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Flurnamen spiegeln die Landschaftsgeschichte wider

Von Emil Winter

 

Wenn man sich mit den Flur - bzw. Gewann - Namen befaßt, die im Bereich der Lahnaue liegen, so stellt man fest, daß ein Großteil dieser Bezeichnungen auf die Nähe des Wasserlaufs bzw. den früher deutlicheren Charakter des Gebietes als natürliche Auenlandschaft hindeuten.

Die "Kahn"

Von besonderem Interesse ist das Gebiet nördlich der Lahn, ein Landstrich – überwiegend Wiesengrund – , der sich über die südlichen Gemarkungsteile der Gemeinden Heuchelheim, Kinzenbach und Atzbach erstreckt. Das gesamte Gelände wird weiträumig "Die Kahn" (die "Koo") genannt. Man spricht von "de Heuchelemmer, de Kianzebächer un de Oatzschbächer Koo". Diese Bezeichnung ist jedoch nur bedingt richtig, denn der Gewann - Name "Kahn" kommt nur in der Heuchelheimer Gemarkung vor: "In der Kahn", "Im ersten Grund in der Kahn", "Unter der Brück vor der Kahn", "Vor der Kahn zwischen den Wegen", "Stößt aufs Kahnplätzchen". Die frühere Gewannbezeichnung "Kahnplätzchen" ist inzwischen durch die Bebauung verschwunden, der Straßenname "Am Kahnplätzchen" erinnert aber noch daran.

Der "Kahnweg" beginnt heute unterhalb der Sporthalle und führt Richtung Westen bis an die Grenze der Kinzenbacher Gemarkung. Früher nahm dieser Weg seinen Ausgang von den rückseitigen Grundstücksgrenzen der auf der Westseite des Bieberbachs stehenden Scheunen. An der Gemarkungsgrenze Kinzenbach endet der Weg, in seiner Verlängerung beginnt nun der "Kahngraben", der in Atzbach "Kahntgraben" heißt und im Bereich der "Gänsweide" vor Atzbach in die Lahn mündet. Die genaue Herkunft (Ableitung) des Wortes "Kahn" ist nicht auszumachen. Jedenfalls bezieht es sich nicht auf den Kahn (Schiffchen). Das Wort ist verwandt mit dem altisl. Wort "kani" (= Schüssel) – ein muldenförmiges, trogartiges Gefäß (Bett), durch das sich vielleicht früher die Lahn hindurchschlängelte. Ein anderer Hinweis geht dahin, daß das Wort "Kahn" von "Kennel" (Rinne) abgeleitet wurde.

Gemarkung Gießen

Auch in der Gemarkung Gießen gibt es einige Gewannbezeichnungen, die unmittelbar auf die von der Lahn geprägte Auenlandschaft hinweisen. Mit "Wolfsfort" wird eine Wiesengewann am Kropbach nördlich der ehemaligen Lahnfurt (vgl. dazu den Beitrag von W. BRANDL, "Furten, Fähren und Brücken") bezeichnet. In der Heuchelheimer Gemarkung erinnert ebenfalls der Flurname "Am Wolfsforter Weg" an den alten Lahnübergang. Grenzstreitigkeiten über die Flur "Wolfsfurt" gab es Anfang des 17. Jahrhunderts zwischen Heuchelheim und der Stadt Gießen. Das Gelände, östlich des Kropbachs gelegen, befand sich größtenteils im Besitz Heuchelheimer Bauern. Der geführte Rechtsstreit dauerte von 1609 bis 1615. Sein Ergebnis: Das Land verblieb bei Gießen. Die Flurbezeichnungen "Heßler" (von dort vielfach wachsenden Haselnuß - Sträuchern), "Am Pfuhl" und "In der Au" verweisen ebenso wie "In der Schwemme" – das Heuchelheimer Pendant heißt "Schwenn" – auf den früher wesentlich stärker ausgeprägten natürlichen Auencharakter des Gebietes. "Schwemme" kommt nicht von"überschwemmen", sondern von "Schwende" (schwinden) und erinnert wohl an gerodeten Auwald.

