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Das Lahntal zwischen Gießen und Wetzlar


Von Thomas Mütze

Die Lahnaue bei Heuchelheim ist der sich nach Westen erstreckende Ausläufer des Gießener Beckens. Das Gießener Becken ist aufgrund der naturräumlichen Gliederung ein Teilbereich des Marburg - Gießen - (Wetzlarer) Lahntals und wird von hessischen Mittelgebirgen umgeben. Im Südwesten sind es die Ausläufer des Taunus, im Nordwesten die des Westerwaldes und im Osten die des Vogelsberges.

Die Lahn ist ein typischer Mittelgebirgsfluß. Sie hat eine unregelmäßige Wasserführung, bedingt durch unterschiedliche Niederschlagsmengen, durch die Schneeschmelze und durch abflußbeschleunigende Gesteine im Bereich des Oberlaufs. Auffallend sind starke Hochwasserereignisse, insbesondere im Frühjahr und im Winter. Diese sind in der Lahnaue wesentlich stärker als im nördlichen Teil des Gießener Beckens. Aufgrund dieser Hochwasser finden wir in der Lahnaue bei Heuchelheim und Atzbach überwiegend Grünlandnutzung (vgl. dazu den Beitrag von M. EHLERS (Link)).

Regulierungen und Verlegungen durch den Menschen (vgl. dazu den Beitrag von W. BRANDL, Link) führten zum heutigen Flußlauf der Lahn, wobei die Auskiesungen und die damit verbundenen Veränderungen im Landschaftsbild im unmittelbaren Bereich der Lahn weiter andauern.

Im Gebiet des alten Ortskerns von Heuchelheim ist die naturräumliche Grenze zwischen der hochwassergefährdeten Aue und den nicht überschwemmten Hängen zu finden. Dort hatte zur Zeit der ersten Gründung menschlicher Siedlungen im Bereich des heutigen Ortes Heuchelheim der Bieberbach beim Austritt in die Lahn einen zur Ansiedlung geeigneten Schwemmkegel gebildet. Heute ist die Mündung des Bieberbaches weit außerhalb des Ortes in der Lahnaue gelegen.

 

Klima

Das Klima, bestimmt durch die zyklonalen Westwetterlagen, wird durch Niederschlagsarmut geprägt. Ursächlich hierfür ist die Lage des Gebietes im Schutze der Ausläufer der Mittelgebirge. Dadurch erreichen Wetterfronten unser Gebiet nur in abgeschwächter Form. Bei Ostgewitterlagen allerdings werden die Wassermassen über dem Lahntal abgeregnet, da nach Westen ziehende Gewitterwolken durch die Mittelgebirge blockiert werden.

Besonders auffällig ist, daß Nebel auch in den Sommermonaten in der feuchten Lahnaue keine Seltenheit sind. Gleiches gilt auch für die Zahl der kalten Nächte: Im Lahntal bilden sich "Kaltluftseen", da sich die Kaltluft infolge ihrer Schwere in der Tallage ansammelt, wo sie bei starker nächtlicher Ausstrahlung noch weiter abkühlt. STEINMÜLLER, der für die Zeit von Januar 1966 bis September 1987 eine Heuchelheimer Wetterchronik erarbeitete, errechnete das Jahresmittel der Lufttemperatur auf + 8,7 °C. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge im Untersuchungszeitraum lag bei 674,5 mm im Jahr.


Geologische Situation

Für die Beschreibung der geologischen Situation des Gebietes ist es wichtig, kurz auf die Epochen der Erdgeschichte einzugehen, um die Vorgänge der Entstehung, die auch für die Lahnaue entscheidend sind, zeitlich einordnen zu können. Die Epochen der Erdgeschichte werden durch Formationen gegliedert. Die Geologie hat deren Benennung nach typischen Schichtenfolgen vorgenommen. Formationen sind in Abteilungen und Stufen gegliedert, wodurch dieses System noch verfeinert wird.

In geologischen Schichten finden wir gleichartige tierische und pflanzliche Überreste. Tektonische Bewegungen in der Erdrinde (Verwerfungen, Faltungen und Verschiebungen) führten jedoch dazu, daß die ursprünglichen Lagerungen der Schichten z. T. sehr stark verändert wurden. So lagern u. U. ältere Schichten heute über jüngeren. Die untenstehende Tabelle gibt einen Überblick über die erdgeschichtliche Gliederung.


