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Heuernte und Bombentrichter – Impressionen von einst

Von Erna Schultz

Als ich mich kürzlich im Paradies meiner Erinnerungen ertappte, lief ein Film hinter meinen geschlossenen Augen ab, der Ende der zwanziger Jahre begann. Die Schauplätze des Geschehens waren die sommerlichen Wiesengründe der Lahnaue von der Lahnbrücke bis hin zum Allendorfer Wäldchen. Meine Mutter hatte mir einen bemalten Kinderrechen geschenkt und mich dorthin zum “Heumachen” mitgenommen. So hielt ich dann mit meinem als “Spielzeug” deklarierten Rechen Einzug in die Arbeitswelt der Erwachsenen, denn eine kleine Mithilfe war die Benutzung meines “Spielzeugs” schon.

Die dort gewonnenen Eindrücke waren vielfältiger Art: Vor meinen Augen breitete sich ein blühender Wiesengrund aus, dessen Ausmaße ich kaum erfassen konnte. Manche Wiesen waren schon gemäht. Der angenehme Duft von frischem Heu lag in der Luft. Das Mähen des Grases von Hand mit Sensen gehörte überwiegend zu den Aufgaben der Männer – es war Schwerarbeit, die in kurzer Zeit geleistet werden mußte. Die frühesten Morgenstunden, kurz nach der Dämmerung, waren dafür die beste Zeit, das Gras noch taufrisch, die Luft noch angenehm kühl. Voll im Einsatz waren zu dieser Zeit aber auch die Frauen. Ihnen oblag die Aufgabe, das Gras in trockenes Heu zu verwandeln.

Sehr beeindruckt war ich vom Anblick der vielen Frauen, die, alle mit weißen Köpftüchern als Sonnenschutz und zum Teil auch noch in Tracht, den Wiesengrund bevölkerten. (Wenn die Frauen in Tracht erschienen, dann im dreiviertel Arm langen, handgewebten, weißen Leinenhemd als Bluse ohne “Motzen” (Jacke), mit mindestens zwei übereinander angezogenen Bauern-Sommerröcken, haftend auf der Wulst, Schürze, schwarzen gestrickten Wollstrümpfen und schwarzen Schuhen).

Die Wiesen auf der rechten Seite vor dem Bahndamm, heute Parkplatz bzw. Bauschutt- und Erddeponie, gehörten zum Teil zur Gemarkung Allendorf, zum Teil zu Kleinlinden. Hier waren nicht nur Heuchelheimer, sondern auch Leute aus Allendorf, Kleinlinden, Dutenhofen und sogar aus dem Hüttenberg und aus Utphe im Heu. Die Hüttenberger hatten Wiesen in unserer Lahnaue zum Heumachen ersteigert, da es ihnen an solch fruchtbarem Grünland mangelte. Die Utpher gehörten zum Hofgut Rinn (Sohn des Heuchelheimer Zigarrenfabrikanten Ludwig Rinn).

Die praktizierte Erbteilung zergliederte die Wiesenflächen in viele kleine Parzellen. Jede Familie hatte mehrere verteilt liegende Wiesen zu bearbeiten.
(Der Grundbesitz wurde zu gleichen Teilen den Kindern weitervererbt, z. B. wurden drei Grundstücke auf fünf Kinder aufgeteilt. Dies erklärt die immer kleiner werdenden Parzellen. Die Existenz von größeren Bauernhöfen war dadurch nahezu unmöglich. Ehepaare mit beidseitig ererbtem Grundbesitz bewirtschafteten oft diese Flächen im Nebenerwerb. Wer diese Möglichkeit nicht hatte, gab seine Grundstücke für einen kleinen Pachtzins an Vollerwerbsbetriebe ab. Jedenfalls wurde zu ererbender Grundbesitz kaum ausgeschlagen).

Jede Familie hatte mehrere verteilt liegende Wiesen zu bearbeiten. So kam eine kaum zu beschreibende Betriebsamkeit auf. Viele Frauen waren miteinander bekannt oder verwandt. Man freute sich über das Wiedersehen, scherzte, lachte, unterhielt sich und half einander, wenn es nötig war, selbst dann, wenn man sich sonst gar nicht so nahestand. Mich beeindruckte die Freundlichkeit der Leute im Heu untereinander. Die ganze Atmosphäre mutete ein klein wenig wie ein Fest an. Als ein Zug an unserer Wiese vorbeibrauste, dessen Ziel Koblenz war, fühlte ich mich dem Nabel der Welt nähergerückt.

Man brachte auch Trinkbares und kleine Mahlzeiten in Essensträgern, die später “Heuchelheimer” genannt wurden, in Weidenkörben verpackt mit – man war ja den ganzen Tag im Heu ! Im Schatten eines Weidenbusches ruhten wir ein wenig aus. Das Gras dorrte in der Sonne. Eine Lerche schraubte sich förmlich in die Luft und trällerte dabei ihr Lied. Als Hintergrundmusik erschien mir als Chor das Gezirpe der Insekten, der Gesang der Vögel und die Laute des übrigen Getiers. Meine Mutter hatte für mich “Goisweu” (Gänsewein) gemacht, dessen Ingredienzen Brunnenwasser, etwas Essig und Zucker waren. Diese damalige Köstlichkeit hatte sie verstaut in einem kleinen geflochtenen Weidenkörbchen mit ebensolchem Deckel. Mein Ausruhen endete in tiefem Schlaf, aus dem ich erst erwachte, kurz bevor meine Mutter die Arbeit beendete. Das Heu war auf viele kleine Kegel geschichtet, die ich dann zählte, da ich das schon konnte. Nach meiner Schlafpause fühlte ich mich etwas unbehaglich, ich schämte mich. Meine Mutter rettete die Situation: Sie versprach mir, mit niemandem darüber zu sprechen, und so hatten wir dann noch zusammen ein kleines Geheimnis.

