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Die Brutvögel der Lahnaue bei Heuchelheim

von Matthias Korn
Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (anerkannter Naturschutzverband nach § 29 Bundesnaturschutzgesetz)

 

Natürliche, große Flußauen, die unzerstört und unbeeinflußt vom Menschen sind, gibt es in Mitteleuropa kaum noch, in der Bundesrepublik Deutschland gar nicht mehr. Trotzdem hat sich in den landwirtschaftlich genutzten Auen unserer Flüsse eine ganz bestimmte Tier- und Pflanzenwelt eingestellt. Diese Gebiete unterliegen, oft mehrmals im Jahr, Überschwemmungen durch Hochwasser. Dies ist zwar natürlich, aber, durch die Begradigung der Flüsse und andere wasserbauliche Maßnahmen bedingt, ist das Hochwasser heute meist stärker, höher und zeitlich kürzer. Durch diesen Wasserreichtum konnten und können die landwirtschaftlichen Nutzflächen in den Auen meist nur als Vieh- oder Mähwiesen genutzt werden.

Selbstverständlich sind die Auen der Mittelgebirgsgegenden nicht mit den ausgedehnten Feuchtwiesen Norddeutschlands zu vergleichen, doch haben sich auch hier ganz besondere Avizönosen (Avizönose = Gesamtheit der Vogelgemeinschaft in einer Lebensstätte) entwickelt. Eines dieser wertvollen Auengebiete ist die Lahnaue bei Heuchelheim. Alarmiert durch den Rückgang der Wiesenvogelarten und deren Aufnahme in die ROTEN LISTEN, erschien es sinnvoll, die Bestände dieser Vogelarten in der Lahnaue genauer zu erfassen. Diese Erfassung wurde von 1987 bis 1989 durchgeführt, Beobachter waren hauptsächlich HORST PFAFF (Kinzenbach), RALF KÖNIG (Gießen) und der Autor dieses Beitrages.

Das Untersuchungsgebiet liegt südwestlich von Gießen und südlich von Heuchelheim. Es wird im Süden und Osten von der Bundesstraße 49 begrenzt, im Norden durch die Orte Atzbach und Heuchelheim sowie deren Verbindungsstraße, im Westen durch einen nach Norden verlaufenden Lahn - Knick. Innerhalb dieser Fläche befinden sich auch die schon ausgekiesten Bereiche südlich der Lahn, die heute einer starken Freizeitnutzung unterliegen. Östlich der Straße von Heuchelheim zur B 49 liegen die Schlämmteiche mit unterschiedlichen Sukzessionsstadien.

Ausgedehnte Wiesen- und Ackerflächen sind nördlich der Lahn gelegen. Seit 1984 erfolgt auch hier die Auskiesung. Die zentralen Wiesenbereiche unterliegen den geringsten Veränderungen. Daher kann man davon ausgehen, daß die heutigen Vogelbestände denen von früher entsprechen. Hier hat sich eine Avizönose entwickelt, die fast ausschließlich auf derartige große, weitläufige Wiesenbereiche beschränkt ist. In den drei Untersuchungsjahren konnten über 60 Brutvogelarten in dem rund 600 ha großen Gebiet nachgewiesen werden (s. Tabelle S. 131). Im einzelnen können folgende Lebensgemeinschaften unterschieden werden:

1. Stehende Gewässer

An den drei großen Seen südlich der Lahn konnten nur wenige Brutvogelarten festgestellt werden. Dies ist zum einen auf die intensive Freizeitnutzung, zum anderen auf das Fehlen von Schilf- und Röhrichtzonen zurückzuführen. Gründe für die Abwesenheit von Röhrichtgürteln an den Gewässern sind u.a. in zu steiler Ufergestaltung und der Belastung durch Freizeitaktivitäten zu suchen. Im Naturschutzgebiet (NSG) “Westspitze Dutenhofener See” brüten alljährlich 4–6 Paare Haubentaucher (Podiceps cristatus), die jedoch durch die stark schwankenden Wasserstände häufig Brutverluste haben. Außerdem brütet hier die Stockente (Anas platyrhynchos) und gelegentlich die Bleßralle (Fulica atra). Am Gewässerrand befinden sich einige wenige Brutplätze von Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) und Rohrammer (Emberiza schoeniclus).

2. Lahn und Kleebach

Die Ufer von Lahn und Kleebach sind in einigen Bereichen stark von Weidenbäumen und -gebüschen sowie einer hohen Staudenflur bestanden. Die Schilfbestände sind leider nur sehr kleinflächig. In den naturnahen Bereichen ist eine artenreiche Avizönose zu finden. Als dominante Arten treten Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) und Rohrammer (Emberiza schoeniclus) auf. Seit einigen Jahren brüten hier auch regelmäßig bis zu fünf Paare der Beutelmeise (Remiz pendulinus). An einigen Stellen kommen Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus) und Feldschwirl (Locustella naevia) vor. Viele weitere Arten nutzen die hohen Bäume und dichten Gebüsche als Brutraum, darunter auch Gelbspötter (Hippolais icterina) und Grauschnäpper (Muscicapa striata) als ROTE-LISTE-Arten. 1989 kam es sogar zu einer Brut der Wasseramsel (Cinclus cinclus) am Kleebach und einer Brut der Gebirgsstelze (Motacilla cinerea) an der Lahn.

