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Landwirtschaft in der Lahnaue

Von Manfred Ehlers

 

Die Lahnaue zwischen Heuchelheim, Atzbach und Dutenhofen gehört zum "Mittleren Lahntal" als Bestandteil der hessischen Gräben, einem Senkungsbereich, der ausgehend vom Oberrheingraben bis in den norddeutschen Raum hineinzieht. Das Lahntal ist eine relativ ebene Auenlandschaft, die häufig durch verlandete Altarme, Rinnen, Mulden und auch Erhöhungen gegliedert ist. Begrenzt wird sie durch begleitende Randgebirge.

Durch den speziellen Flußverlauf der Lahn geformt, handelt es sich um eine geschlossene Tal- oder Beckenlage, die im Bereich zwischen Heuchelheim, Atzbach und Dutenhofen bis zu 2 km aufgeweitet ist und die damit die größte Ausdehnung in ihrem gesamten Verlauf überhaupt zeigt. Hier ist, auch bedingt durch die überwiegend landwirtschaftliche Grünlandnutzung, der Auencharakter noch stark ausgeprägt. Südwestlich von Gießen und Wetzlar fließt die Lahn in einem engen Durchbruchtal dem Rhein entgegen.

Die vom Lahntal aus ansteigenden Hänge und Höhen bestehen in der Regel aus Grauwackeschiefer und Grauwackebänken des Unterkarbons (KEGEL 1976) (vgl. auch Tabelle "Zeitalter der Erdgeschichte"). Feldspatreichen Grauwackeschiefer mit einigen Einlagerungen von Tonschiefer findet man zwischen Heuchelheim und Atzbach. Östlich von Atzbach reicht ein Grauwackesporn, volkstümlich als "Knochenberg" bezeichnet, weit in die Lahnaue hinein. An den Hängen südlich der Lahn im Bereich von Kleinlinden und Dutenhofen tritt der Grauwackeschiefer gegenüber dem Tonschiefer stärker zurück.

Von den Höhen aus gelangt man über mehrere geologische Terrassen in den Talbereich (s. auch den Beitrag von TH. MÜTZE). Während die deutlich ausgeprägte Hauptterrasse ca. 200 – 230 m über NN liegt, ist die Niederterrasse im Gebiet nicht eindeutig wahrnehmbar. Die Talsohle wird durch die Gießener Grauwacke aufgebaut, die aber durch Sedimente überlagert ist. Auf Schichten von zunächst grobem Schotter folgen feinere Sedimente wie Kiese und Sande, darüber eine ca. 3 m mächtige Ablagerung mit Auenlehmen, die eine gute Vorraussetzung für die landwirtschaftliche Nutzung bieten (EHLERS 1977; DAMM 1988).

Wenn auch die Lahnaue sich als eine weitgehend flache, schwach nach Westen geneigte Ebene präsentiert, so ist doch ein sehr differenziertes, sedimentationsbedingtes Kleinrelief mit zahlreichen Mulden und Buckeln zu beobachten. Dieses Kleinrelief liefert auch eine Erklärung für die große Vielfalt an z. T. schützenswerten Pflanzengesellschaften und für das Vorkommen vieler bedrohter Pflanzen der "Roten-Listen" (s. dazu den Beitrag von G. KUNZMANN).

Vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden sowohl südlich von Heuchelheim ("Damm", vgl. S. 160)) als auch südlich von Atzbach ("Atzbacher Sommerdeich") Hochwasserschutzdämme für die dahinterliegenden Ackerflächen errichtet. Diese Dämme sind heute als kulturhistorische Denkmale zu werten. Bedingt durch von den Lahn - Hochwassern eingebrachte Sedimente, ist heute das Grünland vor dem Heuchelheimer Deich ca. 50 cm höher gelegen als die hochwassergeschützten Ackerflächen nördlich des Dammes.

 

Bodenentwicklung, Böden

Die Entstehung und Entwicklung der Böden in der Lahnaue ist unmittelbar mit den Hochwasser - Ereignissen und den damit einhergehenden Erosions- und Sedimentationsvorgängen verbunden. Es handelt sich also um alluviale Auenböden, die in der Regel durch die Frühjahrs - Hochwasser auch heute noch überschwemmt werden. Die Entwicklung hinsichtlich der Bodengenetik ist deshalb ziemlich jungen Ursprungs (ca. 10 000 Jahre und jünger).