Bei günstiger Witterung hatte das Gras nach 2 – 3 Tagen den richtigen Dörregrad erreicht. Dann kamen die Männer mit großen Leiterwagen, die von Kuhgespannen oder einem Pferd gezogen wurden, um das Heu aufzuladen. Zunächst wurde ein Wagentuch befestigt, darauf dann das mit den langstieligen Heugabeln aufgegabelte Heu aufgeschichtet. Der Wagen mußte so exakt geladen sein, daß er den weiten Transport nach Hause in die Scheune überstand. Je höher und schöner er aussah, um so mehr freute sich der Bauer. Die hochgeladenen Heuwagen ergaben in den Wiesenauen ein herrliches Bild. Über die Lahnbrücke, die damals auf jeder Seite von zwei stattlichen Lindenbäumen begrenzt wurde, rollten die Heuwagen nach Heuchelheim. Von der Brücke aus betrachtet, sah die Lahn eher wie ein kleiner, dafür aber sicher tiefer Fluß aus. Auch wenn die Fließgeschwindigkeit kaum zu erkennen war, so mußte der unsere Wiesenlandschaft prägende Fluß doch auch seine Tücken haben. Ich dachte unwillkürlich an die Menschen, die in der Lahn oder durch sie, meist beim Überqueren, zu Tode gekommen waren.

Mit den letzten Heuwagen änderte sich bald das Bild, die Wiesen waren abgeräumt, nur noch hellgrün. Die Gräser wuchsen der nächsten, der Grummet - Ernte, entgegen. Innerhalb von etwa drei Wochen war die Heuernte vorbei, der Trubel in den Wiesen vorüber, Ruhe kehrte wieder ein. Damit endete das “Fest”, das eigentlich schwere Arbeit war. Die Kahn-Wiesen wurden nach der Heuernte künstlich bewässert, um den Grummet - Ertrag zu erhöhen. Dazu wurde das Wasser des Bieberbaches am Wehr in der Untergasse gestaut und in die dafür vorgesehenen Bewässerungsgräben geleitet. Von den Wiesen aus war das Dorf Heuchelheim, abgesehen vom Kirchturm, nur zu erahnen – es versteckte sich hinter einem Gürtel von Obstbäumen. Auch die Kreisstraßen waren damals beidseitig mit großen Obstbäumen bepflanzt, deren Obst im Herbst bei einem “Obstverstrich” für wenig Geld zur Selbsternte ersteigert werden konnte. Das von der Lahnaue aus zu sehende Panorama am Horizont konnte ich nicht genug bewundern: Gleiberg, Vetzberg, Dünsberg – einfach schön ! Zum Ende des Zweiten Weltkrieges hin zählte man allein in der Gemarkung Heuchelheim rund 3000 Bombentrichter, von denen ein großer Teil die Wiesengebiete der Lahnaue verwüstete. Eine Wiese meiner Eltern in der Kahn bestand nur noch aus fünf Riesen - Bombentrichtern. Schon im Sommer 1945 wurden diese Schäden an der Natur von den Bürgern Heuchelheims in Gemeinschaftsarbeit beseitigt, die Krater wurden aufgefüllt und die Wiesen wieder eingeebnet. Jeden Samstag mittag hatte von jeder Familie ein Mitglied, ausgerüstet mit Schippe, Spaten oder Hacke, zu dieser Arbeit anzutreten. Dies geschah ohne Schwierigkeiten, denn der Hunger und die Lebensmittelknappheit gaben die Einsicht zu solchem Tun. Man ging förmlich mit Liebe an die Arbeit, als man die Schäden an der Natur beseitigte. Die Einstellung zur Natur war damals anders als heute – man achtete sie und bewunderte ihre Schönheit. Wie anders ist das heute ! Wer mitgeholfen hat, die Bombentrichter in Handarbeit aufzufüllen, steht mit Entsetzen vor den heutigen Riesen - Baggertrichtern. Heute verstehen viele die Natur nicht mehr als zu achtende Schöpfung. Vielmehr wird sie verplant, und man errechnet ihre wirtschaftliche Nutzung. Schließlich sitzen die Geschäftemacher schon in den Startlöchern. Die Bagger und Förderbandanlagen müssen sich amortisieren. Fassungslos betrachtet man, wie unter den riesigen Baggern die Landschaft, der man vor 45 Jahren zu neuem Leben verhalf, für immer vernichtet wird. Wasserlöcher entstehen, der Freizeitrummel nimmt unsere einstmals sorgsam gehütete Heimatnatur in Beschlag. Paßt das alles überhaupt hierher? Wer die Funktion der grünen Auen von früher her kennt, steht den heutigen Veränderungen betroffen gegenüber. Eine intakte Landschaft, Heimat der Menschen, die sie mitprägten, wird zerstört – für immer. Gerade heute brauchen wir sie nötiger denn je. Denken jene, die darüber zu entscheiden haben, denn darüber nach? Ich glaube, sie haben es verlernt: das Denken. Jede Region hat ihre Eigenart. Die entstandenen Seen gehören jedenfalls nicht zum Bild mittelhessischer Flußauen. Ist die grüne Lahnaue mit diesem herrlichen Panorama nicht wertvoll genug, um sie so, wie sie sich heute noch darstellt, für die hier ansässigen Menschen, für die seltenen und bedrohten Pflanzen und Tiere zu erhalten?


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