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Flora und Pflanzengesellschaften des Lahntals (I)

Von Günther Kunzmann

Die Vegetation der Lahnaue ist sehr stark vom Grundwasser und den regelmäßigen Überschwemmungen geprägt. In enger Beziehung zum Wasserhaushalt stehen die Eigenschaften der Böden, die landwirtschaftliche Nutzung und somit auch das Nährstoffangebot durch Düngung bzw. durch den natürlichen Stoffeintrag der Hochflutwässer. Entsprechend der Standortsvielfalt und der vielgestaltigen Landnutzung kommt in der Lahnaue eine relativ große Zahl wildwachsender Farn- und Blütenpflanzen vor.

Den Beschreibungen zur Vegetation der Lahnaue liegen eigene Untersuchungen und Beobachtungen während des Zeitraumes von 1982 bis 1990 zugrunde. Da das Gebiet im Laufe dieser neun Jahre wiederholt aufgesucht wurde, kann auch über die dort zwischenzeitlich vorgenommene Umgestaltung der Landschaft und die damit verbundenen Veränderungen der Vegetation berichtet werden.

1. Die Flora des Lahntales

Die reichhaltige floristische Ausstattung dieses Gebietes läßt sich mit einigen Zahlen belegen: Den eigenen Aufzeichnungen zufolge ergibt sich für die Lahnaue zwischen Dutenhofen, Atzbach und Heuchelheim eine Zahl von über 430 wildwachsenden bzw. eingebürgerten Pflanzenarten. Entsprechend der Flächennutzung zählen davon 46 % zu den Pflanzenarten des Grünlandes, 13 % sind Ackerwildkräuter, und 41 % der Arten wachsen in den Pflanzengemeinschaften der nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen. Zu den letztgenannten zählen auch 14 Arten, die an Standorte im oder am Wasser gebunden sind. 31 Arten gehören zu den ursprünglichen Pflanzengesellschaften der Flußauen, den Weidengebüschen und Auwäldern. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Gehölzpflanzen. Zu nennen sind die Schwarzerle (Alnus glutinosa), verschiedene Weidenarten und das Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus). Nahezu ein Drittel der in der Lahnaue vorkommenden Pflanzenarten wächst in den Nitrophytenfluren auf den Uferböschungen der Lahn oder in den Zweizahn- bzw. Zwergbinsen - Gesellschaften der Kies- und Schlammböden an den Gewässerrändern. Ein Großteil dieser Pflanzen ist auf die Überschwemmungen bzw. auf den Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser angewiesen. Schließlich gibt es noch die Gruppe der Ruderalarten, aus denen sich die kurzlebigen Pflanzengemeinschaften auf gestörten Standorten (Erdaufschüttungen, Abgrabungen, Wegrändern u. ä.) zusammensetzen, die aber auch hin und wieder auf Ackerflächen zu finden sind.

Der starke Einfluß der Wasserversorgung läßt sich am deutlichsten an der Grünlandflora erkennen. Die 165 typischen Arten der Pflanzengemeinschaften des Grünlandes lassen sich nach ihren Ansprüchen an die Feuchteverhält-nisse folgenden 5 Gruppen zuordnen:

a) 30 Arten (= 18 % der Grünlandpflanzen) kommen nur auf nassen bis sehr nassen, für längere Zeit überstauten Flächen vor;

b) 34 Arten (21 %) bevorzugen feuchte bis nasse Standorte mit geringen Grundwasserflurabständen;

c) 25 Arten (15 %) sind als frischeliebend zu bezeichnen, d. h. sie wachsen fast ausschließlich auf Standortenen, die weder zeitweiligen Wassermangel noch nen-nenswerte Vernässung aufweisen;

d) 60 Arten (36 %) kommen in der Lahnaue auf nahezu allen Standorten vor; im Unterschied zu den frischeliebenden Arten (Gruppe c) sind diese jedoch nicht nässeempfindlich, meiden aber ebenso die trockenen Standorte;

e) 16 Arten (10 %) sind trockenheitsverträglich; sie treten in diesem Gebiet fast ausschließlich auf Flächen mit ganzjährig tiefliegendem Grundwasser auf.