Gemarkungen Kleinlinden und Allendorf

Östlich der Landstraße L 3359, die von Heuchelheim in südlicher Richtung führt, nach dem "Allendorfer Wäldchen" hin, gibt es links unterhalb der Lahnbrücke einige Gewanne, die zur Kleinlindener Gemarkung gehören. Auch Allendorf ist dort mit Gebietsteilen vertreten. Ein kleines "Anliegerstück" an der Lahn von etwa einer "Steinwurflänge" gab den Allendorfern das Recht, sich "Allendorf an der Lahn" zu nennen. Auch in der Kleinlinder Gemarkung gibt es den bereits erwähnten "Heßler", der sich unmittelbar an die gleichnamige Gießener Gewann anschließt.

Die Gewann "Im Erlensand" (Kleinlinden, Fl. 6) liegt gegenüber der Heuchelheimer Gewann "Vor dem Erlensand" in der Nähe des Kieswerkes nördlich der Lahn. Der "Erlensand" ist ebenso wie die Heuchelheimer "Kuhweide" längst vollständig ausgekiest. Das gleiche Schicksal wiederfuhr den Gewannen "Auf der alten Lahn", "Auf dem Fort", "Beim dicken Sand", "Bei der langen Weide" und "Zwischen der Lang- und Börnchesweide". Zum Teil sind sie wieder mit Bauschutt u. ä. verfüllt. An Stelle der früheren Wiesen befinden sich heute hier Schafweiden bzw. Parkplätze. Die Gewanne "Auf dem Fort" und "Beim dicken Sand" sind bis heute (September 1990) noch nicht wieder rekultiviert worden. Namen wie der "Dicke Sand" (in Lahn - Nähe gegenüber der Bieberbach - Mündung gelegen) und "Erlensand" verweisen auf Sand- bzw. Kies - Vorkommen. Diese wurden früher von den Bewohnern der Anlieger-Gemeinden kleinräumig abgebaut und zu Bauzwecken genutzt.

Gemarkung Dutenhofen

Im Bereich der Dutenhofener Gemarkung, jetzt zur Stadt Wetzlar gehörend, liegen heute südlich der Lahn Baggersee und Campingplatz. Der Lahn - Altarm fiel der Auskiesung zum Opfer. Die "Dutenhofener Weiden" nördlich der Lahn sind über die Lahnbrücke zu erreichen. Das Gebiet ("Bei der Schifflach") ist ebenfalls vollständig ausgebaggert. Hier sollte die Olympia - Regattastrecke entstehen. Das Bett der geplanten Regattastrecke ist noch offen. Ob die Planungen wirklich aufgegeben wurden, ist derzeit schwer zu sagen.

Das Wort "Lache" ist wie folgt zu erläutern: Flache, vielfach trockengelegte Pfütze (Tümpel, seichte Stelle), meist an Nebenarmen von Flüssen oder Bächen anzutreffen. Es handelte sich meistens um Weideland, das zusätzlich mit niederem Buschwerk bestanden war. Ackerbau war kaum möglich, denn entweder war der Boden zu schwer oder zu sandig. Man findet den Namen auch in der Dialektabkürzung "Lach".

Gemarkung Atzbach

Auf den Auencharakter der Landschaft weisen auch hier Flurnamen wie "In der Schifflach", "In den Heckelcher", "Am spitzen Graben", "Auf dem Grabenstück", "Am alten Weiher", "Am Egelspfuhl" oder "Vor den Pfuhlwiesen" hin.

In dem nach Norden ziehenden Lahnbogen südlich der bebauten Ortslage von Atzbach findet man etliche Male den Flurnamen "Bie" ("Die Bie", "Am Bieschlag", "Hinter der Bie", "Vor der Bie"). Hierbei handelt es es sich vorwiegend um Wiesengrundstücke, die an der Krümmung eines Flusses gelegen sind. "Bie" ist ein Kürzel für "Biege". Auf der Flurkarte ist "Die Bie" als "Bleich- und Badeplatz" ausgewiesen. Hier wurde wohl das zunächst graue Leinen der damals zahlreichen Atzbacher Leineweber zur Bleiche ausgebreitet. Auf der gegenüberliegenden Lahnseite liegt die Dutenhofener Gewann "Die Bleiche".

Der Flurname "Auf der Boffert" deutet wohl auf eine Ochsenweide hin (vgl. "Boeffheit" in Klein-Linden – WEITERSHAUS, S. 77).

Gemarkungen Kinzenbach und Heuchelheim

Im südlichen Gemarkungszipfel von Kinzenbach verweisen die Flurnamen auf die einstmals sehr sumpfige Flußniederung. Man findet die Namen: "In der Au", "In den Lachen", "Auf der Lach", "Die Ochsenlach", "Die Riedwiese".

