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Weißstorch bei der Landung (Foto Kurt Bangert)

 

Die Störche von Atzbach und Heuchelheim

Von Gerhard Henkelmann

Bis vor etwa zwei Jahrzehnten war der Weißstorch (Ciconia ciconia) während des Sommerhalbjahres ein Charaktervogel der Lahnaue. Der Weißstorch ist im Gegensatz zu seinem scheuen Verwandten, dem Schwarzstorch, der in feuchten und unberührten Wäldern horstet, ein Kulturfolger. Er ist, ähnlich dem Haussperling, vom Baumbrüter zum Hausbrüter geworden. Sein Vorkommen ist gebunden an offenes Gelände, also Wiesen, Brüche und Felder. In waldbedeckten Gebirgen ist er nicht zu finden, feuchte Flußauen zieht er dem Hügelland vor. Daß er bei unseren Vorfahren schon immer wohlgelitten war, ist allseits bekannt. Wer kennt nicht die Mär vom Klapperstorch, der die kleinen Kinder bringt!

Es ist sehr wahrscheinlich, daß bis zum Anfang unseres Jahrhunderts mehrere Storchenpaare in der damals noch größeren und unberührteren Lahnaue brüteten. Die Horstplätze lagen im Bereich des Lahn - Knies (Gießener Becken). Von den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts bis zum Jahr 1966 war das Storchenpaar von Atzbach das einzige, das zwischen Gießen und Wetzlar anzutreffen war.

Nach Überlieferungen soll bis 1904 ein Storchenpaar auf einer Erle oder Eiche im Bereich “Erlensand” gebrütet haben, ein Blitzschlag zerstörte jedoch den Brutplatz. Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts soll ein Storchenpaar auf einem Haus in Heuchelheim genistet haben. Von Kleinlinden wird berichtet, daß dort bis etwa 1910 ein Storchenpaar auf einem Baum im “Heßler” (südlich des damaligen Lahn - Verlaufs) bis zu dessen Fällung gebrütet hat. Selbst in der Stadt Gießen gab es bis Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch zwei Storchenpaare.

Doch zurück zu den Störchen von Atzbach: Noch 1958 konnte EBERLE in seiner Beschreibung der Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Wetzlar berichten: “Sehr erfreulicherweise zählt der Weiße Storch noch zu den im Kreisgebiet brütenden Wiesenvögeln. Steht auch sein Horst auf einem Schornstein des Klosters Altenberg über den Wiesengründen westlich von Wetzlar seit Jahren leer, so ist doch der Horst auf der Schule in Atzbach über dem großen Lahnwiesengrund östlich der Stadt bis zum Berichtsjahr beflogen. Weithin leuchtet in der Zeit der Aufzucht der Jungen der weiße Fleck des Daches unterm Nest und sagt dem Kundigen, daß das Storchenpaar hier erfolgreich gebrütet hat. Wie viele Reisende haben die Atzbacher Störche vom Eisenbahnzug aus in den Wiesen bei der Nahrungssuche beobachtet und sich des immer seltener werdenden Anblicks erfreut!”


Störche auf dem Dach des Amtshauses in Atzbach
(Mitte der fünfziger Jahre, Foto Ernst Ludwig Knorz)

Im Frühjahr 1931 erwählte zum ersten Mal ein Storchenpaar den Turm des Atzbacher Amtshauses als Brutdomizil. Sehr fürsorglich kümmerte man sich von nun an in Atzbach um die alljährlich wiederkehrenden Störche, half bei der Schaffung der Nestunterlage, renovierte im Oktober 1950 das Nest, setzte sogar mit Unterstützung der Wetzlarer Feuerwehr 1949 einen aus dem Nest gefallenen Jungstorch wieder dorthin zurück, nahm mit Entsetzen und Empörung zur Kenntnis, daß 1945 schießwütige amerikanische Soldaten gleich zwei Störche abschossen. “In den 50er Jahren war das Bild der immer wiederkehrenden Störche eine Tradition geworden. Die Menschen am Ort feierten sozusagen die jährliche Ankunft, Hochzeit, Familienidylle und den Abschied in den Süden” (KRUPP 1986). Dennoch: Auf dem alten Atzbacher Amtshaus (Schule) war die letzte erfolgreiche Brut des Storchenpaares im Jahre 1966 mit drei jungen Störchen zu registrieren. Im Jahr darauf (1967) erschien nur ein einzelner Storch. Trotz der Ausbesserung des Nestes stellte sich ein zweiter Storch nicht ein. Etwa zur gleichen Zeit streifte ein Storch im Bereich der Heuchelheimer Gemarkung umher. Man versuchte mit Hilfe einer Feuerwehrleiter auf dem Schornstein der Heuchelheimer Mühle eine Nistmöglichkeit anzubringen. Ein Erfolg allerdings war diesen Bemühungen nicht beschieden.