Mehr als ein Drittel der Grünlandpflanzen (a und b) ist also sehr stark auf die Nähe des Grundwassers und / oder auf die regelmäßigen Überschwemmungen angewiesen, und 75 % (a, b und d) sind an Feuchteverhältnisse angepaßt, wie sie in der Lahnaue noch vorliegen.

2. Die Pflanzengesellschaften des Lahntales

Entsprechend den Feuchteverhältnissen, der Nährstoffversorgung und der Nutzung werden die Standorte von Pflanzengemeinschaften besiedelt, die sich stets aus den mehr oder weniger gleichen Arten zusammensetzen. In der Lahnaue können über 20 solcher standortstypischer Pflanzengesellschaften unterschieden werden.

a) Pflanzengesellschaften der Gewässer

Im Fluß, dort besonders an Stellen mit geringer Strö-mung und in den Stillwasserzonen kleiner Buchten, wächst die Teichrosen-Gesellschaft, die sich aus nur wenigen Arten zusammensetzt. Am stärksten ist die Gelbe Teichrose (Nuphar lutea) vertreten. Zwischen ihren tellergroßen Blättern wiegen sich vereinzelt die grasartigen Stengel des Einfachen Igelkolbens (Sparganium emersum) oder ragen die dreispitzigen Blätter des Pfeilkrautes (Sagittaria sagittifolia) empor; stellenweise schwimmt auf der Wasseroberfläche die Kleine Wasserlinse (Lemna minor).

b) Pflanzengesellschaften der Uferbereiche

Im Spätsommer, zur Zeit der niedrigsten Flußwasserstände, können auf den Kies- und Schlammbänken nur wenige Zentimeter oberhalb der Wasserlinie die Zweizahn - Fluren angetroffen werden. Charakteristische Arten dieser Gesellschaft sind der Schwarzfrüchtige und der Dreiteilige Zweizahn (Bidens frondosa und B. tripartita), der Wasserpfeffer (Polygonum hydropiper), der Gift - Hahnenfuß (Ranunculus sceleratus), die Sumpfkresse (Rorippa palustris) und der Vielsamige Gänsefuß (Chenopodium polyspermum). Der hohe Nährstoffbedarf dieser Gesellschaft (vor allem Stickstoff) wird aus den schlickigen Ablagerungen des Flußwassers gedeckt. Die Zweizahn - Fluren säumen auch die Uferbereiche der jüngst durch Auskiesung entstandenen Seen.

Die höhergelegenen Uferbereiche der Lahn sowie die Dammkrone selbst werden von Pflanzengesellschaften besiedelt, die sich hauptsächlich aus stickstoffliebenden Arten zusammensetzen. Diese als nitrophile Staudenfluren bezeichneten Bestände, mit Wuchshöhen von 2 m und mehr, liefern einen wesentlichen Beitrag zur Ufersicherung. Mit ihren dichtstehenden Stengeln fördern sie die Sedimentation der vom Fluß transportierten Schwebteile, legen diese mit ihrem Wurzelgeflecht fest und nehmen die reichlich vorhandenen Nährstoffe auf. In den meisten Fällen handelt es sich um die Brennessel - Zaunwinden - Gesellschaft, benannt nach den häufigsten Arten Große Brennessel (Urtica dioica) und Zaunwinde (Calystegia sepium). Weitere charakteristische Arten sind: Krause Distel (Carduus crispus), Gefleckte Taubnessel (Lamium maculatum), Wasserdarm (Myosoton aquaticum), Giersch (Aegopodium podagraria), Kletten-Labkraut (Galium aparine) und Kratzbeere (Rubus caesius). Auf den höher gelegenen Standorten der Dammkrone wächst in ganz ähnlicher Artenzusammensetzung die Rübenkälberkropf - Gesellschaft. Die namensgebende Art (Chaerophyllum bulbosum), ein bis über 2,5 m hoch werdender Doldenblütler, ist in diesen Beständen dominant. Manchmal werden diese Gesellschaften von den bleichen Fäden der Nesselseide (Cuscuta europaea), einer blattgrünlosen, auf der Brennessel schmarotzenden Pflanze, überzogen. Zwischen der Zweizahn- und der Brennessel - Gesellschaft treten an der Lahn vereinzelt noch Röhrichte auf. Diese Schilf- (Abb. S. 51) und Rohrglanzgras - Röhrichte werden jedoch mit zunehmender Nährstofffracht des Lahnwassers von den Nitrophyten verdrängt.