Sehr zahlreich in unmittelbarer Nähe von Flüssen oder ehemaligen Flußbetten ist die Bezeichnung "Driesch", häufig auch "Triesch" oder "Triescher". Im Mittelhochdeutschen bedeutet dies "unbebautes Land" oder "ungepflügter Acker". In der alten Feld - Gras - Wirtschaft waren Driesche erschöpfte Äcker, die jahrelang brachlagen, sich mit Gras bewuchsen und dann als Weide dienten, bevor sie wieder zu Ackerland umgepflügt wurden. Jedenfalls finden wir diese Flurnamen meist dort, wo sehr häufig sandiger Boden anzutreffen ist, also in der Nähe von Flüssen oder in Flußniederungen. In der Heuchelheimer Gemarkung finden wir das "Pfarrtriesch", in Atzbach "Auf dem breiten Triesch", in Kinzenbach das "Hoftriesch".

Das "Watzloch" ist ein Lahn-Altarm, dessen Auskiesung genehmigt, aber noch nicht erfolgt ist. Die Herkunft des Namens ist nicht eindeutig zu klären. Zwei Erklärungsversuche kommen in Betracht: Entweder wurde das Gebiet früher als Schweineweide genutzt, oder die Gemeinde überließ dem Faselhalter hier Land zur privaten Nutzung.

Auf den Auencharakter verweisen die Namen "Im Heiland" (Land an einem (Au-)Wäldchen), "In den Lachen", "Im Apfelsand", "Im Bruch". Eine Anmerkung zu dem Flurnamen "Trappäcker" sei hier angebracht: Mitte der sechziger Jahre konnten von W. SCHÖSSLER fünf Exemplare der seltenen Großtrappe (Otis tarda) in den Heuchelheimer Kahn - Wiesen beobachtet werden. Da geographische Gegebenheiten bei Vögeln oft erblich festgelegt sind, vermutet HORST PFAFF in der Flurnamenbezeichnung einen Hinweis auf das frühere Vorkommen dieser Vogelart.

Der "Wall" oder "Damm" wurde einst zum Schutz der Ackerflächen vor den Hochwassern angelegt (vgl. EHLERS, S. 39). Er beginnt an der Bieberbach-Brücke gegenüber der Kläranlage, zieht zunächst die Bieber entlang nach Süden, wendet dann nach Westen, vor dem "Watzloch" ("Beim neuen Graben", Flur 12) biegt er nach Norden ab und endet vor den westlichen Kopfstücken der "Spitzäcker". Bei der Neuvermessung der Flur im Rahmen der Feldbereinigung wurde auf diesen kulturhistorisch bedeutungsvollen Damm Rücksicht genommen.

Einem Gemarkungsteil Dutenhofens nördlich der Lahn benachbart, befindet sich am "Watzloch" die Gewann "Am Dutenhöfer Sennchen" (Hinweis auf Sand). Bei der Aufnahme in die amtlichen Flurkarten wurde daraus fälschlicherweise "Am Dutenhöfer Seimchen".

Auf die Flurnamen einzugehen, die einst das Gebiet südlich der Lahn benannten, ist heute fast unnötig, denn dort sind die einst über Jahrhunderte bekannten Flurnamen längst, im wahrsten Sinne des Wortes, "verwässert". Die Namen "Alterodslachen", "Altenrodswiesen", "Römersand", "Auf dem Stein" und etliche mehr sind jetzt im "Segelsee" und im "Südsee" untergegangen. Hoffentlich widerfährt den zahlreichen Flurnamen in den noch immer geplanten Auskiesungsabschnitten der Lahnaue nicht das gleiche Schicksal, denn Flurnamen spiegeln die Geschichte der Landschaft wider.

Quellen und Literatur

GEMEINDEVORSTAND ATZBACH (Hrsgb.): Atzbach 774 – 1974, Schriftleitung: Dr. Baldur Keil, Dr. Reinhard Vollerthun, o. O. 1974

HESSISCHER FLURNAMENATLAS WEITERSHAUS, FRIEDRICH WILHELM: Klein-Linden, Geschichte und Gemarkung, Ein Beitrag zur Ortsnamen-und Flurnamenkunde im Kreis Gießen, Gießen 1981

WILHELMI, HEINRICH: Die Namen der Gemarkung von Gießen, Gießen 1940


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