Damit war die Brutpopulation des Weißstorches im hiesigen Bereich erloschen. Versuche zur Wiederansiedlung durch Aussetzung von Zuchtstörchen – eine im übrigen bei Ornithologen nicht unumstrittene Maßnahme – blieben erfolglos. Aus welchen Gründen der Weißstorch damals aus der Lahnaue und aus Atzbach verschwand, ist im einzelnen nicht mehr nachweisbar. Feuchte Wiesen bieten dem Storch eine große Nahrungsvielfalt und gehören daher zu den Grundlagen der Storchen-Existenz. Neben der zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft (Traktoren, chemische Spritzmittel, gesteigerter Einsatz von Mineraldünger) war zu jener Zeit die Verschmutzung der heimischen Fließgewässer mit am stärksten.

Mit dem Verschwinden des Weißstorches geht zeitlich die Ausweitung der industriellen Kiesausbeutung in der Lahnaue einher, die noch recht naturnahen Gebiete südlich der Lahn mit Fluß - Altarmen, mit Flachwasser - Zonen und Schilfbeständen beiderseits der Kleebach - Mündung fielen der Kiesgewinnung anheim. So wurden damals die Gebiete “Alterothslachen” östlich des Kleebachs und die Dutenhofener Altarme westlich davon in die radikale Umgestaltung der Lahnaue durch die Auskiesung einbezogen. Im Zuge des Baus der neuen B 49 nördlich der Eisenbahnlinie Gießen – Wetzlar verschwanden insbesondere nordwestlich der Ortslage Dutenhofen feuchte Gräben, ehemalige Altarme und Tümpel, die reiche Amphibien - Vorkommen aufwiesen. Das Nahrungsangebot für die Störche wurde dadurch erheblich dezimiert.

Noch vorhandene Restflächen von Altarmen sowie die entstandenen Baggerseen wurden zudem immer stärker als Angelgewässer genutzt und gezielt mit Nutzfischen besetzt. Durch den Fischbesatz wurde der Nachwuchs der darin ablaichenden Amphibien erheblich verringert, die Kaulquappen wurden von den Fischen gefressen, aber den Störchen fehlten nun die daraus hervorgehenden Frösche, Kröten und Molche als Nahrungsquelle. In der ehemals fischreichen Lahn nahm als Folge der Gewässerverschmutzung die Zahl der Fische weiter ab, gefangene Fische waren teilweise ungenießbar.

Im Tagebau des heutigen Dutenhofener Sees, im Gebiet der alten Lahnarme zwischen Kleebach und Dutenhofener Lahnbrücke, hatte sich in einigen dort vorhandenen Tümpeln zunächst noch ein starker Amphibienbestand entwickelt. Nach der Flutung des Dutenhofener Sees und dem Besatz mit Jungfischen ging die Zahl der Amphibien auch hier stark zurück. Nennenswerte Flachgewässer, die für die Amphibien optimale Lebensräume darstellen, wurden durch die Kiesausbeutung bisher kaum, und wenn, dann nur zufällig und vorübergehend geschaffen. Wenn diese Flachgewässer “aus zweiter Hand” entstanden und auch von Fröschen, Molchen und Kröten als Laichgewässer angenommen wurden, so war dies dennoch kein Hinderungsgrund für ihre spätere vollständige oder teilweise Vernichtung. Als Beispiele hierfür seien die ehemaligen Flachwassertümpel im Bereich der “Kuhweide” (durch Auffüllung von Osten und von Westen her) und der Schlämmteich “Erlensand” (durch Einlassen von Beton-Spülwasser) genannt.

Ende August 1960, kurz nach Beginn der Auskiesung, konnte man in der Lahnaue anläßlich eines Spätsommer - Hochwassers ein Naturschauspiel besonderer Art beobachten: Damals war, etwa zur Zeit der Grummet-Ernte, die gesamte Lahnaue zwischen Heuchelheim, Atzbach und Dutenhofen überschwemmt. Es war gerade die Zeit des Durchzugs in Richtung Süden der - damals in Deutschland noch zahlreicher vertretenen - Störche. Es war schon ein besonderes Erlebnis, Hunderte von rastenden und Nahrung suchenden Weißstörchen, im Verein mit Reihern, in den überschwemmten Wiesen zu sehen. Es ist fraglich, ob man ein solch eindrucksvolles Ereignis noch jemals in der Lahnaue wird erleben können.

