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Die Lahnaue: Ein wertvolles Gebiet für Schmetterlinge

Von Sabine Pfaff
(Botanische Vereinigung für Naturschutz in Hessen, anerkannter Naturschutzverband nach § 29 Bundesnaturschutzgesetz. Die Autorin ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Hessischer Lepidopterologen.)

Wie viele und welche Schmetterlingsarten gibt es noch in der Lahnaue? Welche dieser Falter stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten? Was weiß man über die Lebensweise und die Biotoppräferenzen dieser Falter? Und was kann man schließlich unternehmen, um den Schmetterlingen in der Lahnaue zu helfen? Diese Fragen versucht der vorliegende Beitrag vor allem am Beispiel der Tagfalter zu beantworten.

Gefährdete Arten

In der Lahnaue zwischen Dutenhofen, Atzbach und Heuchelheim gibt es noch 24 Tagfalterarten. Dies ergibt sich aus meinen Aufzeichnungen und Beobachtungen, die bis in die frühen siebziger Jahre zurückreichen. Der Schwalbenschwanz (Papilio machaon), der Schwarzblaue Ameisenbläuling (Maculinea nausithous) und die Goldene Acht (Colias hyale) sind aktuell gefährdet und deshalb besonders bemerkenswert. Die Einstufung der Schmetterlinge in die verschiedenen Gefährdungsgrade ergibt sich aus der im Juni 1989 veröffentlichten ROTEN LISTE DER TAGFALTER HESSENS, die in drei Regionen aufgeteilt ist. Die Gefährdungsgrade gelten für Mittelhessen (Regierungsbezirk Gießen). Sie stellen damit eine zusammenfassende Beurteilung für diesen Raum dar und können lokal davon abweichen.

Den seltenen Schwalbenschwanz, unseren mit etwa 9 cm Spannweite größten heimischen Tagfalter, kann man regelmäßig in einigen Exemplaren in der Lahnaue beobachten. Er ist ein eifriger Blütenbesucher auf Kleearten, der Wiesenknautie (Knautia arvensis) und dem Löwenzahn (Taraxacum offinale) auf ungedüngten Wiesen. Charakteristisch für ihn sind die schwarzen Streifen auf gelbem Untergrund und die langen, schwanzartigen Anhängsel der Hinterflügel. Er fliegt schnell und segelnd. Das Weibchen setzt seine Eier seitlich an Wilder Möhre (Daucus carota), Pastinak (Pastinaca sativa) und anderen aromatischen Doldenblütlern ab. Die erwachsenen Raupen sind grün mit schwarzen Querbändern und orangen Punkten. Sie verpuppen sich mit Hilfe eines Gespinstfadens ("Gürtel") aufrecht an Pflanzenstengeln. Die Bestände des Schwalbenschwanzes sind überregional niedrig, örtlich vielfach sehr niedrig. Daher ist es dringend geboten, seine Lebensräume zu erhalten und sie für ihn attraktiver zu gestalten. Die Lahnaue bietet ihm mit ihren vielfältigen Biotopstrukturen eine Überlebenschance.Den europaweit gefährdeten Schwarzblauen Ameisenbläuling findet man an den Blüten des Großen Wiesenknopfes (Sanguisorba officinalis), der die einzige Nektarpflanze des Falters darstellt. Der Falter ist im heimischen Raum bei anhaltender Lebensraumzerstörung gefährdet und an Feuchtgebiete mit Vorkommen des Großen Wiesenknopfes streng gebunden. Die Lahnaue bietet ihm noch ein Refugium, in dem er überleben kann. Das Besondere an dem kleinen, unterseits auffällig zimtbraunen Schmetterling ist seine eigenartige Lebensweise: Nahrungsaufnahme, Ruhephasen, Paarung, Eiablage und die Entwicklung der Raupen - alles spielt sich auf und in den Blütenknöpfchen des Großen Wiesenknopfes ab. Die schneckenähnliche Raupe des Schmetterlings lebt in Gemeinschaft mit Ameisen der Art Myrmica rubra, nachdem sie sich drei Entwicklungsstadien lang in der Blüte durchgefressen hat. Eine Ameise trägt die Raupe in ihren Bau, wo diese sich an der Ameisenbrut gütlich tun darf. Die Ameisen bekommen als Gegenleistung einen süßlichen Saft, den die Raupe aus einer Hinterleibsdrüse abgibt. Dem Schwarzblauen Ameisenbläuling kann man helfen, indem man die Wiesen, in denen der Wiesenknopf vorkommt, nur selten mäht: höchstens einmal im Jahr, günstig wäre nur eine Mahd alle drei bis fünf Jahre. Zu häufiges Auslichten läßt sowohl die Pflanze als auch die Ameisenart schlecht gedeihen. Ohne Ameisen kann jedoch auch der Bläuling nicht leben.