In der Nähe der Lahn sind zunächst sandige Ablagerungen zu finden, weiter entfernt sandige Lehme bis hin zu tonigen Ablagerungen am nördlichen Rand des Tales vor den ansteigenden Lahnterrassen. So kommt es auch, daß das Geländeniveau am Flußufer höher liegt als zum Talrand hin. Der Grundwasserflurabstand ist hier geringer, und die Böden sind in ihrer Entwicklung durch das Grundwasser geprägt.

Die Böden sind überwiegend carbonatarm (kalkarm). Ihre Nährstoffversorgung ist, bedingt durch die vom Hochwasser eingetragene Nährstofffracht und / oder den Eintrag aufgrund landwirtschaftlicher Nutzung, gut bis sehr gut. Sehr günstig für die landwirtschaftliche Nutzung ist auch die große Entwicklungstiefe, und damit der durchwurzelbare Bodenraum, zu beurteilen. Die nutzbare Feldkapazität des durchwurzelbaren Bodenraumes (pflanzenverfügbares Wasser) wird beeinflußt durch den mehr oder weniger schwankenden Grundwasserspiegel und die Korngrößenzusammensetzung (Verhältnis der Bodenarten Sand, Schluff (Lehm) und Ton).

Tonreiche Böden haben eine ausreichende Feldkapa-zität und sind in ihrer Produktionsleistung weniger vom Grundwasser abhängig. Staunässebildung bei höheren Tonanteilen ist zu beobachten. Eine optimale Wasserversorgung haben schluffige Böden (Auenlehme, Lößlehme). Eine Ackernutzung, wie z. B. südlich von Heuchelheim, erfordert im Vergleich zur Grünlandnutzung bei guter, nutzbarer Feldkapazität einen größeren Grundwasserflurabstand. Die Produktionsleistung des Grünlandes wird jedoch nachhaltig durch den kapillaren Kontakt zum Grundwasser gefördert.

Einen Überblick über die verschiedenen Bodentypen und ihre räumliche Lage bekommt man aus einem Querprofil der Bodenlandschaft des Gießener Lahntales (s. Abb. 3; FRIEDRICH 1981).

Landwirtschaftliche Nutzung im Rahmen der gegenwärtigen Entwicklung

Trotz der Hochwasserprobleme in der Vergangenheit haben sich alle Anliegergemeinden, einschließlich des entfernter liegenden Ortes Kinzenbach, entsprechende Auenbereiche gesichert. (Die Hochwasserprobleme sind auch in der Gegenwart nicht geringer, sondern haben sich durch zunehmende Besiedlung, Versiegelung von Flächen, Flußbegradigungen und Auskiesungen z. T. noch verschärft.)

REIDT erläutert die Gründe: Es spielten zum einen die ehemals vorhandenen Auenwälder als Brenn- und Bauholzreserven eine bedeutsame Rolle (1777 gab es noch 50,3 ha Erlenwald und Buschwerk in der Gemarkung Heuchelheim im Bereich der Lahnaue), andererseits dienten bereits in der Vergangenheit, wie auch heute noch, die Grünlandflächen an der Lahn für die Versorgung des Viehs mit quantitativ und qualitativ gutem Futter. Erst nach der Errichtung der bereits erwähnten Hochwasserschutzdämme in Heuchelheim und Atzbach dehnte sich der Ackerbau in die Auenbereiche aus.

Als Sonderkultur ist neben dem Obstbau der Wein zu erwähnen, der an den südexponierten Hängen von Atzbach und Heuchelheim angebaut wurde. Straßen- und Flurbezeichnungen erinnern noch heute an diese Zeit (Wingert). Noch 1585 gab es in Atzbach 38 Landwirte oder Grundstückseigentümer, die Weingärten besaßen. Ende des 17. Jahrhunderts dehnte sich mit dem Aufkommen der Leinwebereien der Flachsanbau aus.

In der Heuchelheimer Gemarkung gab es um 1880 immerhin 5 – 6 ha Flachs, der dann immer mehr durch Getreide, Hackfrüchte und Ölpflanzen (Raps) verdrängt wurde.

Die gute Qualität der durch die Hochwasserdämme geschützten Ackerböden wird durch die Einstufung in das Landbaugebiet der "Hackfrucht - Getreidewirtschaft" (SCHÖNHALS 1954) deutlich. Auch in der "Standortkarte von Hessen" (HELELL), die die natürliche Eignung für landwirtschaftliche Nutzung darstellt, sind alle Flächen als "gut" oder "mittel" eingestuft. Insbesondere liegen im Lahntal die besten Grünlandflächen.

Trotz enormer Ansprüche an den ländlichen Raum dominiert in der Lahnaue noch die landwirtschaftliche Nutzung. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die strukturelle Entwicklung in der Landwirtschaft zu immer weniger Betrieben mit zwangsläufig mehr Flächen oder zu Flächenstillegungen führte, die heute sogar durch EG - Maßnahmen gefördert werden.

