Zurück

Zur nacheiszeitlichen Landschaftsentwicklung und Flußgeschichte der mittleren Lahn

Von Edda Gortner und Klaus Röttger

 

Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor ca. 20 000 Jahren erhielt die Flußlandschaft an der mittleren Lahn das sie bis heute entscheidend prägende Talbild. Die ausgedehnte Talweitung im westlichen Gießener Lahntal wurde von eiszeitlichen Schotterablagerungen erfüllt, die die Lahn in ihrem Überschwemmungsbereich der Lahnaue aufschüttete.

Der Fluß durchzog damals sein Tal mit weitverzweigten Armen über die gesamte Talbreite hinweg und hinterließ eine unregelmäßige Aufschotterungsfläche, die die Talsohle vollständig bedeckte. Dieser zutiefstliegende Schotterkörper wird, vergleichbar mit der Entwicklung der Flußlandschaft am Rhein, als die "Ältere Niederterrasse" bezeichnet. In der Lahnaue zwischen Atzbach und Dutenhofen erreichte diese Flußterrasse eine Mächtigkeit von 2 m bis zu 6 m.

Am Nord- und Südrand des Lahntals mündeten wie heute Seitenflüsse und Bäche, deren Wasser sich am Talrand mit denen der Lahn vereinigten. Die am Talrand so vermehrte Wassermenge wirkte dort in Zeiten nachlassender Schotterfracht stärker erodierend, so daß im Talboden eine Randsenke entstand, wie sie noch heute als Tiefstpunkt am Nordrand der Aue vor Atzbach beobachtet werden kann.

Innerhalb der Aufschüttungsfläche der Älteren Niederterrasse hinterließ die Lahn ein Aurinnensystem. Da der Fluß diese Bereiche nach Verlassen noch eine Zeitlang mit Hochwassern überspülte, ist der Schotter dieser Terrasse mit Hochflutlehm (= Auelehm) bedeckt. In den Aurinnen blieben beim Ablaufen des Hochwassers tonig - schluffige Absätze zurück, kleideten diese Rinnen aus und dichteten ihren Untergrund zum Schotter hin ab. So entstanden flache Stillwasserbereiche mit ersten Wasserpflanzen - Gesellschaften während der kurzen Vegetationszeiten im Eiszeit - Sommer.

Um 12 000 Jahre vor heute verengte die Lahn ihr Bett. Damals hielt gegen Ende der Würm-Eiszeit erstmals eine zusammenhängende Waldvegetation, über das Rheintal kommend, im Lahngebiet Einzug. Wohl war es noch ein nordischer Wald, mit vielen Kiefern und Birken, ohne die wärmeliebenden Laubbaumarten, aber es war Vegetation genug, um die Lahn daran zu hindern, ihren wildverzweigten Lauf fortzusetzen. Sie sammelte ihre Nebenarme zu einem mäandrierenden Lauf und zog sich auf die Mitte der heutigen Talaue zurück, wo sie, kräftig pendelnd, die Ablagerungen der Älteren Niederterrasse wieder ausräumte. Diese Wärmephase wird Alleröd - Zeit genannt. Sie währte von etwa 12 000 bis 11 000 vor heute.

In der Alleröd - Zeit brach in der Osteifel ein mächtiger Vulkan aus, der seine Bimsaschen im Norden bis Skandinavien und im Süden über die Schweiz hinaus bis in die französischen Westalpen schickte. Es war der Laacher - See- Vulkan, dessen Einbruchskessel sich später mit Wasser füllte und heute den Laacher See darstellt. Die herausgeschleuderte Bimsasche bedeckte die Landschaft im Lahngebiet ca. 20 cm hoch. Die Bimsablagerungen gelangten auch in die Lahnaue und in den Fluß selbst, wo sie vom Hochwasser auf der damaligen Auenoberfläche verspült wurde.