Bei Reisen in verschiedene Länder konnte ich nur dort noch Störche beobachten, wo ausreichend Flachwasser-Bereiche, sumpfige Wiesen, naturnahe Gräben, Tümpel, Schilfzonen in Seen und Flüssen sowie größere Flächen vorhanden waren, die noch nicht intensiv landwirtschaftlich genutzt wurden. Denn: Der Storch verspeist neben Amphibien und Fischen auch Insekten (z. B. Heuschrecken), Mäuse, Schlangen, Blindschleichen, andere Eidechsen, Würmer, Schnecken und sogar Maulwürfe. Insofern kommt der Erhaltung großer, ungestörter Wiesenbereiche eine wesentliche Bedeutung für die Wiederansiedlung des Storches zu.

Der Rückgang der Storchenpopulation ist nicht nur im heimischen Raum zu suchen: Den Störchen dürften auch die chemischen Spritzmittel in den Durchzugs- und Überwinterungsquartieren, die z. T. zur Heuschrecken - Bekämpfung verwendet werden, Probleme bereiten. Auch dort werden wohl zunehmend Feucht- und Flachwasserzonen und andere benötigte Lebensräume für landwirtschaftliche, touristische und bauliche Zwecke genutzt. Darüber hinaus dezimieren Hochspannungsleitungen sowie die Jagdleidenschaft in südlichen Ländern die Zahl der ziehenden Störche erheblich.

Landesweit gibt die Bestandsentwicklung des Weißstorches wenig Anlaß zu Optimismus: 1986 und 1988 wurde in ganz Hessen nicht ein einziger Jungstorch flügge, 1987 und 1989 brachten jeweils nur noch ein Brutpaar Nachwuchs zustande (ROSSBACH 1989). Wichtig für die Wiederansiedlung des Weißstorches scheint mir die Erhaltung bzw. die Schaffung eines Lebensraumes zu sein, in dem der “Klapperstorch” wieder ungestört auf Nahrungssuche gehen und natürlich auch ausreichend Nahrung finden kann. Im Frühjahr 1990 kreiste ein Storch in Atzbach, ließ sich jedoch nicht auf dem Horst über dem Amtshaus, sondern auf einem Strommast in der Nähe des Atzbacher Brunnens nieder. Von dort begab er sich auf Nahrungssuche in die Wiesen der Lahnaue (KORN 1990). Vielleicht könnte die Lahnaue eines Tages doch wieder einem Storchenpaar als Lebensraum dienen!?

Literatur

EBERLE, GEORG: Pflanzen und Tiere im Kreise Wetzlar, in: Wetzlarer Heimathefte, Band II, 11. Folge des Heimatbuches für Stadt und Kreis Wetzlar, Wetzlar o. J. (1958)

GÖRLACH, ALFRED: Rückgang des Weißstorches im Kreis Gießen, Chronik über die früheren Nistplätze im Kreis Gießen, erstellt in Zusammenarbeit mit den Ortsbeauftragten für Naturschutz und den Ortsgruppen des DBV vom Kreisverband Gießen des DBV

KEIL, W. & ROSSBACH, R. (1980): Bestandsveränderungen beim Weißstorch - Ciconia ciconia - in Hessen von 1969 – 1980, in: Vogel und Umwelt 1: 136-143

KORN, MATTHIAS 1990: mündliche Mitteilung

KRUPP, WILLI: 35 Jahre Atzbacher Storchengeschichte, in: Frauenkreuze sind Friedenskreuze, Hrsgb. Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft Lahntal e.V., Lahnau 1986

LANDRAT DES KREISES WETZLAR (Hrsgb.): Die Störche von Atzbach, in: Heimatkalender des Kreises Wetzlar 1958, Wetzlar 1957, S. 50

ROSSBACH, RUDOLF (1989): Bestandsentwicklung des Weißstorches (Ciconia ciconia) in Hessen von 1981 bis 1989, in: Vogel und Umwelt 5: 313-318 (1989)

SCHÜTZ, ERNST: Weißstorch, Vogel des Jahres 1984, DBV-Merkblatt Nr. 83/12-012


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