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Pilze in der Lahnaue

Von Wolfgang Schößler

Ebenso wie Farne und Moose gehören Pilze zu den Sporenpflanzen. Bei dieser Gruppe von Pflanzen erfolgt die Fortpflanzung nicht durch mehrzellige Samen, sondern durch Sporen. Diese sehr kleinen Sporen haben Durchmesser in der Größenordnung von 2 - 25 µm (1 µm = 1 Tausendstelmillimeter). Schon der geringste Luftzug kann sie über weite Strecken verfrachten. Jede einzelne Spore ist bei geeigneten Bedingungen fähig, eine neue Pilzpflanze zu bilden.

Die “Pilze”, die wir verzehren, sind übrigens die “Früchte” (Fruchtkörper) der Pilzpflanze. Wählt man den Vergleich der Pilzpflanze mit einem Apfelbaum, so findet der verzehrbare “Pilz” seine Entsprechung in einem Apfel, dem gesamten Apfelbaum als eigentlicher Pflanze vergleichbar ist das Myzel des Pilzes. Dieses liegt oft in Form dünner Fäden im Boden (Substrat). Reißt man einen Pilz aus dem Boden, so hängen am Stiel häufig Reste des Myzels. Laien bezeichnen das Myzel fälschlicherweise als “Wurzeln” des Pilzes. Ein Hinweis für Pilzsammler: Beim Sammeln der Fruchtkörper ("Pilze") werden diese am besten abgeschnitten. Das Herausreißen würde die Pflanze (Myzel) zerstören.

Die Pilze ernähren sich nicht wie die höheren Pflanzen durch die Photosynthese, dazu fehlt ihnen das Blattgrün. Sie sind daher auf organische Masse als Nahrungsgrundlage angewiesen. Eine der Aufgaben der Pilze im Ökosystem ist es, höheren Pflanzen wiederum durch Zerlegung organischer Substanz neue Nährstoffe bereitzustellen. Von ihrer Ernährungsweise her unterscheidet man Saprophyten und Parasiten. Saprophyten wachsen auf modernden, abgestorbenen Pflanzenteilen, wie etwa morschem Holz, wohingegen die Parasiten lebende Organismen besiedeln. Eine dritte Gruppe bilden die Symbionten. Diese bilden mit grünen Pflanzen eine Lebensgemeinschaft (Symbiose), aus der beide Partner gegenseitig biologischen Nutzen ziehen. Ein vielen Sammlern bekannter Symbiont (auch Mykorrhiza - Pilz genannt) ist der Birkenpilz, der ohne seine Partnerpflanze, die Birke, nicht lebensfähig ist.

Die Fruchtkörper der Pilze sind sehr vielgestaltig. Neben der bekannten Form, den sogenannten Hutpilzen (mit Stiel und Hut), gibt es noch sehr viele andere Erscheinungsbilder: Becherlinge, Korallenpilze, Keulenpilze, Stäublinge usw.

Nach dieser kurzen Einführung in die Welt der Pilze nun die Beschreibung einiger in der Lahnaue zwischen Gießen und Atzbach vorkommender Pilzarten. Trotz meiner jahrelangen Pilzsuche und -beobachtung in der Lahnaue kann die folgende Aufzählung der hier vorkommenden Pilzarten keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sie macht aber deutlich, daß Ökosysteme wie die Lahnaue auch Schutz wegen der dort vorkommenden Pilzarten verdienen.

Wiesen-Champignon (Agaricus campester)

Dieser Pilz hat einen weißlichen, glatten bis faserigen Hut von etwa 3-8 cm Durchmesser. Seine Lamellen sind in jungem Zustand schön rosa gefärbt, reif hingegen schokoladenbraun. Am Stiel findet sich ein schwacher, vergänglicher Ring. Der Sammler hüte sich vor dem leicht giftigen Karbol-Champignon, der dem Wiesen-Champignon täuschend ähnlich sieht! Man erkennt ihn an seiner im Schnitt rasch chromgelb anlaufenden Stielbasis und dem starken Geruch nach Karbol oder Tinte.

Nelkenschwindling (Marasmius oreades)

Den relativ kleinen Nelkenschwindling kennen viele auch von ihrem “gepflegten englischen Rasen” her. Dort kommt er oft in ganzen “Hexenringen” vor. Der gesamte Pilz ist von der Farbe her mehr oder weniger lederocker. Typisch für alle Schwindlinge ist, daß sie nach dem Trocknen bei Regenwetter wieder aufleben. Der Nelkenschwindling ist ein guter Suppenpilz.

Lilastiel-Rötelritterling (Lepista personata)

Noch vor ca. 20 Jahren war der Lilastiel - Rötelritterling geradezu ein Charakterpilz der Wiesen in der Lahnaue. Heute ist er nahezu verschwunden. Als Ursachen hierfür kann man die Intensivierung der Wiesennutzung und der Düngung vermuten. Der Rötelritterling erscheint meist nach der “Champignon-Saison” etwa Ende Oktober / November. Er ist leicht an seiner Zweifarbigkeit erkennbar: lila Stiel und blaß beiger Hut. Der Rötelritterling ist ein schmackhafter Speisepilz.

Krönchenträuschling (Stropharia coronilla)

Auf dem Damm zwischen den beiden Seen kann man ab Juli den Krönchenträuschling finden. Sein Hut mißt 2-4 cm Durchmesser. Er hat etwas Ähnlichkeit mit einigen Zwergchampignon - Arten. Am Stiel besitzt er meist einen schmalen, eng anliegenden Ring, der an der Oberseite gerieft ist (wie ein kleines Krönchen).