In den nitrophilen Staudenfluren treten in zunehmendem Maße Arten auf, die nicht in Europa beheimatet sind. Diese sog. Neophyten (eingebürgerte Pflanzen) wurden vor einigen Jahrhunderten bzw. Jahrzehnten aus Nordamerika oder Asien nach Europa gebracht und im Garten als Zier-, Gemüse-, Heil- oder Futterpflanze kultiviert. Im Laufe der Jahre gelangten sie, mehr oder weniger unbeabsichtigt, von den Gärten und Feldern in die Landschaft und sind inzwischen hauptsächlich in den Flußauen heimisch geworden. Auf Grund ihrer Wüchsigkeit können sie sogar die o.g. Brennessel- und Kälberkropf - Gesellschaften dominieren. Dies gilt vor allem für das Drüsige (= Indische) Springkraut (Impatiens glandulifera), eine ausladend wachsende Zierpflanze mit auffälligen rötlichen Blüten. Weitere verwilderte Zierpflanzen sind die in Nordamerika beheimatete Lanzettblättrige Aster (Aster lanceolatus), die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und der aus dem Kaukasus stammende Riesen - Bärenklau (Heracleum mantegazzianum). Außerdem treten der früher zur Futtergewinnung angebaute Comfrey (Symphytum asperum) und die der Sonnenblume ähnelnde Gemüsepflanze Topinambur (Helianthus tuberosus) auf.

c) Gebüsche und Wälder

An einigen Stellen müssen sich die Röhrichte und die stickstoffliebenden Hochstaudengesellschaften den Standort mit aus Gehölzen bestehenden Pflanzenformationen teilen. Meist am Fuße der Uferböschung wächst das 3 bis 4 m hohe Korbweiden - Gebüsch, bestehend aus Korb- und Mandelweide (Salix viminalis und S. triandra). Etwas höher gelegen sind die Standorte des Bruchweiden - Auwaldes. Dieser wird von baumhohen Bruch-und Silberweiden (Salix fragilis und S. alba), aber vor allem von der Hohen Weide (Salix x rubens) (Abb. S. 135), einem durch Kreuzung zwischen Bruch- und Silberweide entstandenen Bastard, gebildet. Gelegentlich kommt noch die Schwarzerle (Alnus glutinosa) hinzu, und nicht selten klimmen die Triebe des Wilden Hopfens (Humulus lupulus) oder des Bittersüßen Nachtschattens (Solanum dulcamara) an diesen Gehölzen empor. Am häufigsten ist eine Durchdringung von Wald- und Nitrophyten - Gesellschaft zu beobachten, in der die Brennessel - Zaunwinden - Gesellschaft die Krautschicht des Auwaldes darstellt.

d) Ruderal- und Ackerwildkraut-Gesellschaften

Die jungen Böschungen im Bereich der Auskiesungsflächen in der Gemarkung Dutenhofen sind, sofern sie nicht eingesät wurden, mit kurzlebigen Ruderal - Gesellschaften bewachsen, in denen Weißer Gänsefuß (Chenopodium album), Spreizende Melde (Atriplex patula), Geruchlose und Echte Kamille (Tripleurospermum inodorum und Matricaria chamomilla) oder Kompaß - Lattich (Lactuca serriola) dominieren und eine Reihe weiterer Ruderalpflanzen bzw. Ackerwildkräuter vorkommen. In ähnlicher Zusammensetzung zeigt sich auch die Vegetation auf den frisch aufgeschütteten Dämmen, Erdmieten und gestörten Böden des Kiesabbaugebietes.

Nur wenige Meter von der Dutenhofener Lahnbrücke entfernt wächst im Uferbereich der neugeschaffenen Gewässer die Krötenbinsen - Gesellschaft. Die charakteristischen Pflanzen dieser Gesellschaft erreichen lediglich Wuchshöhen zwischen 2 und 10 cm. Am häufigsten vertreten sind: Kröten - Binse (Juncus bufonius), Sumpf - Ruhrkraut (Gnaphalium uliginosum), Kleiner Breitwegerich (Plantago intermedia), Niederliegendes Mastkraut (Sagina procumbens) und an manchen Stellen das Mauer - Gipskraut (Gypsophila muralis). Diese Arten zeichnen sich durch ihre geringen Ansprüche an die Bodendurchlüftung und Nährstoffversorgung aus. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß diese Artengruppe in unveränderter Zusammensetzung im gesamten Auengebiet auch auf zerfahrenen Feldwegen und den verdichteten Ackerböden der Vorgewende und Parzellengrenzen vorkommt. Die ausgedehntesten Bestände dieser Gesellschaft konnten 1989 in der trockengefallenen Kiesgrube östlich des Verbindungsweges zwischen Atzbach und Dutenhofen gefunden werden.