Zwischen etwa 11 000 und 10 000 Jahren vor heute kehrte die eiszeitliche Kälte noch ein letztes Mal zurück. Die Flußlandschaft wurde wieder kahler, der Wald schütterer und artenärmer. Der Fluß erhielt wieder mehr Schutt von den Hängen und schüttete noch einmal eine kräftige Schotterterrasse in der Aue auf, die nun die "Jüngere Niederterrasse" genannt wird. Diese Terrasse führt ein hervorragendes Merkmal mit sich, an dem man sie gut erkennen kann: den Bims des Laacher - See - Vulkans. Ihn hat die Lahn der jüngeren Niederterrassen-Zeit beim starken Pendeln überall an den Ufern aufgenommen und von den Seitenbächen zugeliefert bekommen. Wo immer man in der Lahnaue in einen tieferen Aufschluß der Jüngeren Niederterrasse steigt, kann man den Laacher - Bims darin finden. Er ist in feuchtem Zustand gelb, meist nur stecknadelkopfgroß, in trockenem Zustand weiß.

Etwa 10 000 Jahre vor heute begann der Wald Mitteleuropa wieder mit einem dichten Kleid zu überziehen. Die letzte Eiszeit war zu Ende und unsere heutige Warmzeit, das Holozän, begann. Der Beginn des Holozäns wird auch Vorwärmezeit oder Präboreal genannt. Im Flußgebiet der mittleren Lahn ist diese Epoche die Zeit der Niedermoorbildungen in ausgedehnten tiefliegenden Bereichen der Lahnaue. Ob dieser Zeit noch ein größerer Schotterumlagerungsprozeß mit eigener Terrassenbildung zugeordnet werden kann, ist noch ungeklärt. Torfwachstum fand j-doch in Teilbereichen der Auengemarkungen von Dutenhofen und Atzbach statt. Im Einzugsgebiet der Lahn wuchs nun ein Kiefern - Birken - Wald, dem nach und nach wärmeliebende Baumarten wie Eiche, Esche und Hasel folgten.

Mit der Vegetation begann unter dem Einfluß eines gemäßigten, kontinental geprägten Klimas die Boden - Bildung und -Entwicklung voranzuschreiten. Die Auenlandschaft bot vor ca. 9 000 Jahren im Boreal (Frühe Wärme - Zeit) aufgrund ihrer reichen naturräumlichen Ausstattung bei einem warmen Klima einen optimalen Lebensraum für eine vielgestaltige und artenreiche Vegetation, die auf den etwas höher gelegenen Älteren - Niederterrassen - Flächen von einem flußnahen Auwald aus Eiche, Esche und Hasel eingenommen wurde.

Das Flußbett der Lahn war relativ dicht von Ufergehölzen umrahmt, der Fluß mäandrierte aufgrund gemäßigter Abflußverhältnisse weit innerhalb der breiten Aue. Hochwasser - Ereignisse brachten numehr kaum frische Geröllfracht mit sich, sondern bestanden jetzt nur noch aus beim Verlagern der Flußschleifen aufgearbeitetem Ufergelände. Klimagesteuerte periodische Hochwasser brachten über die Seitentäler vorverwittertes Bodenmaterial in die Aue, das mit dem Wasser als braune, lehmige Trübe die Talaue überschwemmte, dort von der dichten Vegetation ausgefiltert und als Auelehm abgelagert werden konnte. Besonders starken Überschwemmungen fielen flußnahe Auwaldbestände zum Opfer, dabei gerieten mächtige Auwald-Eichen mitsamt ihrem Wurzelwerk in den Hauptstrom und wurden dort unmittelbar im Flußbett eingeschottert.

Dem Boreal schließt sich ab ca. 8 000 Jahren vor heute eine warm - feuchte Klimaperiode, das Atlantikum, an. Das Landschaftsbild der Lahnaue wurde nach wie vor von einer sehr artenreichen Auwaldgesellschaft geprägt, der nun noch zusätzlich Ulme, Linde und Ahorn angehörten. Veränderungen im Wasserhaushalt der Meere führten zum Grundwasseranstieg in den Flußgebieten, betroffen waren vor allem Altarme und Rinnen, in denen es zur Verbreitung von torf- und muddebildenden Pflanzengesellschaften kam.

