kamera nicht gerade benutzt, sollte man den Akku so nah am Körper wie möglich aufbewahren. Ich habe meine während des Tages in einer Körpergürtelbörse aufgehoben und nachts in den Schlafsack gelegt. Das hat ausgezeichnet funktioniert. Die Akkus, welche normalerweise maximal 45 Minuten arbeiten, haben unter den oben geschilderten Bedingungen nur etwa einen Drittel ihrer Leistungsfähigkeit eingebüsst.

 Und nun hoffen wir, dass Dir das hier Niedergeschriebene bei der Planung und Ausführung Deiner Tour nützt. Andrea und ich werden Dir weitere Fragen gerne zu beantworten versuchen und uns freuen, von Deinen Erfahrungen und Erlebnissen zu hören. Unsere Adresse:

Andrea Keller und Jann Breitschmid
Schulhausstrasse 6
5454 Bellikon
Schweiz
Tel/fax: +41 56 496 62 84
e-mail: jann.breitschmid@bluewin.ch

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