Samtfußrübling (Flammulina velutipes)

Ein ausgesprochener Pilz der kalten Jahreszeit ist der Samtfußrübling. Er erscheint in den Wintermonaten büschelig meist an Weiden. Der eßbare Pilz ist leicht an seinem schön gelb bis gelbbräunlichen Hut und dem dazu kontrastierenden, an der Basis braunsamtigen Stiel zu erkennen.

Wiesen-Stäubling (Vascellum pratense)

Von den Stäublingen sei der in den Wiesen häufige Wiesen - Stäubling erwähnt. Er ist wie alle Stäublinge eßbar, solange sein Inneres weiß ist.

Bleigrauer Zwergbovist (Bovista plumbea)

Häufig findet man auch den Bleigrauen Zwergbovist. Der kugelförmige Pilz ist zunächst weiß, bei der Reife nach dem Abfallen der Außenschicht bleigrau.

Gemeiner Feuerschwamm (Phellinus igniarius)

An alten, knorrigen Weiden der Lahnaue findet man nicht selten den Gemeinen Feuerschwamm. Seinen Namen erhielt er, als er noch als Brennmaterial genutzt wurde. Er ist steinhart, und seine Fruchtkörper, die konsolenförmig am noch lebenden, aber geschwächten Holz sitzen, werden bis zu 30 cm breit. Sie wachsen über mehrere Jahre.

Zottiger Schillerporling (Inonutus hispidus)

Ein sehr schöner Baumpilz der Lahnaue ist der Zottige Schillerporling. Die einjährigen, dicken, konsolenförmigen Hüte sind oben von einem zottigen, lebhaft rostgelben oder rostroten Filz bedeckt. Die Röhrenmündungen der Unterseite schillern je nach Lichteinfall silbrig (Name!). Der Schillerporling lebt an geschwächten Stämmen von Apfelbäumen. Er ist ein typischer Pilz alter Streuobstbestände. Der ungenießbare Porling wird in der Lahnaue nicht in allen Jahren gefunden.

Apfelbaum-Weichporling (Tyromyces fissilis)

Der Apfelbaum - Weichporling ist ein seltener Pilz mit ganz besonderen Standortansprüchen. Er kommt ebenfalls in Streuobstwiesen mit altem Baumbestand vor. Der bis 15 cm breite, polsterförmige Weichporling wächst sehr gern in Baumhöhlen alter, noch lebender Apfelbäume.

Anis-Tramete (Trametes suaveolens)

An Weiden wächst die Anis -Tramete. Sie wird 10 cm breit und bis 4 cm dick. Oberseits ist sie kissenförmig gewölbt und von weißlicher Farbe. Frische Stücke des ungenießbaren Pilzes riechen süßlich - anisartig. Diese Tramete ist in der Lahnaue nicht häufig.

Rötende Tramete (Daedalaeopsis confragosa)

Im Gebiet an Weidenbäumen, anderwärts aber auch an Buchen oder Birken, kann man die Rötende Tramete finden. Ihre Hüte sind flach bis konsolenförmig ausgebildet. Die Oberseite weist verschiedene Brauntöne bis hin zu dunkelrotbraun, aber auch ocker auf. Die grauweißlichen, längsgeschlitzten Röhren verfärben sich an Druckstellen rötlich (Name!). Auch diese Tramete ist ungenießbar.

Striegelige Tramete (Trametes hirsuta)

Die Striegelige Tramete lebt an toten Ästen, bevorzugt dabei eher sonnige Standorte. Die Fruchtkörper bestehen aus relativ flachen, fächerförmigen Hüten, deren Oberfläche durch längere, striegelhaarige Borsten gekennzeichnet ist. Sie ist ebenfalls ungenießbar.

Schmetterlingstramete (Trametes versicolor)

Die Schmetterlingstramete ist ein sehr bunter, vielfarbiger Pilz, der an abgestorbenem Laubholz wächst. Seine ungenießbaren Fruchtkörper sind gleichmäßig dünn, lederartig biegsam mit einer bunten, lebhaft gezonten, fein - filzigen Oberseite. Meist zeigen einige Zonen einen charakteristischen Seidenglanz.

Bewertung

Die beachtliche Zahl von immerhin vierzehn in der Lahnaue sicher vorkommenden Pilzarten, unter denen sich auch einige recht seltene befinden, unterstreicht die bereits oben gemachte Aussage von der Schutzwürdigkeit dieser Auenlandschaft.

 Pilze der Lahnaue

 wissenschaftlicher Name   deutscher Name   Vorkommen
 1. Agaricus campester  Wiesen-Champignon  Grünland
 2. Marasmius oreades  Nelkenschwindling  Grünland
 3. Lepista personata  Lilastiel-Rötelritterling  Grünland
4. Stropharia coronilla  Krönchenträuschling  Grünland
 5. Flammulina velutipes  Samtfußrübling  Bäume
 6. Vascellum pratense  Wiesenstäubling  Grünland
 7. Bovista plumbea  Bleigrauer Zwergbovist  Grünland
  8. Phellinus igniarius  Gemeiner
Feuerschwamm
 Bäume
  9. Inonotus hispidus  Zottiger Schillerporling  Obstbäume
 10. Tyromyces fissilis  Apfelbaum-Weichporling  Obstbäume
 11. Trametes
suaveolens
 Anis-Tramete  Bäume
 12. Daedaleopsis
confragosa
 Rötende Tramete  Bäume
 13. Trametes hirsuta  Striegelige Tramete  Bäume
 14. Trametes versicolor  Schmetterlingstramete  Bäume


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