3. Streuobstwiese und Gebüsche

Nördlich der Lahn, westlich der Landstraße L 3359 befindet sich in der Nähe der Bieberbach - Mündung ein ca. 7 ha großer Streuobstbestand, verstreut an Straßen und Gebäuden einige Gebüsche. Hier brüten eine große Anzahl von “Waldarten”, ebenso wie Vogelarten der freien Feldmark. So findet man hier z. B. alle vier Grasmücken-Arten, Laubsänger, Meisen, Finken usw. Von ROTE - LISTE - Arten können hier Kuckuck (Cuculus canorus), Neuntöter (Lanius collurio) und Pirol (Oriolus oriolus) auftreten.

4. Schlämmteiche

Die Schlämmteiche entstehen beim Waschen des Kieses. Je nach Alter sind es reine Schlammflächen, leicht bewachsene Schlammflächen oder stehende Gewässer mit ausgebildeten Rohrkolben-, Hochstauden- und Weidengürteln, die periodisch austrocknen. Die Schlammflächen üben eine große Anziehungskraft auf durchziehende Limikolen aus. Die entstandenen Gewässer sind “Lebensräume aus zweiter Hand”, die vielen Vogelarten Lebensraum bieten. Vergleichbar sind sie mit den Stillgewässern und Altarmen der verlorengegangenen Auenbereiche. Es können hier, wenn auch nicht alljährlich, als Brutvögel Zwergtaucher (Podiceps ruficollis) und Knäkente (Anas querquedula) angetroffen werden. Weiterhin brüten hier Bleß- und Teichralle (Fulica atra und und Gallinula chloropus). Der Flußregenpfeifer (Charadrius dubius) nutzt die Schlammflächen als Brutplatz, später folgen dann Wasserralle (Rallus aquaticus) und Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus). Wenn sich im Sukzessionsablauf die Weidendickichte entwickeln, brütet hier auch die Beutelmeise (Remiz pendulinus). Leider ist auch dieser Bereich vielen Störungen unterworfen, so daß viele der scheuen Arten hier vertrieben werden.

5. Wiesen- und Ackerflächen

Die Wiesenbereiche stellen das Kernstück der Lahnaue dar. Die typischen Brutvogelarten sind Rebhuhn (Perdix perdix), Wachtelkönig (Crex crex), Kiebitz (Vanellus vanellus), Feldlerche (Alauda arvensis), Schafstelze (Motacilla flava), Braunkehlchen (Saxicola rubetra), Hänfling (Carduelis cannabina), Stieglitz (Carduelis carduelis) und Grauammer (Emberiza calandra). Mit 9 Paaren noch sehr gut vertreten ist hier das Rebhuhn, das auch auf den Ackerflächen anzutreffen ist. Der Wachtelkönig, eine vom Aussterben bedrohte Vogelart, war in den letzten Jahren mit jeweils 3 Paaren anwesend. Da der Wachtelkönig nur durch seine Rufe nachgewiesen werden kann, ist nichts über eventuell erfolgreiche Bruten bekannt. Beobachtungen aus früheren Jahren liegen nur sporadisch vor, außerdem wurden damals kaum Nachtkontrollen durchgeführt. Der Kiebitz brütet hier alljährlich mit 15 - 25 Paaren, meist auf den Ackerflächen. Damit beherbergt die Lahnaue eine der letzten großen Populationen in Mittelhessen. Daß auch die Ackerflächen ihre ökologische Bedeutung haben, wird am Beispiel des Kiebitzes besonders deutlich. Die Population der Schafstelze besteht alljährlich aus 50 - 70 Paaren. Sie ist damit eine der größten in Hessen. Neben der Grauammer und dem Wachtelkönig ist besonders diese Art von der fortschreitenden Auskiesung bedroht, da über 80% der Paare nördlich der Lahn brüten. Das Braunkehlchen ist nicht alljährlicher Brutvogel hier, es ist am stärk-ten von der Bewirtschaftungsform abhängig. Fehlen Wiesen und Weiden mit ausreichendem Hochstauden - Anteil, so schreitet es nicht zur Brut. 1987 und 1989 fanden jedoch Bruten des Braunkehlchens statt. Mit 13 - 17 Paaren auf 300 ha ist in der Lahnaue eine der größten Populationen der Grauammer in Mittelhessen zu finden. Für diese Vogelart stellt die Auskiesung eine große Bedrohung dar, da sie ehemals ausgekieste Bereiche meidet. Störende Elemente für die zentralen Wiesenbereiche stellen Spaziergänger mit frei laufenden Hunden, frühe Mähtermine und ein Modell-Flugplatz dar. Besonders in trockenen Frühjahren, wenn die Mähtermine schon im Mai liegen, gehen viele Gelege der Bodenbrüter verloren. Dies scheint jedoch kein gravierender Eingriff für die Nachwuchsraten zu sein, da die Bestände seit Jahren oder Jahrzehnten die gleichen sind. Bedrohlicher sind weitere Auskiesungen und verstärkte Freizeitnutzung.

