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Ein Vogeljahr in der Lahnaue

Von Horst Pfaff, Kinzenbach

 

Will man sich mit der Vogelwelt im Dorfbereich oder im heimischen Wald vertraut machen, so hat man es im Winterhalbjahr im wesentlichen immer mit denselben Standvogel- und im Sommer zusätzlich mit denselben Zugelvogel - Arten zu tun. Es gibt nur wenige Vogelarten, die dort nur als Durchzügler oder als Wintergäste auftreten. Um einiges vielgestaltiger stellt sich dagegen das Vogelleben in unserer Lahnaue dar.

Die periodisch auftretenden Überschwemmungen ziehen eine Vielzahl von Durchzüglern an und schaffen durch das reichhaltige Nahrungsangebot und die charakteristische Vegetation für viele verschiedene Arten Brutmöglichkeiten. Es bietet sich an, das Vogelleben in diesem Gebiet so vorzustellen, wie man es im Laufe des Jahres zu Gesicht bekommt.


Der Herbst- und Winterbestand des Graureihers in der Lahnaue liegt bei rund 50 Exemplaren.
(Foto Manfred Volz)


Im Winter


Blickt man an einem Wintertag, an dem unser Land unter einer geschlossenen Schneedecke liegt und alle stehenden Gewässer vereist sind, von den umliegenden Höhen in die Lahnaue hinunter, so kann der Eindruck entstehen, daß wir es mit einem vegetationsarmen Raum zu tun haben, in dem sich um diese Zeit nur wenige Lebewesen aufhalten und ernähren können. Um so erstaunter wird man über die Zahl der anwesenden Vögel sein, wenn man die Aue zu Fuß durchstreift. Die niedrige Höhenlage bewirkt, daß die Niederschläge zum Teil noch als Regen zu Boden fallen, während sie in den Randzonen bereits als Schnee niedergehen. Zusätzlich filtert der Kiesuntergrund – insbesondere nach vorausgegangener Trockenheit – den Naßschnee in den Boden ein. Daher sind die Schneehöhen in der Lahnaue fast immer deutlich niedriger als in der näheren Umgebung. Bedeutsam ist außerdem, daß die Lahn aufgrund der im letzten Jahrhundert erfolgten umfangreichen Begradigungen eine höhere Fließgeschwindigkeit aufweist und auch bei starker Kälte in diesem Bereich fast nie zufriert.

Sofern – wie in den meisten Jahren – dem Winter ein trockener Herbst vorausging und die Aue nicht überschwemmt war, ist fast immer mit einem hohen Feldmaus bestand in den ausgedehnten Wiesenflächen zu rechnen. Hierdurch werden verschiedene Arten von Beutegreifern dazu angeregt, auch in der kalten Jahreszeit bei uns auszuharren. Außerdem werden etliche Zuwanderer angelockt. Auffallend zahlreich ist in dieser Zeit der Mäusebussard (Buteo buteo) vertreten. Man kann im Winter auf engstem Raum dort manchmal dreißig und mehr Exemplare beobachten. Vermutlich stammen die meisten von ihnen aus den umliegenden höheren und schneereicheren Gebieten; aber es dürften auch Zuwanderer aus dem hohen Norden unter ihnen sein. Der interessierte Beobachter sollte sich in der kalten Jahreszeit jeden Bussard genauestens anschauen, denn in strengen Wintern kommt auch der Rauhfußbussard (Buteo lagopus) zu uns. Er ist hauptsächlich daran zu erkennen, daß er im Gegensatz zu seinem Verwandten bis an die Zehen befiederte Beine und einen hellen Schwanz mit dunkler Endbinde hat. Sein Brutgebiet befindet sich in den Gebirgen des hohen Nordens.

Fast in jedem Winter besucht uns die Kornweihe (Circus cyaneus), ein Greifvogel, der im niedrig schaukelnden Fluge – ähnlich einer Eule – die Gegend nach Nahrung absucht. Meistens gelangen die braunen, durch einen weißen Bürzelfleck kenntlichen Weibchen und die Jungvögel bei uns zur Beobachtung. Die herrlich hellgrau gefärbten Männchen ziehen nur gelegentlich bei uns durch. Der uns allen bekannte Turmfalke (Falco tinnunculus) hält auch in strengeren Wintern fast immer in der Lahnaue in einzelnen Exemplaren aus. Er ist durch seinen rüttelnden Beuteflug ein ebenso leicht zu beobachtender wie zu bestimmender Greifvogel. Sowohl der überaus gewandte Buschjäger Habicht (Accipiter gentilis), etwa bussardgroß und von diesem durch seine relativ kurzen Flügel und seinen langen Schwanz unterscheidbar, als auch sein kleiner Vetter, der Sperber (Accipiter nisus), können den ganzen Winter über in der Lahnaue zur Beobachtung gelangen. Beide sind in erster Linie Vogeljäger, die plötzlich aus einem Hinterhalt heraus auftauchen und versuchen, ihre Beute im Fluge zu schlagen. Selbst der Rote Milan (Milvus milvus), allgemein wegen seines tief gegabelten Schwanzes als “Gabelweihe” bekannt, streift in der kalten Jahreszeit hin und wieder durch unsere Aue, obwohl er in der Regel Zugvogel ist. Vereinzelt gelangt auch der Merlin (Falco columbarius), wegen seiner Hauptbeute auch “Lerchenfalke” genannt, aus seiner nördlichen Heimat in unsere Gegend.