Die Auelehm-Mächtigkeiten nahmen unter wiederkehrenden Hochwassern kontinuierlich zu. Mancherorts wurden standortbedingte Bodenbildungen dieser Epoche, vor allem stark tonige, schwarze Auenböden, unter frischen Auelehm - Deckschichten begraben und konserviert.

Mit dem sogenannten "Klimaoptimum" des Atlantikums tritt auch der Mensch erstmals als früher seßhafter Siedler in den Flußauen Mitteleuropas auf. Blieben die Spuren der vorangegangenen Jäger - und - Sammler - Kultur noch ohne deutlichen Einfluß auf die Flußlandschaft, so beginnt ab 6 000 Jahre vor heute ein klarer Wandel. Aus der bisherigen Landschaftsentwicklung der Flußaue ist deutlich geworden, daß sie als Dauersiedelplatz aufgrund der Dynamik des Flußgeschehens nicht geeignet sein konnte. Doch gibt es innerhalb der Aue erhöhte, weitgehend hochwasserfreie Plätze, die, seit Menschen siedeln, zu allen Zeiten benutzt wurden. Diese Plätze liefen nur Gefahr, beim Pendeln des Flusses wieder zerstört zu werden. Sie sind uns daher häufig nicht überliefert.

Wie die vielen vor- und frühgeschichtlichen Flußfunde, welche auch an der Lahn durch die Auskiesung in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gemacht wurden, deutlich zeigen, hat der Mensch durch seine Hinterlassenschaften seine Anwesenheit in dieser Landschaft nachdrücklich beurkundet. Gelingt es, über die reinen Kiesfunde hinaus, Kulturgut in einem gesicherten Zusammenhang mit ehemaligen Auenoberflächen zu erfassen, kann damit Kulturgeschichte und Auenentwicklung nachgezeichnet werden.

Untersuchungen und Beobachtungen des Kiesabbaus in der Lahnaue in den vergangenen vier Jahren liefern konkrete Belege und Hinweise auf einen verstärkten menschlichen Eingriff in den Naturhaushalt der Flußlandschaft seit der Eisenzeit (ca. 800 v. Chr. bis Chr. Geb.) und eine direkte Veränderung der Flußaue ab dem frühen Mittelalter durch verstärkte Rodungstätigkeit und die Anlage und Befestigung von Wegen und Furten durch die Aue (9. – 10. Jahrhundert).

Die seit den Ortsgründungen von den Rändern der Lahnaue ausgehende Kultivierung und landwirtschaftliche Nutzung der Auenbereiche hat im Zusammenspiel mit der Ausdehnung der Siedlungen im Einzugsgebiet der Lahn zu grundlegenden Veränderungen der Flußaue durch die Auffüllung mit Auensedimenten (Auelehm) geführt. Flußbegradigungen, Eindeichungen und Kanalisierungsmaßnahmen legten den heutigen Flußverlauf der Lahn fest. Einige Reste abgeschnittener Flußschleifen beleben die Auenoberfläche noch an wenigen Stellen und vermitteln mit einem ufernahen Weichholzbestand noch etwas von der ursprünglichen Flußlandschaft.

Literatur

JANKE, H. 1975: Fundber. Hessen 15, D. 440 (Fundchronik)

MÄCKEL, R. 1970: Untersuchungen zur jungquartären Flußgeschichte der Lahn in der Gießener Talweite. – Eiszeitalter u. Gegenwart, 20: 138-174, Öhringen

SCHIRMER, WOLFGANG: Erdgeschichtlicher Werdegang der Düsseldorfer Landschaft, Sonderdruck, Düsseldorf 1990 (Patmos)


Zurück