Die Zeitalter der Erdgeschichte

 Kanäzoikum

 
 Quartär
(1 Mill. Jahre bis heute)

 Alluvium (=Holozän)
Diluvium (=Pleistozän)
 
 Tertiär
(70- 1 Mill. Jahre)
 

 Mesozoikum
 
 
Kreide
(140 – 70 Mill. Jahre)
 
 
Jura
(185 – 140 Mill. Jahre)
 
 
Trias
(225 – 185 Mill. Jahre)
 

 Paläozoikum
(Erdaltertum)
 
Perm
(270 – 225 Mill. Jahre)
 
Karbon
(320 – 270 Mill. Jahre)

 Oberkarbon

Unterkarbon

Devon
(400 – 320 Mill. Jahre)
 
Silur
(440 – 400 Mill. Jahre)
 
Ordovizium
(500 – 440 Mill. Jahre)
 
 
Kambrium
(580 – 500 Mill. Jahre)
 

Der Wechsel von Berg und Tal, das Relief einer Landschaft, beruht auf der Verteilung, Schichtung und Härte der vorkommenden Gesteine. Durch die unterschiedliche Widerstandsfähigkeit der verschiedenen Gesteinsarten gegenüber Niederschlag, Frost, Hitze und fließendem Wasser werden in weichem Gestein Täler und Senken gebildet, in hartem Gestein Berge und Hügel herauspräpariert. Während des Paläozoikums (Erdaltertum, 570–225 Millionen Jahre) waren große Teile Mitteleuropas überflutet. Ein kontinuierlich absinkender Meeresraum (»Variszische Geosynklinale«) hat sich im Gebiet des heutigen rheinischen Schiefergebirges gebildet, in den etwa 150 Millionen Jahre lang aus benachbarten Gebieten abgetragenes Material verlagert wurde. Der Raum Gießen, am Ostrand des Rheinischen Schiefergebirges gelegen, senkte sich im Devon ab. Es begann sich eine Teilgeosynklinale herauszubilden, die das heutige Lahn-Dill-Gebiet umfaßt. Bald darauf führten Bodenunruhen dazu, daß das neuentstandene Becken schollenartig zerlegt wurde. Es entstand u. a. die für unser Gebiet wichtige Lahnmulde.

Die Zerlegung in verschiedene Schollen vollzog sich an tief in die Erdkruste hineinreichenden Störungen. Magma konnte an diesen Stellen aufsteigen. Infolgedessen setzte zur Zeit des Mitteldevons ein bedeutender mariner Vulkanismus ein. Das gesamte späte Mitteldevon ist gekennzeichnet durch vulkanische Vorgänge. In dieser Zeit wurden unterschiedliche Ablagerungen geschaffen. Riff-bildende Organismen, die an den Rändern der Flachmeere lebten, bildeten kräftige Massenkalke. Diese wurden entweder durch die Brandung aufgearbeitet oder als Riffschutt in tiefere Regionen verfrachtet.

Im Oberdevon glichen sich diese Gegensätze immer mehr aus. Die vulkanische Tätigkeit ging zu dieser Zeit in abgeschwächter Form weiter. Im Unterkarbon waren große Teile der Geosynklinale von zunächst tonigen, dann kieseligen Bildungen verfüllt. Jetzt verstärkte sich der Vulkanismus wieder. Dem Unterkarbon entstammt das marine Sedimentgestein Grauwacke, das den größten Teil unseres Raumes bedeckt. Die »Sudetische Faltung« zwischen Unter- und Oberkarbon verhinderte weitere Sedimentationen und führte zur Heraushebung des Rheinischen Schiefergebirges, das in der Folgezeit nicht überflutet, aber stark abgetragen wurde.


Im Perm und im Trias wurden große Senken am Ostrand des Rheinischen Schiefergebirges, in denen sich der Abtragungsschutt der Hochgebirge sammelte, öfter überflutet, u. a. auch die Hessische Senke. Im Jura und in der Kreide war die Hessische Senke trocken. Im Tertiär kam es zu einer Verbindung zwischen dem norddeutschen und dem süddeutschen Raum, weil sich eine schmale Meeresstraße entlang des Westrandes der Hessischen Senke ausbildete. Diese Verbindung ging dann wieder verloren. Es entstand ein Binnenmeer, das langsam austrocknete. Dabei lagerten sich Tone und Sande ab. Unter diesen “Gail’schen Tonen” liegt eine ältere Folge von Meeressanden.

An verschiedenen tektonischen Bruchlinien kam es im mittleren Tertiär zu einem kräftigen basaltischen Vulkanismus. Beherrschende Fläche ist die Basaltdecke des Vogelsbergs mit ca. 2500 Quadratkilometern und die des Westerwaldes. Wettenberg, Gleiberg und Vetzberg sind kleinere Eruptionen in unserem Gebiet. Im jüngsten Tertiär kam es zu zahlreichen Hebungsphasen. Dadurch erreichten die Mittelgebirge ihre heutigen Höhenlagen.


Bildung der Lahnterrassen


Die jüngste erdgeschichtliche Formation, das Quartär (Beginn vor ca. 1 Million Jahren) war für das heutige Landschaftsbild unseres Raumes besonders wichtig. Man unterscheidet eine ältere Epoche, das Pleistozän (die Eiszeit) und eine jüngere, das Holozän (die Nacheiszeit). In der Eiszeit bedeckten mächtige Eismassen große Gebiete der Erde. In Europa waren der norddeutsche / skandinavische Raum und die Alpen ständig mit Eis bedeckt, kleinere Gebirge (Schwarzwald, Vogesen, Rhön und Harz) betraf dies nur zeitweise. Der deutsche Mittelgebirgsraum war eisfrei, die Böden waren infolge der Kälte lange Zeit gefroren. Sie tauten lediglich in den Sommern bzw. in den kurzen Wärmeperioden auf.