Von den Rabenvögeln harren die Elster (Pica pica) und die Rabenkrähe (Corvus corone) bei uns aus. Auch sie profitieren vom Wühlmausangebot in der Lahnaue. Der als Brutvogel im engeren Umkreis während des letzten Jahrzehnts verschwundene Raubwürger (Lanius excubitor), der ebenfalls die Feldmäuse auf der Beuteliste stehen hat, überwintert des öfteren in unserem Gebiet. Der Raubwürger imitiert andere Vogelstimmen. Vor einiger Zeit verriet mir ein Exemplar seine hochnordische Herkunft, indem es die Rufe eines Schneehuhns täuschend ähnlich nachahmte.

Schon bevor die Kiesseen südlich der Lahn entstanden, überwinterten Graureiher (Ardea cinerea) im Lahnauen-Gebiet. Ihre Zahl ist dank des gesetzlichen Schutzes in den letzten Jahren angestiegen. Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgehen, wie viele Wühlmäuse dieser sonst immer nur als Fischräuber verschriene Vogel vertilgt. Ich habe sogar schon beobachtet, wie ein Maulwurf von einem Graureiher verschlungen wurde.

Als echter Standvogel verbringt das Rebhuhn (Perdix perdix) den Winter in unseren Breiten. Rebhühner versuchen, in Familienverbänden, den sogenannten “Ketten”, die für sie harte Zeit zu überstehen. Vielleicht gelingt es mit Hilfe der in den letzten Jahren angelegten Schutzpflanzungen, ihren starken Rückgang bei uns zu bremsen. Von diesen Pflanzungen profitiert auch der Fasan (Phasianus colchicus), der sich mit Vorliebe in deckungsreichen Flußniederungen aufhält.

Ein besonderes Erlebnis ist es immer wieder, wenn als Wintergäste Wildgänse oder gar der Singschwan (Cygnus cygnus) und der Zwergschwan (Cygnus columbianus) in der Lahnaue auftauchen. Von den Wildgänsen kommt die Saatgans (Anser fabalis) am häufigsten bei uns zur Beobachtung. Sie ist meistens auf den Lahnäckern anzutreffen und hat hier schon in Trupps von mehr als hundert Exemplaren zu überwintern versucht. Nicht alljährlich besucht uns die Bleßgans (Anser albifrons). Die Graugans (Anser anser), die die Stammform unserer Hausgans bildet, zieht nur vereinzelt bei uns durch. Diese Großvögel sind alle sehr scheu. Durch die Anlage von festen Wegen im Auenbereich begünstigt, sieht man immer häufiger Spaziergänger, die bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit ihre Hunde frei laufen lassen, was zur Folge hat, daß diese beeindruckenden Vögel bei uns immer mehr verdrängt werden bzw. ihre Verweildauer in der Lahnaue immer kürzer wird.

Wenn die stehenden und langsam fließenden Gewässer ringsum zugefroren sind, kann man auf der Lahn mitunter große Ansammlungen von Wasservögeln beobachten. Fast regelmäßiger Wintergast ist bei uns der Gänsesäger (Mergus merganser). Es ist ein unvergeßliches Erlebnis für den stillen und vorsichtigen Naturfreund, einem ausgefärbten Männchen dieses fast gänsegroßen, überaus farbenprächtigen Vogels aus der Nähe bei seinem Nahrungserwerb zuzusehen. Nicht regelmäßig kommt im Winter der Zwergsäger (Mergus albellus) aus seiner Heimat nördlich des Polarkreises zu uns. Er versteht es, seine Fischbeute teilweise noch unter dem Eis hervorzuholen. Ein verendetes Weibchen, das ich vor Jahren an der Lahn fand, war vermutlich dadurch umgekommen, daß es nach seinem Fischzug die noch offene Stelle im Eis nicht mehr wiederfand. Der Zwergtaucher (Podiceps ruficollis), im Sommer vereinzelt bei uns Brutvogel, ist nun öfter auf der Lahn anzutreffen. Er trägt jetzt sein unscheinbares Winterkleid und weiß sich durch schnelles Wegtauchen geschickt den Blicken des Herannahenden zu entziehen. Die Bleßralle (Fulica atra) bevölkert die offenen Wasserflächen in größeren Trupps, mitunter befindet sich auch die etwas kleinere, am roten Schnabel und Stirnschild kenntliche Teichralle (Gallina chloropus) dazwischen.

