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HEW-Cyclassics 2002

Sonntag, 4. August : Das Rennen

Die Nacht war kurz, aber ruhig, und schon vor sieben Uhr saßen wir beim Frühstück, das für mich an einem solchen Tag immer aus Rosinenbrot mit Aprikosenmarmelade besteht. Für den Fall, daß das Hotel kein Rosinenbrot haben würde, hatten wir eigenes mitgebracht. Carola hatte es sicherheitshalber gebacken. Doch es war ein gutes Hotel, und sie hatten Rosinenbrot, außerdem auch Aprikosenmarmelade. Carola hielt sich derweil an Toastbrot mit Lachs und Kaviar - hochwertiges Eiweiß ist schließlich ja auch sehr wichtig.

Unterwegs zum StartUm 8:15 Uhr stiegen wir auf die Räder und rollten vom Parkplatz des Hotels. Da die meisten Absperrungen inzwischen eingerichtet waren, traf man in der Innenstadt nur noch wenige Autos. Der Startblock J war leicht zu finden, und nun brauchten wir vor allem noch Geduld. Nachdem die offizielle Startzeit von 9 Uhr erreicht war, wurde im Abstand von jeweils 2 Minuten ein Block von 500 Teilnehmern gestartet. Da wir in Block J waren, konnten wir ausrechnen, daß wir noch knapp 20 min warten mußten. Schließlich kam der Startschuß auch für uns, wir setzten uns langsam in Bewegung. Zunächst rollten wir vor zahlreichen Zuschauern gemächlich in Richtung Startlinie, wo durch den Transponder unsere Startzeit bestimmt wurde. Ab jetzt lief die Zeit. Wir beschleunigten mit dem Pulk.

Carola hatte immer Probleme, wenn wir ein Rennen vom Start weg zu schnell angingen. Unsere Taktik sah daher vor, daß sie anfangs vorausfahren sollte, bis sie ihre Betriebstemperatur erreicht hatte. Danach sollte ich die Führung von unserem zweiköpfigen Team übernehmen und ihr dabei Windschatten geben. Am Berg mußte ich mich von Carola ziehen lassen, denn da war sie wesentlich besser, und später, auf der Elbchaussee, so dachte ich, würden wir vielleicht mit etwas Westwind im Rücken noch einmal richtig Tempo machen können. Also, für eine Viertelstunde fuhr Carola voraus, dann setzte ich mich vor sie.

Im RennenWir fuhren durch Vororte und dann auf breiten Ausfallstraßen aus Hamburg heraus. Nur wenige Häuser waren noch am Strassenrand zu sehen. Auf Fußgängerbrücken standen viele Zuschauer und spendeten Beifall. Wir überholten langsamere Fahrer und mußten ebenso darauf achten, andere nicht zu behindern, die uns überholen wollten, oft waren das Gruppen, die Sportvereinen angehörten. Die Gegend war relativ flach, und wir kamen gut voran. Der Tacho zeigte einen Durchschnitt von über 32 km/h, das war schneller, als wir zu Hause im Training gefahren waren, und damit hatten wir einen sicheren Abstand vom Besenwagen und konnten zufrieden sein.

Von der ganzen Umgebung und leider auch von den Zuschauern bekam ich sehr wenig mit, denn ich war voll damit beschäftigt, die Vorausfahrenden, Carola hinter mir, und meine Pulsuhr zu beobachten. Daneben mußte ich ja auch noch einige Fotos machen. Ich hatte kaum ein Zeitgefühl oder ein Gefühl dafür, wie weit wir gefahren waren. Immerhin, die Pulsuhr und der Tachometer zeigten die Daten, und wir waren gut im Plan. Nicht bei allen lief es so gut, einige Teilnehmer standen mit technischen Problemen am Straßenrand. Ein Servicewagen überholte uns und fuhr von einer Pannenstelle zur nächsten.

In der ersten Hälfte des Rennens lief alles perfekt, doch dann änderte sich die Situation innerhalb von Sekunden. Der Wetterbericht des NDR hatte eine "rege Schauertätigkeit" vorhergesagt, und diesmal stimmte das Rechenmodell der Meteorologen. Plötzlich regnete es sehr kräftig. In kürzester Zeit war ich vollständig durchnäßt. Beim Treten schwappte das Wasser in meinen Schuhen hin und her. Die Regenjacke anzuziehen machte keinen Sinn, denn dann wären wir genauso naß gewesen, nur eben vom Schweiß. Hinterräder spritzten Dutzende Fontänen in die Luft. Es war nicht nur ungemütlich, sondern wir mußten auch aus Vorsicht unser Tempo deutlich verringern. Gerade in diesem Moment kamen wir nun an den steilsten Berg der Strecke, das Tempo der Masse verlangsamte sich weiter und das Gedränge nahm zu. Die Brille war nassgeregnet, und unter der dunklen Radbrille hatte ich noch optische Gläser, die in Sekunden beschlagen waren, als der Fahrtwind nachließ. Dazu war es relativ dunkel, denn wir fuhren durch Wald. Die Brille zu putzen war natürlich unmöglich, ich mußte mit dem zufrieden sein, was ich sehen konnte, und das war nicht viel.