Ruderalvegetation und Ackerflora des Lahntales haben viele Gemeinsamkeiten, da viele Arten sowohl auf gepflügten als auch auf geschütteten Böden und Abgrabungen vorkommen. Die Pflanzengemeinschaften der Äcker sind in diesem Gebiet auf Grund der intensiven Nutzung und Herbizidanwendung nur als unvollständige Restgesellschaften vorhanden. In den Hackfruchtkulturen (Rüben, Mais, Kartoffeln) gibt es keine standortstypischen Ackerwildkraut-Gesellschaften mehr, sondern nur noch einige wenige weit verbreitete Arten wie den Weißen Gänsefuß (Chenopodium album), die Spreizende Melde (Atriplex patula), den Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense) und die Kriechende Quecke (Agropyron repens). Artenreicher zeigt sich dagegen die Flora der Getreideäcker. Eindeutig handelt es sich dort um die Ackerfrauenmantel - Kamillen - Gesellschaft, auch wenn von den beiden namensgebenden Arten nur die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) regelmäßig vertreten ist. Weitere typische Getreideunkräuter wie Acker - Stiefmütterchen (Viola arvensis), Acker - Vergißmeinnicht (Myosotis arvensis), Rote Taubnessel (Lamium purpureum) und Winden - Knöterich (Fallopia convolvulus) rechtfertigen diese Zuordnung. Häufige typische Begleiter der Getreideflora sind: Vogel- und Floh - Knöterich (Polygonum aviculare und P. persicaria), Acker - Gauchheil (Anagallis arvensis), Persischer Ehrenpreis (Veronica persica) und Europäischer Sauerklee (Oxalis fontana). Die artenreichsten Ackerwildkraut - Gesellschaften wachsen auf den feuchten Ackerstandorten und dort, wo die Krume verdichtet oder verschlämmt ist. Zusätzlich zu den o. g. Ackerwildkräutern wachsen hier auch Arten der Zweizahn - und der Krötenbinsen - Gesellschaften (s. o.) sowie Acker -Minze (Mentha arvensis) und Sumpf - Ziest (Stachys palustris).

e) Pflanzengesellschaften des Grünlandes

Trotz der Umgestaltung der Landschaft im Laufe der letzten Jahre wird das Erscheinungsbild der Lahnaue nach wie vor durch den hohen Anteil der Grünlandflächen geprägt. Da sich das Grünland über sämtliche Bereiche der Flußaue erstreckt und die einzelnen Parzellen mit unterschiedlicher Intensität genutzt werden, zeigt die Grünlandvegetation ein sehr vielgestaltiges Bild. Das Grünland des Lahntales setzt sich aus 11 verschiedenen Pflanzengesellschaften zusammen, die an Hand bestimmter, auf die unterschiedliche Wasserversorgung und Nutzung reagierende Pflanzenarten in über 35 Untereinheiten aufgegliedert werden können (Näheres s. KUNZMANN 1989).