Von den Entenarten kommt im Winter hauptsächlich die Stockente (Anas platyrhynchos) – unsere häufigste Entenart – zur Beobachtung. In ihrer Gesellschaft sieht man hin und wieder und in meist wechselnder Zahl Tafelente (Aythia ferina), Reiherente (Aythia fuligula), Krickente (Anas crecca) und manchmal Pfeifente (Anas penelope) oder Schellente (Bucephala clangula). Hält sich eine größere Ente einzeln und meist in Ufernähe auf, sollte man, besonders zu Beginn des Winters, darauf achten, ob es sich nicht um eine Eiderente (Somateria mollissima) handelt. Besonders eindrucksvoll ist eine Begegnung mit dem überaus farbenprächtigen Eisvogel (Alcedo atthis), der an den noch offenen Fließgewässern so lange verharrt, bis sie endgültig zufrieren, und der daher in harten Wintern oft starke Einbußen erleidet. Er war früher am unteren Kleebach Brutvogel, wurde hier aber durch die zunehmenden Beunruhigungen verdrängt.

Selten zu Gesicht bekommt man die nächtlichen Beutegreifer. Gewölle und einzelne Beobachtungen verraten uns jedoch, daß auch die Schleiereule (Tyto alba), die Waldohreule (Asio otus) und der Steinkauz (Athene noctua) in mäusereichen Wintern die Kleinnager in der Lahnaue dezimieren.

Stets wird man auch an harten Wintertagen Kleinvögel in der Lahnaue antreffen. Neben der bei uns ausharrenden Goldammer (Emberiza citrinella) und dem Feldsperling (Passer montanus), der Kohlmeise (Parus major) und der Blaumeise (Parus caeruleus) in den Streuobstbeständen, der Weidenmeise (Parus montanus), die das Ufergebüsch der Lahn durchstreift, dem Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) und dem Zaunkönig (Troglodytes troglodytes) kann man vereinzelt Exemplare der Gebirgsstelze (Motacilla cinerea) in Ufernähe, den Wiesenpieper (Anthus pratensis) und den Wasserpieper (Anthus spinoletta) und immer auch die Feldlerche (Alauda arvensis) zu Gesicht bekommen. Darüber hinaus ist stets mit Finkenvögeln der verschiedensten Arten zu rechnen, so z. B. mit dem Grünfink (Carduelis chloris), dem Buchfink (Fringilla coelebs), dem Distelfink (Carduelis carduelis) und dem Dompfaff oder Gimpel (Pyrrhula pyrrhula).


Überwinterungsversuche in Wassernähe machen gelegentlich in einzelnen Exemplaren die Singdrossel (Turdus philomelos), die Bachstelze (Motacilla alba), die Rohrammer (Emberiza schoeniclus), der Hänfling (Carduelis cannabina), die Heckenbraunelle (Prunella modularis), der Zilpzalp (Phylloscopus collybita), das Rotkehlchen (Erithacus rubecula) und der Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros). Wacholderdrossel (Turdus pilaris) und Amsel (Turdus merula) sind alljährlich im Winter in der Lahnaue anzutreffen, und mit etwas Glück kann man in den Uferweiden von Lahn und Kleebach wintertags neben dem Buntspecht (Picoides major) gelegentlich auch den Kleinspecht (Picoides minor) zu sehen bekommen.

In besonders strengen Wintern gelangen manchmal so hochnordische Kleinvögel wie die Ohrenlerche (Eremophila alpestris), der Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) und die Schneeammer (Plectrophenax nivalis) bis in unsere Gegend sowie – oft in größeren Trupps und teilweise mit dem Erlenzeisig (Carduelis spinus) vergesellschaftet – eine nördliche Unterart des Birkenzeisig (Carduelis flammea).


Das Hochwasser ist abgezogen. Verbliebene Pfützen bieten reichlich Nahrung.
(Foto Manfred Volz)

Im Frühling

Wenn ein plötzlicher Wetterumschwung den Schnee schmelzen läßt oder in überreichem Maße Regen bringt, tritt die Lahn innerhalb kürzester Zeit über ihre Ufer und überschwemmt das gesamte Auengebiet zwischen Gießen, Heuchelheim, Atzbach und Dutenhofen. Nur die eingedeichten Ackerflächen bleiben im Normalfall vom Hochwasser verschont. Es ist beeindruckend, zu beobachten, wie eine ganze Reihe von Vogelarten, oft in hoher Individuenzahl, urplötzlich in unserem Gebiet auftaucht, gleichsam als hätten sie alle in unmittelbarer Nähe auf die Überschwemmungen gewartet.

Am auffälligsten sind zunächst einmal die Möwen, die in Schwärmen bis zu mehreren hundert Exemplaren erscheinen und die von daher schon auf große Entfernung auszumachen sind. In den Möwen - Schwärmen ist die Lachmöwe (Larus ridibundus) vorherrschend, hin und wieder befindet sich auch die Sturmmöwe (Larus canus), sowohl im Jugend- als auch im Alterskleid, darunter. Vereinzelt kann man auch die Silbermöwe (Larus argentatus), meist im Jugendkleid, beobachten. Selbst die Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla), bei der es sich um einen ausgesprochenen Meeresvogel handelt, wurde in dieser Zeit schon ab und zu bei uns gesehen.