Die Goldene Acht ist ebenfalls bei anhaltender Lebensraumzerstörung gefährdet. Der im männlichen Geschlecht gelbe, im weiblichen weißliche Falter trägt einen achtförmigen Doppelfleck auf den Hinterflügeln. Er zeigt eine Vorliebe für Kleearten, besondern den Roten Wiesenklee (Trifolium pratense), saugt aber auch an anderen nektarreichen Blütenpflanzen wie Wiesenknautie und Wiesen - Flockenblume (Centaurea jacea). Der Falter ist seit etwa Mitte der siebziger Jahre stark zurückgegangen, in den letzten Jahren hat er sich wieder etwas erholt. Der Rückgang ist überwiegend auf Düngung und starke Be-weidung der Kulturwiesen zurückzuführen. Die Raupe lebt an Wiesenklee und Luzerne (Medicago sativa).

Weißlinge

Die Weißlingsarten Großer Kohlweißling (Pieris brassica), Kleiner Kohlweißling (P. rapae), Rapsweißling (P. napi) und der Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) findet man regelmäßig am Blutweiderich (Lythrum salicaria), der von den Faltern wegen seiner rötlichen Farbe und seines Nektarangebotes gerne angeflogen wird. Auch der verwandte, hochgradig gefährdete Ysop - Weiderich (L. hyssopifolia) bietet diesen Schmetterlingen Nahrung. Die Kohlweißlingsarten sind heute keine Schädlinge mehr. Obwohl besonders der Große Kohlweißling noch nicht gefährdet ist, so ist er doch seit den siebziger Jahren stark zurückgegangen. Die Raupen leben an wilden Kreuzblütlern (Brassicaceae) wie zum Beispiel der Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata), dem Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis) oder dem Hederich (Raphanus raphanistrum). Die Raupen des Zitronenfalters leben von jungen Blättern des Faulbaumes (Frangula alnus). Den Aurorafalter (Anthocaris cardamine), im männlichen Geschlecht mit orangen Flügelspitzen, findet man jedes Frühjahr in den feuchten Wiesen der Lahnaue, wo er an den Blüten des Wiesenschaumkrauts saugt. Er fliegt bevorzugt an etwas geschützteren Stellen mit Heckenbewuchs. Das Weibchen legt seine Eier an Blüten und Stengeln des Wiesenschaumkrauts und der Knoblauchsrauke ab.

Augenfalter

Von den Augenfaltern trifft man im Sommer das Große Ochsenauge (Maniola jurtina), das Damenbrett (Melanargia galathea) und den Schornsteinfeger (Aphantopus hyperanthus) an. Das Kleine Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus) und das Waldbrettspiel (Pararge aegeria) fliegen in mehreren Generationen im Jahr. Die Augenfalter besuchen gerne die Blüten von Wiesenknautie und Wiesen - Flockenblume. Ochsenaugen findet man gelegentlich zu mehreren auf den Blüten. Ferner bieten rote und weiße Kleearten (Trifolium), das Wasser - Greiskraut (Senecio aquaticus) und die Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium) Nektar. Das Waldbrettspiel saugt hin und wieder auch an heruntergefallenem Obst. Es ist ein Schmetterling der angrenzenden Waldgebiete, der Abstecher in die Lahnaue unternimmt. Die Raupen fressen an verschiedenen Grasarten wie dem Wiesen - Lieschgras (Phleum pratense), dem Knäuelgras (Dactylus glomerata) und dem Honiggras (Holcus).