6. Auskiesungsflächen

Während der Auskiesung können kurzfristig einige neue Brutvögel auftreten, so z. B. 1974 ein Bienenfresser - Paar (Merops apiaster), 1989 ein Uferschwalben - Paar (Riparia riparia). Denkbar wären auch Steinschmätzer - Bruten (Oenanthe oenanthe). Der Flußregenpfeifer (Charadrius dubius) nutzt jedoch immer die Auskiesungsflächen.

Bewertung

In der Bundesrepublik wurde ein Verfahren entwickelt, um Vogelbrutgebiete zu bewerten. Führt man diese Bewertung für die Lahnaue durch, so kann das Gesamtgebiet als “regional bedeutend” eingestuft werden. Bezieht man das Verfahren jedoch nur auf die zentralen Wiesenbereiche (100 ha), was auch legitim ist, so führt dies zu der Bewertung “national bedeutendes Vogelbrutgebiet” (vgl. KORN 1989). Dieses auch für Zugvögel wertvolle Gebiet muß endlich unter Schutz gestellt werden.

Literatur

KORN, M. 1989: Die Lahnaue bei Gießen – ein überregional bedeutendes Brutgebiet bestandsgefährdeter Vogelarten, in: Vogel und Umwelt 5: 143-150 (1989)

ROTE LISTE der bestandsgefährdeten Vogelarten in Hessen – 7. Fassung, Stand 1. Januar 1988, herausgegeben von: Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland & Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V., Frankfurt 1988

 Brutvögel der Lahnaue 1987 - 1989

 Art

Status

 RL

 Art

 Status

 RL
 1. Haubentaucher

C

 36. Mönchsgrasmücke

B-C

 2. Zwergtaucher

B

2
 37. Klappergrasmücke

B

 3. Stockente

C-D

 38. Dorngrasmücke

B

 4. Knäkente

A

1
 39. Zilpzalp

B

 5. Mäusebussard

?

 40. Fitis

C

 6. Turmfalke

A

 41. Grauschnäpper

B

3
 7. Rebhuhn

C

2
 42. Gartenrotschwanz

A

 8. Fasan

B-C

 43. Hausrotschwanz

B

 9. Wachtel

A

2
44. Braunkehlchen

A

 10. Wasserralle

B

2
 45. Nachtigall

B

 11. Wachtelkönig

B

1
 46. Rotkehlchen

B

 12. Teichralle

B

 47. Wacholderdrossel

 D

 13. Bleßralle

C

 48. Singdrossel

B

 14. Flußregenpfeifer

C

3
 49. Amsel

C

 15. Kiebitz

D

3
 50. Schwanzmeise

?

 16. Steinkauz

?

2
 51. Beutelmeise

C

4
 17. Ringeltaube

B

 52. Blaumeise

B

 18. Turteltaube

A

 53. Kohlmeise

B

 19. Kuckuck

B

3
 54. Sumpfmeise

A

 20. Buntspecht

?

 55. Weidenmeise

?

 21. Kleinspecht

?

3
 56. Gartenbaumläufer

B

 22. Feldlerche

D

 57. Grauammer

2
 23. Uferschwalbe

A

3
 58. Goldammer

B

 24. Schafstelze

D

2
 59. Rohrammer

D

 25. Gebirgsstelze

A

60. Buchfink  

C

 26. Bachstelze

B

 61. Girlitz

B

 27. Neuntöter

A

3
 62. Grünfink

B

 28. Wasseramsel

A

3
 63. Stieglitz

B-C

 29. Zaunkönig

A

 64. Hänfling

B-C

 30.Heckenbraunelle

B

 65. Haussperling

B-C

 31. Feldschwirl

C

 66. Feldsperling

C

 32.Sumpfrohrsänger

D

 67. Star

C

 33. Teichrohrsänger

C

3
 68. Pirol

A

3
 34. Gelbspötter

B

3
 69. Elster

B

 35.Gartengrasmücke

B

 70. Rabenkrähe

B

- 64 sichere Brutvogelarten, davon 21 in der ROTEN LISTE Hessen
- 6 unsichere Brutvogelarten, davon 2 in der ROTEN LISTE Hessen
(Die Einstufungen sind häufig nur Schätzungen. Falls genauere Daten vorliegen, wird der jeweils höchste Bestand aus den drei Jahren angegeben.)

 Status:

A = 0 – 1 Brutpaar
B = 2 – 5 Brutpaare
C = 6 – 20 Brutpaare
D = mehr als 20 Brutpaare
? = Brut nicht gesichert

 RL:
(Gefährdungsgrad lt. ROTE LISTE
Hessen, 7. Fassung)

1 = vom Aussterben bedroht
2 = stark bedroht
3 = bedroht
4 = potentiell bedroht


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