Außer der Stockente, die bei uns Brutvogel ist und die nun zu Hunderten die überschwemmte Aue bevölkert, kann man jetzt fast alle in Europa vorkommenden Schwimmenten-Arten auf dem Durchzug beobachten. Die Erpel haben zu dieser Zeit ihr Prachtgefieder angelegt, so daß sie sehr leicht bestimmt werden können. Hat man während der Beobachtung die Sonne im Rücken, so kann man durch das Fernglas an den herrlichen Farben der Männchen Spießente (Anas acuta), Schnatterente (Anas strepera), Löffelente (Anas clypeata), Pfeifente, Krickente (Anas crecca) und Knäkente (Anas querquedula) sehr gut unterscheiden. Aus der Gattung der Tauchenten bevölkern Reiherente, Tafelente und Schellente die überschwemmten Gebiete.

Während die Wintergäste wieder ihren nordischen Brutplätzen zustreben, kommen immer mehr Heimkehrer und Durchzügler in die Aue. Die Haubentaucher (Podiceps cristatus) kehren zurück, und bevor sie ihre Brutplätze auf den Kiesseen südlich der Lahn einnehmen, nutzen auch sie vereinzelt das große Nahrungsangebot in den überschwemmten Wiesen. Der Kormoran (Phalacrocorax carbo), ein gänsegroßer Fischfresser, der im Fluge wie ein großes schwarzes Kreuz wirkt, taucht jetzt in zunehmender Zahl bei uns auf. Wildgänse machen auf ihrer Reise in ihre Brutgebiete nochmals kurze Rast in unserem Bereich, wogegen der sehr vorsichtige Kranich (Grus grus) in den letzten Jahren die Lahnaue nur noch sehr selten als Rastplatz benutzt. Er überquert unsere Gegend fast nur noch im Fluge, wobei er die bekannte Keilformation bildet und durch seinen lauten Ruf auf sich aufmerksam macht.

Sowie das Wasser zurückweicht und nur noch Pfützen und Feuchtstellen hinterläßt, ändert sich die Zusammensetzung der Vogelwelt schlagartig. Die Schwimmvögel ziehen sich auf die Lahn oder die Kiesseen zurück bzw. verlassen uns und wenden sich ihren Brutgebieten zu. Das Wasser hat nun ein großes Nahrungsangebot für den Star (Sturnus vulgaris), die Wacholderdrossel, die Rotdrossel (Turdus iliacus), die Ringeltaube (Columba palumbus) und für die Schnepfenvögel (Limikolen) zurückgelassen. An manchen Tagen rasten mehrere Tausend Kiebitze, Stare und Wacholderdrosseln in der Wiesenaue und lassen erkennen, wie wichtig die Erhaltung des Überschwemmungsgebietes der Lahn auch aus überregionaler Sicht ist. Hier holen sich die Vögel die Nahrungsreserven, die sie benötigen, um den langen Weg von ihren Überwinterungsgebieten zu ihren Brutplätzen durchzustehen.

Der interessierte Vogelbeobachter wird nun in gebührendem Abstand von den Vogelscharen mit einem Fernrohr aufmerksam die großen Vogelschwärme durchmustern, weil man jetzt auch mit seltenen Durchzüglern rechnen kann. Von den Watvögeln können jetzt die verschiedensten Arten auftauchen. Der auffälligste, weil auch der größte unter ihnen ist der Große Brachvogel (Numenius arquata), der mit seinem sichelförmig gebogenen langen Schnabel und seinem melodischen Ruf relativ leicht auszumachen ist. Sein etwas kleinerer Vetter, der Regenbrachvogel (Numenius phaeopus), ist um diese Zeit ebenfalls schon beobachtet worden. Er unterscheidet sich durch seine Stimme und seine Kopfzeichnung von ersterem.

Unter die mehr als tausend Exemplare umfassenden Kiebitz - Scharen, die im zeitigen Frühjahr nach Überschwemmungen bei uns rasten, mischen sich nun gelegentlich Kampfläufer (Philomachus pugnax), Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria) und vereinzelt die Uferschnepfe (Limosa limosa). Entdecken kann man die einzelnen Arten oftmals erst, wenn der Habicht versucht, Beute zu machen. Durch sein Erscheinen werden alle rastenden oder nahrungssuchenden Vögel, wie auf ein Kommando hin, gleichzeitig aufgescheucht. Man kann hieran sehr gut erkennen, wie genau den Vögeln ihre natürlichen Feinde bekannt sind. Der Mäusebussard kann noch so oft über die rastenden Scharen hinweg fliegen: Wegen ihm fliegt kein einziger Vogel vom Boden auf.

In den tiefsten und feuchtesten Stellen der Lahnaue befinden sich die Rastplätze der Bekassine (Gallinago gallinago), die oft in beträchtlicher Zahl bei uns durchzieht und vereinzelt – und zwar dann, wenn die Wiesen bis Ende Mai feucht bleiben – auch bei uns brütet. Sie versteht es meisterlich, sich zu verbergen. Zu Gesicht bekommt man sie fast immer nur, wenn sie auffliegt und durch ihr “Ätsch” bekundet, daß man sie am Boden wieder einmal übersehen hat. Noch meisterlicher verbirgt sich die Zwergschnepfe (Lymnocryptes minimus), die kleinere Verwandte der Bekassine. Sie fliegt meistens erst auf, wenn sie Angst haben muß, daß man auf sie tritt. Von den kleineren Watvögeln kann man jetzt den Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula), den Flußregenpfeifer (Charadrius dubius), den Waldwasserläufer (Tringa ochropus) und den Rotschenkel (Tringa totanus) beobachten. Sind die Wiesen und Äcker noch bis in den April hinein feucht und sind in dieser Zeit noch einige größere Wasserstellen vorhanden, so ist mit dem Dunklen Wasserläufer (Tringa erythropus), dem Grünschenkel (Tringa nebularia), dem Bruchwasserläufer (Tringa glareola) und dem Flußuferläufer (Actitis hypoleucos) zu rechnen.