Nesselfalter

Die Nesselfalter Kleiner Fuchs (Aglais urticae), Tagpfauenauge (Inachis io), Landkärtchen (Araschnia levana), Weißes C – auch C-Fuchs oder C-Falter genannt – (Polygonia c-album), Admiral (Vanessa atalanta) und Distelfalter (Cynthia cardui) sind regelmäßig anzutreffen. Auch eine Perlmutterfalterart, der Violette Silberfalter (Brenthis ino), kommt in der Lahnaue vor. Dieser und das Landkärtchen sind feuchtigkeitsliebende Schmetterlinge, die in der Nähe von Gewässern auftreten. Das Landkärtchen weist Bestandsschwankungen auf, kommt aber gelegentlich in über einem Dutzend Exemplaren vor. Wie der Kleine Fuchs und das Tagpfauenauge ist es streng an Brennesseln gebunden. Die bedornten Raupen findet man gesellig an Brennesselbeständen unterschiedlicher Standorte, die des Landkärtchens immer etwas geschützt vor zuviel Sonneneinstrahlung. Admiral und Distelfalter wandern regelmäßig jedes Frühjahr ein, sie sind Wanderfalter. Die zurückgelegten Entfernungen betragen Hunderte von Kilometern. Besonders den Admiral sieht man im Spätsommer und Herbst oft an Fallobst. Die Raupen beider Falter leben auf Brennesseln und Disteln. Die Raupe des Violetten Silberfalters lebt an Madesüß (Filipendula ulmaria), das reichlich in der Lahnaue vorhanden ist. Die Mädesüßfluren sind also wichtig für diesen Falter.

Bläulinge

Von der Familie der Bläulinge fliegen häufig der orangerot schillernde Kleine Feuerfalter (Lycaena phlaeas) und der himmelblaue Hauhechelbläuling (Polyommatus icarus). Der Hauhechelbläuling ist in der Wahl seiner Nektarpflanzen wählerischer als der Kleine Feuerfalter: Er bevorzugt gelbblühende Pflanzen wie beispielsweise den Hornklee (Lotus corniculatus) oder Pflanzen aus der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Die Raupe des Hauhechelbläulings lebt an Kleearten (Lotus, Trifolium) und anderen Schmetterlingsblütlern, während die des Feuervögelchens an Sauerampferarten (Rumex) frißt.

Dickkopffalter

Die Dickkopffalter - Arten sind mit dem Ockergelben und Schwarzkolbigen Braundickkopffalter (Thymelicus sylvestris und Th. lineola) vertreten. Typisch für sie sind ihr Schwirrflug, ihr langer Rüssel und ihre in Ruhestellung eigenartig ineinandergeschachtelten Flügel. Ihre Raupen leben an verschiedenen Gräsern.

Nachtfalter-Arten

Von den am Tage fliegenden Nachtfaltern seien noch das Gemeine Blutströpfchen (Zygaena filipendulae) mit seinen leuchtend roten Punkten auf den schwarzen Flügeln und die Gamma-Eule (Autographa gamma), die eine dem griechischen Buchstaben "g" (Gamma) ähnliche Zeichnung auf den Vorderflügeln trägt, erwähnt. Aufgrund der mannigfaltigen Biotopstrukturen und des reichhaltigen Nektarangebots der mit über 430 Pflanzenarten überaus artenreichen Flora (vgl. dazu den Beitrag von G. KUNZMANN) ist die Lahnaue auch ein wertvolles Gebiet für unsere einheimischen Schmetterlingsarten. Diese finden hier reichlich Nektar in einer sonst an Blumenwiesen verarmten Landschaft. Die Schmetterlinge können also am besten durch einen Erhalt der Vielfalt dieser Landschaft geschützt werden.