Im Lahntal am weitesten verbreitet sind die Glatthafer - Wiesen. Da sie mit Ausnahme sehr stark vernäßter Flächen auf allen Standortstypen vorkommen, ist ihr Erscheinungsbild entsprechend vielgestaltig. Auf den tiefgründigen unvernäßten Böden des Auenrandbereiches und der flußnahen Flächen wachsen artenarme Bestände. Außer den Charakterarten der Glatthafer - Wiesen - im Lahntal sind dies hauptsächlich der Glatthafer (Arrhenaterum elatius), das Wiesen-Labkraut (Galium album) und der Wiesen - Pippau (Crepis biennis) - sind nur die allgemein in Frischwiesen verbreiteten Arten vertreten. Vielfach dominieren in diesen Beständen Obergräser, insbesondere der Wiesen - Fuchsschwanz (Alopecurus pratensis). Bereits bei mäßigem Grundwassereinfluß treten in den Glatthafer - Wiesen feuchteanzeigende Pflanzenarten auf. Am häufigsten sind Großer Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), Wiesen - Silge (Silaum silaus), Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), Kuckucks - Lichtnelke (Lychnis floscuculi), Rasenschmiele (Deschampsia cespitosa) und der Gold - Hahnenfuß (Ranunculus auricomus). Tonreiche Böden und geringere Grundwasserflurabstände sind für das verstärkte Auftreten von nässeverträglichen Arten in den Glatthafer - Wiesen der Nordhälfte der Lahnaue verantwortlich. Zu den häufigsten Nässezeigern gehören dort das Sumpf - Vergißmeinnicht (Myosotis palustris), das Große Mädesüß (Filipendula ulmaria), die Sumpf - Schafgarbe (Achillea ptarmica) und das Wasser - Greiskraut (Senecio aquaticus). Mit der Kamm- und der Schlank- Segge (Carex disticha und C. gracilis) sowie der Flatter- und der Knäuel - Binse (Juncus effusus und J. conglomeratus) kommen einige feuchteliebende Sauergräser hinzu.

Die Variationsbreite der Glatthafer-Wiesen ist damit aber noch nicht erschöpft. Je nach Düngung und Schnitthäufigkeit treten in den Glatthafer - Wiesen weitere Arten auf bzw. werden aus den Beständen verdrängt. Intensive Nutzung und hohes Nährstoffangebot fördern die Obergräser, Leguminosen und Kräuter werden dagegen zurückgedrängt. Die hohen und dichten Bestände setzen sich meist aus weniger als 25 Arten pro 25 Quadratmeter zusammen. Bei gemäßigter Nutzung und Düngung reduziert sich der Anteil der Obergräser zugunsten der Untergräser, so daß für viele weitere Pflanzenarten noch genügend Licht und Raum verbleibt. Selbst kleinbleibende Arten wie die Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), das Hasenbrot (Luzula campestris), der Kriechende Günsel (Ajuga reptans) oder der Gamander - Ehrenpreis (Veronica chamaedrys) können unter diesen Bedingungen noch existieren. Im Lahntal sind solche Wiesen (noch) nicht selten. Die Verbreitung dieser artenreichen Glatthafer - Wiesen erstreckt sich hauptsächlich über die Mitte und den Norden der Aue. Die artenreichsten und aus der Sicht des Naturschutzes wertvollsten Glatthafer - Wiesen liegen in der Gemarkung Heuchelheim. In manchen Wiesenparzellen können auf einer Fläche von 25 Quadratmeter mehr als 65 verschiedene Farn- und Blütenpflanzen gefunden werden. Es wachsen hier fast dreimal so viele Arten wie in den intensiv genutzten obergrasreichen Beständen. Verantwortlich für diesen Artenreichtum ist in erster Linie die extensive Bewirtschaftung. Solche Bestände werden ein- bis zweimal im Jahr gemäht und kaum gedüngt. Kennzeichnend für derartige Wiesen ist der Teufelsabbiß (Succisa pratensis). In dessen Begleitung kommen mit der Wilden Möhre (Daucus carota), dem Gewöhnlichen Ferkelkraut (Hypochoeris radicata), dem Rauhhaarigen Löwenzahn (Leontodon hispidus), dem Kleinen Klappertopf (Rhinanthus minor), dem Zittergras (Briza media) und der Bleichen Segge (Carex pallescens) einige weitere genügsame Arten vor. Auch die in dieser Landschaft selten gewordene Wiesen-Primel (Primula veris) (s. Beitrag von W. THUM) ist noch ab und zu in solchen Wiesen zu finden.

In der Lahnaue flächenmäßig ohne große Bedeutung sind die auf ähnlichen Standorten wie die Glatthafer -Wiesen stehenden Weidelgras - Weißklee - Weiden. An Stelle der tritt- und verbißempfindlichen Wiesenpflanzen sind das weidefeste Deutsche Weidelgras (Lolium perenne), das Wiesen - Lieschgras (Phleum pratense), das Kammgras (Cynosurus cristatus), der Herbstlöwenzahn (Leontodon autumnalis) und das Gänseblümchen (Bellis perennis) bestandsbildend.