Ebenfalls beobachtet werden können der Alpenstrandläufer (Calidris alpina), der Zwergstrandläufer (Calidris minuta), der Temminckstrandläufer (Calidris temminckii) und der Sichelstrandläufer (Calidris ferruginea). Es bedarf einiger Übung, und man sollte immer wieder in Fachbüchern nachschlagen, um all diese meist nur flüchtig zu beobachtenden und oft auch sehr scheuen Wasservögel sicher zu bestimmen. Durch die zunehmende Beobachtertätigkeit wurden in den letzten Jahren immer mehr Arten dieser Vogelgattung bei uns nachgewiesen.

Von den Greifvögeln, die uns im Herbst verlassen haben, kehrt im zeitigen Frühjahr als erster der Rote Milan zurück. Ihm folgt der Schwarzmilan (Milvus migrans), sein etwas düsterer und weniger elegant wirkender naher Verwandter, der vereinzelt in der näheren Umgebung brütet und die Lahnaue als Nahrungsrevier nutzt. Gewöhnlich im April zieht der Fischadler (Pandion haliaetus) durch und versucht auf seinem Weg nach Norden bzw. Nordosten bei uns Beute zu machen. Gegen Ende April stellt sich der Baumfalke (Falco subbuteo) ein. Er ist ein schnittiger Jäger, der ähnlich einem Mauersegler oft genauso schnell aus dem Blickfeld verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Von den Weihen ist die Rohrweihe (Circus aeruginosus) ein ausgesprochener Zugvogel. Sie ist einer der wenigen Bodenbrüter unter den Greifvögeln und hat auch bei uns schon vereinzelt gebrütet.

Mit dem Kiebitz kommt im zeitigen Frühjahr auch die Feldlerche zurück. Bereits Ende Februar verstärken die Rückwanderer die im Winter verbliebene Restpopulation. Mit den ersten Frühjahrsüberschwemmungen ist fast immer der Heimzug der Bachstelze verbunden. Spätestens Ende März kann man neben dem Lied der Feldlerche den einfachen Gesang der Grauammer (Emberiza calandra) hören, die nun zurückgekehrt ist. Von einer Baum- oder Buschspitze herab verkündet sie, daß sie hier ihr Brutrevier begründen will. Die Grauammer ist ein typischer Brutvogel unserer Lahnaue. Fast 20 % der hessischen Population haben in den letzten Jahren hier gebrütet. Durch die Auskiesung ist sie in ihrem Bestand hochgradig gefährdet, da sie ebenso wie die Schafstelze (Motacilla flava), die ab Anfang April wieder zu uns zurückkehrt, ein ausgesprochener Flußauen - Bewohner ist. Die Schafstelze wird wie die Gebirgsstelze (Motacilla cinerea) vielfach “Gelbe Bachstelze” genannt und mit letzterer oft verwechselt. Beide Arten stellen aber an ihre Brutreviere unterschiedliche Ansprüche: Während die Gebirgsstelze sich fast ständig an fließenden Gewässern aufhält und in deren Nähe auch brütet, ist die Schafstelze ausgesprochener Wiesen- und Auenbewohner und mit deren Vernichtung hochgradig bedroht.

In der “Roten Liste” der bestandsgefährdeten Vogelarten Hessens wird für 1988 ein Gesamtbestand dieser Art für unser Bundesland von 200 – 400 Paaren angegeben. Allein 72 Paare der Schafstelze konnten in einer 1987 durchgeführten Erhebung (KÖNIG, KORN & PFAFF) in der Lahnaue festgestellt werden (s. auch Beitrag von M. KORN).

Sehr zeitig im Jahr kommt auch die Rohrammer zu uns zurück. Sie brütet meist in Ufernähe von Gewässern und ist im Auenbereich ein verbreiteter Brutvogel. Viele Vogelarten, die uns im Wald oder in den Ortschaften mit ihrem Gesang erst sehr viel später auffallen, kann man in der Lahnaue schon Wochen früher im Jahr als Durchzügler zu Gesicht bekommen. Die ersten Exemplare der Rauchschwalbe (Hirundo rustica) und der Mehlschwalbe (Delichon urbica) beobachte ich im Frühjahr immer in Gewässernähe. Das gleiche gilt auch für den Mauersegler (Apus apus), den Zilpzalp und den Fitislaubsänger (Phylloscopus trochilus). Heckenbraunelle, Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla), Hänfling, Girlitz (Serinus serinus), Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe), Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros) und Wendehals (Jynx torquilla) sind auf dem Zug fast immer zuerst in der Lahnaue anzutreffen.