 Tagfalter der Lahnaue zwischen Heuchelheim, Dutenhofen und Atzbach (einschließlich einiger am Tage fliegenden Nachtfalter)

 Falterart
 

Gefährdungs-
grad Rote
Liste Hessen

Raupen - Futterpflanzen
Schwalbenschwanz Papilio machaon

3
Wilde Möhre (Daucus carota), Pastinak (Pastinaca sativa))
Goldene Acht Colias hyale

5
Wiesenklee ((Trifolium pratense), Saat-Luzerne (Medicago sativa)
Großer Kohlweißling Pieris brassicae

N
Kreuzblütler (Brassicaceae)
Kleiner Kohlweißling Pieris rapae

N
Kreuzblütler (Brassicaceae)
Rapsweißling Pieris napi

N
Kreuzblütler (Brassicaceae)
Zitronenfalter Gonepteryx rhamni  

N
Faulbaum (Frangula alnus)  
Aurorafalter Anthocharis cardamines

N
Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis
Großes Ochsenauge Maniola jurtina  

N
Wiesen-Rispengras (Poa pratensis
Schornsteinfeger   Aphantopus hyperanthus

N
Knäuelgras (Dactylus glomerata
Damenbrett Melanargia galathea  

Wolliges Honiggras (Holcus lanatus), Lieschgras (Phleum
Kleines Wiesenvögelchen Coenonympha pamphilus  

Einjähriges Rispengras (Poa annua)  
Waldbrettspiel Pararge aegeria 

Knäuelgras (Dactylus), Honiggras (Holcus
Kleiner Fuchs Aglais urticae

Brennesseln (Urtica dioica
Tagpfauenauge Inachis io  

Brennesseln (Urtica), Hopfen (Humulus lupulus
Landkärtchen Araschnia levana 

Brennesseln (Urtica)  
C-Fuchs   Polygonia c-album 

N
Brennesseln (Urtica), Rote Johannisbeere (Ribes rubrum
Admiral Vanessa atalanta

Brennesseln (Urtica), Disteln (Carduus)  
Distelfalter Cynthia cardui

W
Brennesseln (Urtica), Disteln, Natternkopf (Echium vulgare
Violetter Silberfalter Brenthis ino 

Mädesüß (Filipendula ulmaria)  
Schwarzblauer Ameisenbläuling Maculinea nausithous  

Großer Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis
Hauhechelbläuling Polyommatus icarus  

N
Hornklee (Lotus), Wiesenklee (Trifolium), Schmetterlingsblütler
Kleiner Feuerfalter Lycaena phlaeas

N
Kleiner u. Großer Sauerampfer (Rumex acetosella u. R. acetosa)
Ockergelber Braundickkopffalter Thymelicus sylvestris

Rasen-Schmiele (Deschampsia), Wiesen-Lieschgras (Phleum
Schwarzkolbiger Braundickkopffalter Thymelicus lineola

N
Wiesen-Rispengras, Lolch (Lolium), Quecke (Agropyron
Gemeines Blutströpfchen (1) Zygaena filipendulae

Hornklee (Lotus
Gamma-Eule (1) Autographa gamma 

*
Brennesseln (Urtica), Klee (Trifolium
(1) kennzeichnet am Tage fliegende Nachtfalter  Gefährdungsgrade:
3 = gefährdet
5 = bei anhaltender Lebensraumzerstörung gefährdet
N = bodenständig, aktuell nicht gefährdet, wenn auch in Einzelfällen rückläufig

W = Wanderfalter 

* = Rote Liste für Hessen in Arbeit

 

 

Literatur

PFAFF, SABINE: Heimische Schmetterlinge, 60 Tag- und Nachtfalter Hessens, 2. Aufl.. 1988, Eigenverlag

ROTE LISTE DER TAGFALTER HESSENS, Papilionidea und Hesperioidea (Erste Fassung, Stand 1989), zusammengestellt im Namen der Arbeitsgemeinschaft Hessischer Lepidopterologen von E. BROCKMANN und PH. M. KRISTAL WEIDEMANN, H.-J.: Tagfalter, 2 Bde., Neumann-Neudamm-Verlag, 1986 und 1988

SCHWEIZER BUND FÜR NATURSCHUTZ: Tagfalter und ihre Lebensräume, 2. Aufl. 1988

SCHMEIL-FITSCHEN: Flora von Deutschland und seinen angrenzenden Gebieten, Heidelberg (Quelle & Meyer)


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