Die untenstehende Tabelle gibt Auskunft über Betriebsgröße und Flächenverteilung der landwirtschaftli-chen Betriebe in den Anliegergemeinden der Lahnaue in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts.

 Betriebsgröße und Flächenverteilung in den Lahnauen-Anliegergemeinden

Gemeinde Betriebs-
größe in ha
0,5–2

2–5

 5–10

10–29
Gesamt-
fläche der
Gemeinde
in ha
Acker-
fläche
in ha
ständige Grün- land- fläche in ha
 Allendorf (1938)  54  29  10   0  380  279  61
 Atzbach (1933)  73  70  20  2  830  408  159
 Dutenhofen (1949)  73  19  1  0   528  300  125
 Heuchelheim (1939)  141  81  17  0  610  313  189
 Kinzenbach (1949)  48  42  18  0  462  275  100
 Quelle:
FRIEDRICH 1981

Der Strukturwandel wird aus einer weiteren Darstellung über die Entwicklung der Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe der Lahnauen - Anliegergemeinden bis 1980 deutlich. Auch seit dieser Zeit setzt sich hessenweit die Aufgabe von 2 – 5 % der landwirtschaftlichen Betriebe pro Jahr fort.

Trotz des Strukturwandels und ungünstiger Situationen wie Flächenzersplitterung durch Realteilung, Grundstücksspekulationen, Landaufkäufe konkurrierender Kiesabbauunternehmen und Flächenumwidmungen gibt es in der Lahnaue im eigentlichen Sinne kein Brachland. Die verbliebenen Flächen werden z. T. intensiv (Ackerland) und größtenteils extensiv (natürliches Grünland) genutzt.

Mehrfachnutzung und Nutzungskonflikte

Vor allem bei zunehmenden Besiedlungsdichten und Wirtschaftstätigkeiten schieben sich immer mehr Nutzungen übereinander. Solange sie sich gegenseitig ergänzen, kann von einer höheren Nutzenstiftung der mehrfach genutzten Fläche für die Bevölkerung und den ländlichen Raum ausgegangen werden. Steht jedoch die Mehrfachnutzung im gegenseitigen Wettbewerb, d. h. in einer Nutzungskonkurrenz bezüglich der gleichen Fläche, zueinander, dann sollte auf diese konfliktbelastete Mehrfachnutzung verzichtet werden (EHLERS 1984).

Auch die Lahnaue ist durch ihre günstigen Voraussetzungen hinsichtlich Lage, Klima, Boden und Ebenmäßigkeit für viele überlagernde oder nebeneinanderliegende Mehrfachnutzungen von größtem Interesse. Industrie, Gewerbe, Besiedlung, Verkehr, Wasserwirtschaft, Kies-bbau mit verbleibenden Wasserflächen, Freizeit- und Erholungsaktivitäten greifen flächenhaft in den Auenbereich ein. Planungseuphorien und Widersprüche schlagen Kapriolen, meistens zu Lasten landwirtschaftlicher Flächen und vorhandener wertvoller Primärbiotope. Die Planungen und Interessenkonflikte der letzten Jahre sind sicherlich in guter Erinnerung und sollen deshalb nicht weiter aufgeführt werden.

Ausblick

Die Ausdehnung des Kiesabbaus auf den Bereich nördlich der Lahn führt zu einer problematischen Entwicklung in mehrfacher Hinsicht. Sowohl das Landschaftsbild als auch der Naturhaushalt werden erheblich ge- oder sogar zerstört. Weiterhin bringt die Freilegung des Grundwassers, das in Atzbach sogar als Trinkwasser genutzt wird, durch die fehlenden Deckschichten neben einer verstärkten Verdunstung vor allem zu einer ungeschützten Exposition gegenüber Schadstoffen aus der Luft oder aus anderen Quellen. Der enorme Freizeitdruck durch intensive Nutzung der entstehenden Wasserflächen tut sein übriges.

Das Landschaftsbild und der Naturhaushalt werden geprägt durch die Landbewirtschaftung. Sie dient auch den weiteren Funktionen der Lahnaue, wie Hochwasser - Retention und stiller Erholung (Wandern und Naturbeobachtung). Besonders die Wechselwirkungen zwischen Landbewirtschaftung und Natur- und Artenschutz werden von den beteiligten Landwirten und Naturschützern in einer besonderen Qualität gesehen.