Im zeitigen Frühjahr sollte man auch auf den Durchzug von Schwarzkehlchen (Saxicola torquata) achten. Ebenso wie das Blaukehlchen (Luscinia svecica) hat es bereits vereinzelt in der Lahnaue gebrütet. Allerdings bekommt man diese farbenprächtigen Kleinvögel nicht alljährlich zu Gesicht. Regelmäßig von Mitte April bis Mitte Mai kommt bei uns auf dem Zug das Braunkehlchen (Saxicola rubetra) durch. Es ist ein typischer Wiesenvogel, der in der Lahnaue auch vereinzelt brütet. Dies insbesondere dann, wenn durch starke Frühjahrsnässe einzelne Wiesen nicht gemäht werden und sich eine Staudenflora bilden kann. Recht zahlreich ist auch der Wiesenpieper (Anthus pratensis) auf seinem Frühjahrszug anzutreffen, der durch seinen Flugruf leicht kenntlich ist. Typische Auenvögel sind auch der Pirol (Oriolus oriolus), der Kuckuck (Cuculus canorus) und die Turteltaube (Streptopelia turtur). Bei uns in der Lahnaue sind sie allerdings wegen des spärlichen Baumbewuchses relativ selten anzutreffen. Ein unscheinbarer Bewohner der Aue ist der Feldschwirl (Locustella naevia), dessen Gesang eher vermuten lassen könnte, daß wir keinen Vogel, sondern eine Heuschrecke vor uns haben. Auch er liebt die Staudenflora und fehlt in frühjahrstrockenen Jahren, wenn alle Wiesen gleichzeitig und sehr früh gemäht werden. Als letzte unserer Zugvögel kommen die Grasmücken, die Rohrsänger, die Fliegenschnäpper, der Neuntöter (Lanius collurio) und der Gelbspötter (Hippolais icterina) zu uns zurück. Von den Rohrsängern ist der Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) unser häufigster Brutvogel in den Feuchtbereichen. Er brütet in Gewässernähe, aber auch in Brennessel - Gestrüpp und selbst in Rapsfeldern. Sein ihm sehr ähnlicher Vetter, der Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus), ist ein ausgesprochener Schilfbrüter und findet infolgedessen bei uns einen sehr begrenzten Lebensraum vor. Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus) und Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus) werden nur gelegentlich auf dem Durchzug beobachtet. Von den Grasmücken - Arten kommen die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla), die Gartengrasmücke (Sylvia borin), die Klappergrasmücke (Sylvia curruca) und die Dorngrasmücke (Sylvia communis) vor.

Erfreulich ist die Tatsache, daß die Beutelmeise (Remiz pendulinus) bei uns in den letzten Jahren als Brutvogel eingewandert ist. Bereits mehrere der wie Wattebeutel aussehenden Nester konnten an Weiden hängend in Ufernähe der Lahn festgestellt werden. Der Wachtelkönig (Crex crex) verrät seine Anwesenheit fast nur durch seinen meist nächtlich vorgebrachten Ruf. Das Vorkommen dieses überaus heimlichen Vogels ist abhängig von der Bodenfeuchtigkeit.

Wenn gegen Ende des Frühlings die Vegetation am höchsten ist, sind die meisten Vögel mit der Brut und der Aufzucht ihrer Jungen beschäftigt. Man sollte sie hierbei möglichst nicht stören und lieber den Sommer abwarten, wenn sie uns das Ergebnis ihrer Brut vorführen.


Durch die Auskiesung hochgradig gefährdet: Die Schafstelze. (Foto Volkmar Pfaff)

Im Sommer

Da die Lahnaue landwirtschaftlich sehr intensiv genutzt wird, haben es die dort vorkommenden Vogelarten nicht leicht, ihren Nachwuchs durchzubringen. Dies betrifft sowohl die Wiesen- als auch die Ackerbrüter. Durch die Umgestaltung der größeren landwirtschaftlichen Betriebe auf Silagefütterung werden die Wiesen jetzt sehr früh im Jahr gemäht, so daß Wiesenbrüter wie z. B. Feldlerche, Schafstelze, Grauammer, Braunkehlchen, Rohrammer, Wachtel, Wachtelkönig, Kiebitz, Rebhuhn, Fasan und teilweise auch die Stockente sehr viele Gelege verlieren. Auf die Lebensfeindlichkeit der mit Herbiziden behandelten Getreidefelder sei hier nicht näher eingegangen. Hier wird man im Sommer selbst die Feldlerche nur noch in den Randbereichen antreffen.

Immerhin ist ein großer Teil der Bodenbrüter, deren Bruten und Jungvögel auch durch andere Vogelarten und durch Raubsäuger – vor allem auch durch Hunde und Katzen – sehr stark gefährdet sind, in der Lage, einen Teil der Brutverluste durch Nachgelege zu ersetzen. Während die Wiesenbrüter unter der frühen Mahd leiden, bedeuten die kahlgemähten Flächen für andere Arten wieder verbesserte Nahrungsbedingungen. Insbesondere Wacholderdrossel, Star, Amsel sowie Krähen und Greifvögel finden wieder Zugang zu Nahrungsquellen, die für sie durch einheitlich hochgewachsene Großschläge vorher nicht erreichbar waren.

