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HEW-Cyclassics 2003

Sonntag, 3. August - Das Rennen

Einen Wecker brauchte ich nicht, kurz vor der geplanten Zeit war ich bereits wach und stand zügig auf. Schließlich waren wir ja nicht zum Vergnügen in Hamburg. Noch vor 7 Uhr gingen wir zum Frühstück, und ich aß einige der bewährten Rosinenbrote mit Aprikosenmarmelade, während Carola eine bunte Mischung von leckeren Kohlenhydraten, Proteinen und einer Minimaldosis Fett von verschiedenen Stellen des Frühstückbuffets einsammelte. Danach zogen wir uns für das Rennen um und holten die Räder aus dem Keller. Kurz nach 8 Uhr waren wir planmäßig auf dem Weg zu unserem Startblock in der Steinstrasse. Wir hatten noch viel Zeit und tauschten etwas Erfahrungen mit den Umstehenden aus. Ich wanderte ein Stück an der wartenden Menge entlang. Es war eindrucksvolles Bild, wie hier etwa zweitausend Helme im Gegenlicht der Morgensonne glitzerten. Die andere Hälfte des Startfeldes war in der Mönckebergstrasse aufgestellt. Ein wenig nervös war ich natürlich auch, aber dafür standen kleine blaue Häuschen bereit, und ich reihte mich geduldig in eine der Schlangen ein, besser, als später auf der Strecke wertvolle Sekunden zu verlieren.

Um 8:55 Uhr war die offizielle Startzeit erreicht. Etwa um 9:25 Uhr war es auch für uns soweit, unser Startblock setzte sich in Bewegung und wir rollten langsam und vorsichtig in der Menge etwa einen Kilometer weit auf die Startlinie zu. Dort setzten unsere Transponder die Zeitmessung in Gang. Die Zusammenführung der beiden Startfelder und eine erste Rechtskurve machten keine Probleme. Danach hatte Carola sich warmgefahren und wir beschleunigten.

Durch Industriegebiete ging es hinaus in die mehr ländliche Umgebung von Hamburg. Nach einigen weiteren Kilometern hatte es wohl einen Sturz gegeben, und das Rennen stockte. Einige Male mussten wir kurzzeitig anhalten. Die Vorsicht anderer, die bei dem Stop-and-Go Betrieb Abstand hielten, wurde von einigen ausgenutzt, die sich dabei ein paar Meter nach vorne schieben konnten.

Das Gedränge liess wieder nach und wir hatten nun meist freie Fahrt auf guten Strassen vorbei an kleinen Ansiedlungen und Bauernhöfen. Ich fuhr ein zügiges Tempo und Carola hing an meinem Hinterrad, es lief also alles bestens.

Geesthacht markierte den östlichen Wendepunkt der Strecke. Hier standen besonders viele Zuschauer und spendeten Beifall. Das brauchten wir auch, denn wir hatten uns bereits etwas verausgabt. Dass wir jetzt Richtung Hamburg zurückfuhren, hatte zur Folge, dass aus dem leichten Rückenwind ein leichter Gegenwind wurde, der mir etwas zu schaffen machte. Wir passierten jetzt die erste Verpflegungsstelle, wir hatten aber selbst genügend Vorräte, um nicht halten zu müssen.

Die Strasse führte für längere Zeit an der Elbe entlang, von der wir allerdings nicht sehen konnten, weil sie hinter einem Deich versteckt war. Im Moment fühlte ich mich etwas erschöpft, noch einmal 70 km konnte ich das bisherige Tempo nicht halten. Während ich überlegte, was wir tun konnten, überholte uns ein roter und ein grüner Radler. An den aufeinanderfolgenden Nummern der beiden konnte ich sehen, dass sie zusammengehörten, und sie fuhren genau mein Wunschtempo. Ich versuchte an ihnen dranzubleiben. Das ging gut, und mein Puls ging sofort um zehn Schläge zurück. So zogen wir hinter den beiden einige Kilometer an der Elbe entlang, während ich mich wieder etwas erholte.