Carola war von allem wenig beeindruckt, sie konnte besser sehen als ich und war erwartungsgemäß am Berg stärker als ich. Sie war vor mir, und ich musste mich darauf konzentrieren, ihr Hinterrad nicht zu verlieren. Manchen Teilnehmern wurde es zu steil, sie stiegen ab und schoben. Wenn ich hier zum Stehen käme, wäre Carola sofort in der Menge verschwunden und in dem Gedränge konnte ich kaum noch einmal anfahren. Wie hoch war eigentlich mein Puls ? Ich kannte mein Limit sehr genau, doch konnte ich die Pulsuhr mit der nassen Brille gar nicht ablesen. Irgendwann mußte aber dieser Berg zu Ende sein ? Gern hätte ich das ganze im Bild festgehalten, doch wegen des starken Regens mußte ich die Kamera im Hemd bleiben.

Wir hatten die höchste Stelle passiert, es war geschafft, es ging wieder abwärts. War das tatsächlich Kopfsteinpflaster ? Doch bevor ich mich wundern konnte, war es glücklicherweise schon wieder vorbei. Der Regen hörte auf. Meine Brille wurde vom Fahrtwind wieder klar.

In St. PauliDie Straße war aber immer noch sehr naß, und vor den weißen Fahrbahn - Markierungen habe ich bei Nässe erheblichen Respekt. Wir blieben vorsichtig. Die Elbchaussee, auf der ich Tempo machen wollte, sah ganz anders aus, als ich sie mir vorgestellt hatte, man sah keineswegs die Elbe, sondern fuhr scheinbar mitten durch die Stadt und wir mußten Fußgängerinseln ausweichen. Tempo machen ging hier nicht . Wir passierten St. Pauli, die Zuschauer wurden wieder mehr.

Flamme RougeAn einer rechtwinkligen Abzweigung kam es zu Stürzen. Ein Zuschauer zählte laut mit und war inzwischen bei "18" angelangt, immerhin schienen die meisten Stürze harmlos zu sein. Am Straßenrand begannen nun die Barrieren, wir näherten uns dem Ziel. Die "Flamme Rouge", das kleine rote Dreieck, das den letzten Kilometer markiert, fiel mir gar nicht auf, und auch, daß die Zuschauer nun dicht gedrängt hinter den Barrieren standen und uns zujubelten, registrierte ich kaum. Die letzten 200 m, und dann waren wir durchs Ziel. Der Veranstalter bittet, im Zielbereich eine gerade Linie einzuhalten, und das taten wir natürlich.

Im ZielWir hatten es geschafft. Wir waren nicht nur irgendwie ins Ziel gekommen, sondern mit einem Schnitt von über 30 km/h. Damit hatte ich immerhin über tausend Teilnehmer hinter mir gelassen und Carola knapp zwei Drittel der Teilnehmerinnen. Das schnellere Tempo vor dem Regen hatten wir nicht halten können, aber was machte das schon.

Nun schoben wir die Räder zum Servicebereich. An der Transponderrückgabe hatten sich lange Schlangen gebildet, aber das hatte ja Zeit. So fuhren wir erstmal ins Hotel, machten uns frisch und zogen trockene Kleidung an. Das Wetter war wieder gut. Danach tauschten wir den Transponder gegen die Medaille ein, die uns an unser erstes Radrennen erinnert.

Den Nachmittag verbrachten wir damit, zunächst die Durchfahrt der Profis auf der Kennedybrücke zu verfolgen. Zwischendurch ruhten wir uns im Hotel aus und sahen uns die Fernsehübertragung an. Erik Zabel hatte Pech, am Waseberg hatte er einen Platten und mußte mit dem Rad seines Teamkollegen Fagnini weiterfahren, der ihm dadurch nicht mehr helfen konnte. Eine solche Panne 10 km vor dem Ziel war für ihn nicht mehr aufzuholen. Wir rafften uns im Hotel wieder auf und suchten uns ein mehr oder weniger gutes Plätzchen am Zielbereich. Johan Museuws siegte und behielt die führende Position im Weltcup. Er freute sich riesig. Inzwischen zeigten die Endorphine auch bei uns ihre Wirkung, wir waren erschöpft und gleichzeitig in bester Stimmung. Bis auf den Regen war einfach alles perfekt gewesen. Das Rennen war ein Erlebnis gewesen, das in dieser Form in Deutschland einzigartig ist. Unser Entschluß für das nächste Jahr stand fest: Weitertrainieren und 2003 auf der 119 km Strecke starten.

© Kurt Bangert und Carola Bläsing-Bangert 2002

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