Auch in trockenen Jahren bietet unsere Lahnaue in den Uferbereichen der Lahn und des Kleebachs, den ehemaligen Lahnschleifen, den Hochwasserdämmen und einigen wenigen Feuchtstellen – z. T. ehemaligen Bombentrichtern aus dem Zweiten Weltkrieg – vielen Brutvögeln eine Möglichkeit zum Nisten. Aber gerade diese in den Augen mancher Landwirte weitgehend wertlosen Flächen sind für die Betreiber der Auskiesung interessant, so daß diese versuchen, sie aufzukaufen, um sie dann in ihrem Sinne auszubeuten und zu verändern. Während des Sommers wird man in der Lahnaue fast ausschließlich die dort vorkommenden Brutvögel antreffen. Der vogelkundlich interessierte Beobachter richtet jetzt sein Augenmerk hauptsächlich auf die Bruterfolge, die sich wegen der hohen Vegetation und der Heimlichkeit, mit der viele Arten ihren Nachwuchs aufzuziehen pflegen, mitunter sehr schwer feststellen lassen. Manche Vogelarten führen ihren Nachwuchs erst dann vor, wenn er bereits flugfähig ist, so daß man nicht immer ersehen kann, ob dieser bei uns erbrütet wurde oder ob es sich um Zuzügler handelt. Während die Brutzeit noch in vollem Gange ist, beginnt für manche Arten bereits wieder der Zug in wärmere Gefilde. Besonders die Limikolen (Schnepfenarten) beginnen sehr früh mit der Rückwanderung. Als vor einigen Jahren die Heuchelheimer Landwirte noch von der Möglichkeit Gebrauch machten, die Kahn -Wiesen durch Aufstau des Bieberbachs in der Zeit zwischen der Heu- und der Grummeternte zu bewässern, konnte man an den Wassergräben viele Arten bei ihrem dortigen Aufenthalt studieren. Es handelte sich sowohl um Rückwanderer aus dem Norden als auch um einheimische Arten, die ihr Brutgeschäft schon beendet hatten. Zu diesen Besuchern der Bewässerungsgräben zählten vor allem die Lachmöwe, der Kiebitz, der Grünschenkel, Brachvogel - Arten, der Waldwasserläufer und der Kampfläufer. Darüber hinaus war hier die eine oder andere Rarität zu beobachten.

Es wird angeregt, zu prüfen, ob dieses alte Bewässerungssystem wieder in Gang gesetzt werden kann. Es würde sicher zu einer Jahreszeit, zu der alle übrigen Gewässer von vielen Menschen umlagert sind, den Wasservögeln einen zusätzlichen Rastplatz und eine reiche Nahrungsquelle erschließen und zusätzlich zur Belebung des Landschaftsbildes beitragen. Gegen Ende des Sommers verläßt uns bereits ein großer Teil unserer heimischen Brutvögel. Ab Anfang August trifft man keinen Mauersegler mehr in unseren Ortschaften an. Während zu dieser Zeit die meisten von ihnen bereits auf dem Weg in ihr afrikanisches Winterquartier sind, kann man bis in den September hinein noch einzelne Vögel dieser Art in der Lahnaue jagen sehen. Es handelt sich hierbei wohl um Brutvögel aus Skandinavien, die nicht in der Lage waren, ihr Brutgeschäft so früh zu beenden wie ihre mitteleuropäischen Artgenossen. Wenn der September beginnt, wird man bereits vergebens nach einem Kuckuck oder einem Pirol Ausschau halten. Viele Kleinvogelarten wie Grasmücken, Rohrsänger, Fliegenschnäpper, Schwirle und der Wendehals befinden sich bereits auf dem Weg in den Süden. Ist dann das letzte Gras gemäht worden und das Getreide auf den Feldern abgeerntet, beginnt der Herbst in unserer Lahnaue.


Kraniche über der Lahnaue. Heute rasten sie nur noch selten.
(Foto Manfred Volz)