Die nassen und sehr nassen Standorte der Lahnaue werden vor allem von Röhrichten, Seggen - Riedern, Flutrasen oder Feuchtwiesen - Gesellschaften besiedelt. Im Lahntal hat die zur letztgenannten Formation gehörende Silgen-Wiese die größte Verbreitung. Charakterisiert wird die Silgen - Wiese durch die namensgebende Art (Silaum silaus), den Großen Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) und das Echte Labkraut (Galium verum). Nach der Bestandszusammensetzung ergeben sich zwar noch gewisse Ähnlichkeiten mit den Glatthafer - Wiesen, jedoch treten nässeliebende Pflanzen in den Vordergrund (s.o.: feuchte und nasse Varianten der Glatthafer - Wiese). Hauptverbreitungsgebiet der Silgen - Wiesen sind die Flächen entlang des Kahntgrabens und die im nördlichen Auenbereich gelegenen Teile der Gemarkung Kinzenbach. Als weitere Feuchtwiesen - Gesellschaft kommt kleinflächig auch die Wassergreiskraut - Wiese vor. Im Gegensatz zur Silgen - Wiese erreicht hier das Wasser - Greiskraut (Senecio aquaticus) höhere Ertragsanteile, während Wiesen - Silge (Silaum silaus) und Echtes Labkraut (Galium verum) fast völlig fehlen.

In den tiefer gelegenen Teilen der Lahnaue, insbesondere in Nähe des Kahntgrabens, treten die nässe- und überflutungsertragenden Seggen - Gesellschaften und Röhrichte in den Vordergrund. Im einzelnen sind dies (in Klammer jeweils die namensgebende und vorherrschende Art):

– Kammseggen-Gesellschaft (Carex disticha)

– Schlankseggen-Ried (Carex gracilis)

– Rohrglanzgras-Röhricht (Phalaris arundinacea)

– Wasserschwaden-Röhricht (Glyceria maxima)

Die Standorte dieser vier Gesellschaften zeichnen sich durch langanhaltende Vernässung bis in den Oberboden aus.

Noch extremere Bedingungen herrschen an den Standorten der Flutrasen, die stets nur in kleinen abflußlosen Senken und Mulden wachsen. Da dort der Boden sehr tonreich und zudem an der Oberfläche verdichtet ist, verbleibt das nährstoffreiche Überschwemmungs- , aber auch das Regenwasser von Starkniederschlägen für längere Zeit auf der Bodenoberfläche. Die Flutrasen bestehen deshalb vorwiegend aus Arten, die an Luftmangel im Boden und langanhaltenden Wasserüberstau angepaßt und zudem in der Lage sind, die durch Absterben weniger robuster Arten entstandenen Lücken in kürzester Zeit zu besiedeln. Zu diesen sog. Kriechpionieren zählen: Flecht - Straußgras (Agrostis stolonifera), Knick - Fuchsschwanz (Alopecurus geniculatus) und Kriech - Hahnenfuß (Ranunculus repens). Im Lahntal können drei Flutrasen - Gesellschaften unterschieden werden:

– Knickfuchsschwanz-Rasen: Charakterart Alopecurus geniculatus;

– Fuchsseggen-Ried: Charakterart Carex vulpina;

– Glyceria pedicellata-Gesellschaft: charakterisiert durch Glyceria x pedicellata, das Kreuzungsprodukt aus Flutendem (Glyceria fluitans) und Gefaltetem Schwaden (G. plicata).

In den von Natur aus artenarmen Feuchtwiesen-, Seggen-, Röhricht- und Flutrasen - Gesellschaften der Lahnaue sind Arten der Roten Listen nicht selten (s. Abschnitt 3). Die besondere Bedeutung dieser Pflanzenbestände ist jedoch in ihrer Verteilung im Gelände zu sehen. Da bereits geringste Standortsunterschiede die eine oder die andere Pflanzenformation begünstigen, kommen häufig auf engstem Raum mehrere dieser Gesellschaften vor. In ihrer mosaikartigen Anordnung tragen die an nasse Standorte gebundenen Grünland - Pflanzengesellschaften erheblich zum abwechslungsreichen Bild der Lahnaue bei.

Weiter mit Teil II


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