Die vorgefundenen schützenswerten Tier- und Pflanzenarten und -gesellschaften sind ein Resultat jahrzehntelanger Landbewirtschaftung, die sich in einem Mosaik verschiedener Nutzungen darstellt. Neben den unterschiedlichen Kulturen im Rahmen einer ausgewogenen Fruchtfolge auf dem Ackerland ist besonders die sehr differenzierte Nutzung des Grünlandes hervorzuheben. Mehrschürige, intensiv genutzte Wiesen, die bereits früh als Siloschnitt im Mai gemäht werden, wechseln ab mit Heuwiesen und extensiv genutzten, sehr spät geernteten Wiesen (Mitte bis Ende Juni).

Die Bewirtschaftung solcher Wiesen wird durch ein Förderprogramm des Landes Hessen unterstützt ("Ökowiesenprogramm", das Hessische Programm zur Förderung und Erhaltung ökologisch wertvoller Pflanzengesellschaften in Wirtschaftsgrünland und Ackerbau umfaßt ab dem Jahr 1990 einen Haushaltsansatz von 1,5 Mio. DM je Jahr.), um der Vogelwelt eine ausreichende Zeit zur Brut zu gewähren und Schutz zu bieten. Gerade der mosaikartige Flickenteppich von Nutzungsintensitäten und -formen, ergänzt durch Streuobstbestände und einige stillgelegte Sukzessionsflächen, führt nach den Aussagen der Naturschutzexperten zu der Vielfalt differenzierter Biotope und damit der hier vorzufindenden Flora und Fauna. Naturschutz und Landwirtschaft ergänzen sich, diskutieren miteinander, arbeiten weitgehend Hand in Hand. Die Argumentation für den Erhalt der Lahnaue bekommt damit eine Qualität, die schlagkräftiger, aussagefähiger und nachhaltiger ist als Einzelanforderungen an den ländlichen Raum. Es wird auch deutlich herausgestellt, daß die vorhandenen Primärbiotope mit ihrer schützenswerten Flora und Fauna durch weitere Auskiesungsmaßnahmen unwiederbringlich verlorengehen und nicht durch das Anlegen von Sekundärbiotopen im Rahmen einer Rekultivierungsplanung auch nur annähernd ersetzt werden können. Die Lahnaue mit ihrer kulturhistorischen Bedeutsamkeit und ihren wichtigen ökologischen Funktionen ist es wert, sich für ihre Erhaltung mit aller Kraft einzusetzen.

Literatur

DAMM, A. W. 1988:. Eingriffs- und Ausgleichsplan für die geplante Auskiesung in der Lahnaue in der Gemarkung Lahnau-Atzbach, hier: Abbauabschnitte III und IV, Fernwald 1988 (unveröffentlicht)

EHLERS, MANFRED 1977: Der Kies- und Sandabbau an der mittleren Lahn, seine Auswirkungen auf den Charakter und die Nutzung einer Tallandschaft unter besonderer Berücksichtigung landwirtschaftlicher Rekultivierungsmöglichkeiten; Diplomarbeit, Institut für Landeskultur der Justus-Liebig-Universität, Gießen (unveröffentlicht) 1977, 115 S.

EHLERS, MANFRED 1984: Grundlagen und Modelle für die planmäßige Reintegration von Abgrabungsflächen in die umgebende Kulturlandschaft mit dem Ziel nachhaltiger und bedarfsgerechter Folgenutzung; Dissertation, Fachbereich 16 "Angewandte Biologie und Umweltsicherung" der JLU Gießen, Institut für Mikrobiologie und Landeskultur, Gießen 1984, 371 S.

FRIEDRICH, KLAUS 1981: Physisch-geographische Gegebenheit und Raumnutzung im Gießener Lahntal unter besonderer Berücksichtigung der landwirtschaftlichen Nutzungseignung; Diplomarbeit, Geowissenschaften und Geographie, JLU Gießen (unveröffentlicht) 1981, 236 S. und Anhang.

HELELL 1977: Standortkarte von Hessen, Hessisches Landesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Landentwicklung, Wiesbaden 1977

KEGEL, W. 1976: Erläuterung zur Geologischen Karte von Hessen 1:25.000 und Geologische Karte Blatt Nr. 5417 Wetzlar; Wiesbaden 1976.

REIDT, KONRAD: Heuchelheim bei Giessen, Geschichte eines Dorfes im Lahnbogen, neu bearbeitet von Otto Bepler, Heuchelheim 1986

SCHÖNHALS, ERNST 1954: Die Böden Hessens und ihre Nutzung; Abhandlung des Hessischen Landesamtes für Bodenforschung, Wiesbaden 1954.


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