Herbst

Während sich ein Teil unserer heimischen Zugvögel relativ unauffällig zur Herbstzeit verabschiedet, um die Winterquartiere aufzusuchen, die je nach Art vom südlichen Europa bis ins zentrale Afrika reichen, neigen andere zur Schwarmbildung und kommen gerade im Spätsommer und im Herbst des öfteren bei uns durch. In den Staudenfluren entlang der Lahn, insbesondere dort, wo größere Bestände des Beifuß wachsen, kann man jetzt scharenweise Girlitz, Distelfink und Grünfink antreffen. Hänfling - Schwärme sind an den Hochwasserdämmen und auf den Rapsfeldern anzutreffen. In größeren Trupps treten auf den abgeernteten Feldern, besonders in Maisschlägen, der Feldsperling, die Goldammer und der Buchfink auf. Zu diesen gesellt sich gegen Anfang Oktober nicht selten als erster Wintergast der Bergfink (Fringilla montifringilla). Vereinzelt zieht jetzt auch die Rohrammer durch die Feldflur. Sie ist dann meistens in den noch nicht abgeernteten Maisfeldern anzutreffen. In den Rübenfeldern halten sich gerne ziehende Exemplare von Braunkehlchen und Schafstelze auf, und durch die kahle Feldflur streicht der Steinschmätzer. Die Feldlerche beginnt Trupps zu bilden, und die Ringeltaube tritt, mitunter vergesellschaftet mit der Hohltaube (Columba oenas), in größeren Verbänden auf und sucht auf den Feldern nach Nahrung. Durch die feuchteren Gebiete ziehen der Wiesenpieper und der Wasserpieper. Der Erlenzeisig kommt gegen Ende September aus seinen Brutgebieten, den Nadelwäldern der Mittel - und Hochgebirge. In stattlichen Verbänden ist er in den uferbegleitenden Erlen zu finden, deren Früchte jetzt seine Hauptnahrung bilden und denen er seinen Namen verdankt. Star und Wacholderdrossel bevölkern in Schwärmen die Streuobstbestände und verzehren das nicht verwertete Obst. Zu ihnen gesellt sich zuweilen der Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes). Die schmucke Rotdrossel – ein Wintergast aus dem Norden – ist ab Mitte Oktober unter diesen Vögeln ebenfalls gelegentlich auszumachen. In den Ufergebüschen kann man jetzt kleinen Trupps von verschiedenen Meisenarten begegnen, unter denen sich in der Regel Blaumeise und Kohlmeise, fast immer auch einige Exemplare der Weidenmeise und als Begleiter manchmal ein Buntspecht oder ein Kleinspecht sowie der Gartenbaumläufer befinden. Bis Ende Oktober zieht vereinzelt auch noch die Beutelmeise durch das Ufergebüsch, und hin und wieder trifft man auf Familienverbände der Schwanzmeise (Aegithalos caudatus). Größere Ansammlungen von Kleinvögeln locken natürlich auch Beutegreifer an. Insbesondere der Sperber ist auf dem Herbstzug immer in der Lahnaue anzutreffen. Wenn sich Anfang November die ersten Nachtfröste einstellen, verläßt die Saatkrähe (Corvus frugilegus) ihre Brutgebiete in den Ackerbauregionen des mittleren und östlichen Europa. Man kann dann tagelang Schwärme von Hunderten dieser Vögel auf ihrem Zug nach Süden beobachten. Fast immer, aber in geringer Zahl befindet sich unter diesen Schwärmen die Dohle (Corvus monedula). Gewöhnlich unterbrechen diese Vögel ihren Zug bei uns nur dann, wenn sie ein soeben frisch gepflügtes Feld zur Nahrungssuche einlädt. Schwarmbildung kann im übrigen auf dem Zuge auch unter Greifvögeln beobachtet werden. Bekannt ist hierfür insbesondere der Wespenbussard (Pernis apivorus), der in größeren Gesellschaften auf festen Zugstraßen nach Süden zieht. Allerdings sind mir in unserem Bereich nur Einzelexemplare dieser Art zu Gesicht gekommen. Hingegen kann man den Roten Milan besonders im Herbst in lockeren Verbänden von bis zu dreißig und mehr Exemplaren nach Süden streichen sehen. Auf den Wasserflächen sollte man im späten Herbst vor allem auf durchziehende Meeresenten achten, von denen die Trauerente (Melanitta nigra), die Samtente (Melanitta fusca) sowie die Eisente (Clangula hyemalis) neben der schon erwähnten Eiderente vereinzelt bei uns beobachtet werden können. Von den Seetauchern verweilen der Prachttaucher (Gavia arctica) und der Sterntaucher (Gavia stellata) manchmal einige Tage in der Lahnaue. Von den Lappentauchern ziehen neben dem Haubentaucher und dem Zwergtaucher auch gelegentlich Schwarzhalstaucher (Podiceps nigricollis), Rothalstaucher (Podiceps griseigena) und Ohrentaucher (Podiceps auritus) durch. Wenn gegen Ende November die letzten Kranich - Formationen über unser Gebiet gezogen sind und die Landwirte alle Felder umgebrochen haben, stellen sich meistens die ersten längeren Nachtfröste ein und bedecken die kleineren stehenden Gewässer mit Eis. Für viele Vogelarten verringert sich nun das Nahrungsangebot so sehr, daß sie unsere Lahnaue verlassen müssen, um sich südlicheren Gebieten zuzuwenden. Auf den Erkundungsgängen trifft man im wesentlichen jetzt nur noch diejenigen Arten an, die den Winter über bei uns ausharren. Immer aber, ob im Frühling, im Herbst, im Sommer oder im Winter, wird man bei einem Spaziergang in unserer Lahnaue damit rechnen können, daß man einer Vogelart begegnet, die man ganz und gar nicht erwartet hatte, oder daß man sogar einen Vogel zu Gesicht bekommt, den man hier bisher überhaupt noch nicht gesehen hat. Es bleibt zu hoffen, daß dieses herrliche Gebiet genügend Anwälte findet, die erfolgreich dafür streiten, daß es in seiner bisherigen Form erhalten bleibt.

Anmerkung: die wissenschaftlichen Namensbezeichnungen richten sich nach BEHRENS et al.

Literatur :

BEHRENS, H., FIEDLER, K., KLAMBERG, H. & MÖBUS, K.: Verzeichnis der Vögel Hessens, Kommentierte Artenliste als Prodromus einer "Avifauna von Hessen", Frankfurt 1985


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