Fließerden und Erdrutsche entstanden durch das Abrutschen des oberen aufgetauten Bodens von den unteren dauerhaft gefrorenen Schichten. Zu diesen Vorgängen kam hinzu, daß sich in dieser Zeit die Flüsse ihren endgültigen Weg bahnten. Vom Wasser transportiertes Material wurde an anderer Stelle wieder abgelagert. In den Kaltzeiten waren es Schotter. In den Warmzeiten stand weniger Wasser zur Verfügung, deshalb wurden in diesen Perioden auch weniger Gestein und Schotter transportiert. Bedingt durch nicht erfolgende Frostverwitterung fehlte Verwitterungsmaterial. Dadurch wurde das Flußbett der Lahn immer schmaler, und letztendlich grub sie sich in Böden und Schotterpakete ein, die sie in vergangenen Eiszeiten selbst geschaffen hatte.


Abb. 1: Die Entwicklung des Lahntals


1) Die ursprüngliche breite Talsohle
2) Verändertes Flußgefälle durch Hebung der Landschaft bewirkt tiefen Einschnitt in den Talboden
3) Nach Beendigung der Tiefenarbeit schafft sich der Fluß einen neuen Talboden. Der alte Talboden bleibt nur noch in Resten als Terrasse erhalten.


a) Randgebirge
b) Hauptterrasse (Höhe Dorfkern Kinzenbach bzw. Rodtberg in Gießen)
c) Mittelterrasse (Höhe Geiersberg in Heuchelheim bzw. Bahnhof in Gießen)

Quelle : PANZER



Die Folgen dieser Erosion sind ein System von Flußterrassen, die eben, mehr oder weniger langgestreckt und meist mäßig breit sind. Man unterscheidet Nieder-, Mittel- und Hauptterrassen. Die Niederterrassen lassen sich in Heuchelheim nicht eindeutig erkennen. Die aus feinkörnigen Schottern, Kiesen und Sanden gebildete Mittelterrasse ist deutlicher ausgeprägt. Flächenreste davon liegen im Bereich des Heuchelheimer Geiersberges (Sportplatz, 172 m über NN) und des Mühlberges (Schunk und Ebe, 175–178 m über NN), im Stadtgebiet Gießen entsprechend auf der Höhe des Bahnhofs und der Liebigstraße.

Am markantesten ist die Hauptterrasse ausgebildet. Sie ist die älteste Terrasse und besteht vor allem aus groben Schottern, Sanden und Kiesen, die sich noch heute in Kulturbodenschichten finden lassen. Als Hauptterrasse erkennen wir die Hardthöhe (203 m über NN) und auch den alten Kinzenbacher Dorfkern. Östlich, also im Stadtgebiet Gießens, sind es die Flächen des Rodtberges (vom Neuen Friedhof bis zum Gießener Brauhaus) oder die Anstiege beiderseits der Licher und der Grünberger Straße sowie die Höhen des Bergwerkswaldes.


Die jüngste Entwicklungsphase fällt in die letzten 10 000 Jahre der Nach-Eiszeit und der Jetztzeit. In dieser Periode erhielt die Lahnaue ihr heutiges Aussehen. Entscheidend hierfür waren die Hochwasser der Winter- und Frühjahrsmonate. Zahlreiche Überflutungen und Bettverlagerungen führten zur Ablagerung von Kiesen und Sanden.
Darüber schwemmten die Hochwasser Lehme (Auenlehme) und Schluffe an. Sie füllten Bereiche der Flußaue und des Talbodens stellenweise sehr stark an. Diesen Vorgang erkennen wir heute noch bei jedem Hochwasser.

Literatur

GEMEINDEVORSTAND ATZBACH
(Hrsgb.): Atzbach 774 – 1974,
Schriftleitung: Dr. Baldur Keil,
Dr. Reinhard Vollerthun, o. O. 1974


HAAG, THOMAS & KUNTER, KARI
1987: Die holozäne Flußgeschichte
der Lahn im Gießener Becken, Jber.
wetterau. Ges. ges. Naturkunde,
138. – 139. Jg., S. 113 – 152, Hanau


PANZER, WOLFGANG: Die Landschaft
um Wetzlar, in: Wetzlarer Heimathefte,
1. Folge des Heimatbuches für
Stadt und Kreis Wetzlar, Wetzlar,
S. 17


SCHULZE, W. & UHLIG, H. (Hrsgb.):
Gießener Geographischer Exkursionsführer,
Bde. 1 – 3, Gießen 1982


STEINMÜLLER, FRIEDEL: Heuchelheimer
Wetterchronik, Heuchelheim
1987


WEYL, RICHARD (Hrsbg.): Geologischer
Führer Gießen und Umgebung,
2. Aufl., neubearbeitet von F. Stibane,
Gießen 1980


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