Wir verständigten uns darauf, auch die zweite Verpflegungsstelle bei Kilometer 80 rechts liegenzulassen. Die Aussicht auf Getränke und eine Toilette war zwar nach über zwei Stunden Fahrt verlockend, aber bei unserem Schnitt würde uns ein Aufenthalt von nur zwei Minuten immerhin 0,3 km/h kosten, und wir hatten nichts zu verschenken. Es musste auch so gehen.

Durch eine längere Steigung von vielleicht drei Prozent verlangsamte sich das allgemeine Tempo, als wir Harburg erreichten. Der Strassenrand in Harburg war daher von besonders vielen Zuschauern besetzt, die uns anfeuerten. Carola hatte sich erholt und fuhr nun am Berg voraus. Fast spürte man ein wenig Alpe d'Huez-Gefühl, wenn man entlang der begeisterten Menschenmenge die Steigung hochbaggerte.

Einigen Teilnehmern merkte man deutlich an, dass sie anscheinend reine norddeutsche Flachländler waren. Für uns waren Steigungen nichts Neues, denn bei uns in Mittelhessen gibt es kaum Strecken ohne Steigung. Auf Carolas konstantes Tempo konnte ich mich in solchen Situationen verlassen. Ich klemmte mich hinter sie und wir überholten zügig eine ganze Reihe von anderen Teilnehmern. Ich warf einen Blick zurück und sah überrascht und etwas belustigt, dass Carola nicht nur mich, sondern noch vielleicht zehn weitere Leute hinter sich herzog. Ich ermahnte sie "fahr mal schneller, die hängen alle hinter dir", doch sie meinte mit Recht "die können ja alle überholen, wenn sie wollen". Aber niemand überholte. Ziemlich ausgepumpt kam ich hinter Carola oben an. Schnell löste sich die Gruppe wieder auf, als wir in die anschliessende lange Abfahrt durch ein Waldgebiet gingen.

In der Ferne war die Köhlbrandbrücke zu sehen, unser nächstes markantes Zwischenziel. 103 Kilometer hatten wir gefahren, so stand es auf dem Notizzettel, den ich auf das Oberrohr geklebt hatte. Natürlich war die Brücke wieder mit einer Steigung verbunden, die aber ebenso mässige drei Prozent hatte wie die in Steigung in Harburg, auch wenn die Brücke aus der Entfernung recht spektakulär aussieht. Carola übernahm wieder die Führung und wir machten einige Plätze gut.

Die wunderschön langgezogene Abfahrt von der Brücke war ein Genuss, aber viel zu schnell vorbei. Wir mussten wieder treten. Wir teilten die letzten Tropfen aus den Trinkflaschen, danach war alles aufgebraucht. Ich drückte noch ein letztes PowerGel aus, damit es wenigstens nicht an Zucker fehlte. Die Augustsonne hatte Hamburgs Innenstadt aufgeheizt. Wahrscheinlich waren es 26 Grad, vielleicht etwas mehr. Es hätte schlimmer sein können, aber in diesem Moment reichten mir 26 Grad, um darunter zu leiden. Carola zitiert in solchen Fällen gerne Udo Bölts, um mich aufzumuntern, doch das war hier nicht mehr nötig, wir quälten uns auch so. Die Steigung am Rödingsmarkt war doch hoffentlich die letzte ? Wann kam endlich die Flamme Rouge ? Sie kam nicht, aber plötzlich zeigte ein Schild, dass wir nur noch 400 Meter vom Ziel entfernt waren.

Eine beachtliche Menschenmenge im Zielbereich wusste unsere Quälerei zu würdigen und spendete begeistert Beifall. Ich machte ein letztes Foto und zog das Hemd wieder zu, um für das Zielfoto einigermassen ordentlich auszusehen. Wir rollten durchs Ziel und zügig aus dem Zielbereich hinaus. Wie wir bald darauf im Internet nachlesen konnten, hatten wir einem Schnitt von 32.7 km/h auf 119 km gefahren, und damit konnten wir zufrieden ein.

Ganz bestimmt wird es nicht einfach für uns werden, im nächsten Jahr schneller zu sein, aber wenn wir gesund sind, dann sind wir wohl wieder dabei und versuchen es.

© Kurt Bangert und Carola Bläsing-Bangert 2003

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