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Die Amphibien der Lahnaue

Von Jörg Janisch

Flußauen boten einst einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten einen idealen Lebensraum. Das Bild einer Talaue, wie das der Lahn bei Heuchelheim, wurde geprägt von einem Mosaik verschiedenster Lebensräume. Durch die Dynamik des Flußlaufes entstanden Gewässer mit unterschiedlichstem Charakter.

Altwässer und Altarme waren mit ihrer dichten Unterwasser - Vegetation eine ideale Kinderstube für den Fischnachwuchs, und im Schutz der Röhrichte brüteten zahlreiche Vögel. Diesen Artenreichtum vertrugen die meisten Amphibien nicht, denn er bedeutete einen außerordentlichen Feinddruck. Einen geeigneten Laichbiotop fanden die Lurche an den Talrändern. Durch die Form der Talaue entstanden dort Vernässungen, die in heißen Sommern austrockneten. Die dadurch bedingte Fischarmut ließ den Lurchen gute Entwicklungsmöglichkeiten.

Die Ansprüche der Amphibien an ihren Lebensraum sind bis heute die gleichen geblieben, nur: Das Landschaftsbild wurde drastisch geändert. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn wir heute kaum noch Kröten, Frösche und Molche in der Lahnaue finden.

Erdkröte (Bufo bufo)

Die Erdkröte ist in der gesamten Lahnaue zwischen Gießen und Wetzlar fast verschwunden. Obwohl sie als eine der wenigen Amphibienarten auch in fischreichen Gewässern zur Entwicklung kommt, wurde sie an den durch die Auskiesung entstandenen Seen der Lahnaue noch nicht beobachtet. Die Erdkröte bevorzugt als Jahreslebensraum feuchte Laubwälder. Diese sind auch noch vorhanden (z.B. Allendorfer Wäldchen am Hopfenstein), doch der Weg zu den Laichgewässern ist unüberwindlich. Da sind die alte B 49 und dann noch die Schnellstraße zu überqueren – und das im Krötentempo! So hält sich die wohl letzte Erdkrötenpopulation der Lahnaue an einem Eisenbahndamm auf. Als Laichplatz dient ein kleines, zwischen Schienen und Schnellstraße gelegenes Gewässer. Jene wenigen Exemplare, die es das Jahr über doch bis zum Allendorfer Wäldchen, hinter der Straße gelegen, geschafft haben, werden spätestens im nächsten Frühjahr platt gewalzt.

Kreuzkröte (Bufo calamita)

Die Kreuzkröte ist sehr agil. Auf der Suche nach einem annehmbaren Laichplatz kann sie mehrere Kilometer zurücklegen. Hat sie einen flachen, besonnten und fast vegetationsfreien Tümpel gefunden, beginnt das Männchen zu rufen. Ein solch rufendes Männchen wurde im Frühsommer 1988 von dem Gelände einer Heuchelheimer Gärtnerei gehört. Die Population dürfte sehr klein sein, da geeignete Gewässer fehlen.

Grasfrosch (Rana temporaria)

Über die Gründe, warum der ach so herbeigesehnte Storch von Atzbach lieber weiterfliegt, wird an anderer Stelle dieses Buches berichtet (s. Beitrag von G. HENKELMANN über die Störche). Vorkommen des Grasfrosches bilden eine wichtige Nahrungsgrundlage der Störche. Wie keine andere Amphibienart ist der Grasfrosch ein wichtiges Glied der Nahrungskette. Schon die Kaulquappen werden von Molchen, Libellenlarven und anderen Wasserinsekten gefressen. Vom ausgewachsenen Frosch ernähren sich Ringelnatter, Iltis oder eben der Weißstorch. Starken Feinddruck gleicht der Grasfrosch durch eine hohe Zahl von Nachkommen aus. Doch, wo früher massenhaft Frösche vorkamen, die quadratmeterweise Laich hinterließen, finden sich heute nur noch vereinzelte Exemplare.

Im Frühjahr 1989 wurden in der Lahnaue nur ca. 50 Laichballen gezählt. Der größte Teil davon fand sich in den Entwässerungsgräben zwischen Heuchelheim und Atzbach. Am Lahnbogen wurden in einer flachen Flutmulde 16 Laichballen nachgewiesen, doch starben die Larven ab, da das Gewässer zu früh austrocknete. Die traurige Bilanz dieser Bestandsaufnahme hat auch ihre Gründe. Ideale Laichbiotope wie Tümpel in den Talrandsenken sind verschwunden. Diese Bereiche werden heute von Be- und Entwässerungsgräben durchzogen. Während früher durch das Grabensystem in trockenen Jahren eine Bewässerung der Wiesen über den “Birkengraben” mit aus dem Bieberbach abgezweigtem Wasser erfolgte, wird diese Maßnahme seit längerer Zeit nicht mehr durchgeführt. Landwirte berichten davon, daß seit Beginn der großflächigen Grundwasserabsenkung durch die Auskiesung ehemals feuchte Wiesen am nördlichen Rand der Aue austrocknen. Auswirkungen dieses Eingriffs auf das Grabensystem der Kahnwiesen im nördlichen Teil der Lahnaue sind nicht auszuschließen. Da das Grabensystem heute meist zu früh trocken fällt, sind jedenfalls die Entwicklungserfolge für den darin ablaichenden Grasfrosch eher negativ.

Wasserfrosch (Rana esculenta)

Eigentlich gehören die Wasserfrösche mit zu den bekanntesten Vertretern der Amphibien. An fast allen Dorfweihern machten sie sich den ganzen Sommer über lauthals bemerkbar. Heute muß man schon länger suchen, um solch typischen Froschkonzerten zu lauschen. In der Lahnaue wird dieser Versuch keinen Erfolg bringen. Nur noch vereinzelt läßt sich ein Wasserfroschmännchen hören. Die letzten halten sich noch in einem Entwässerungsgraben auf, der längere Zeit Wasser führt. Dieser Lebensraum ist völlig untypisch. Der Wasserfrosch bevorzugt größere Gewässer mit besonnten Ufern und einer krautreichen Vegetation. In dieser dichten Krautschicht suchen die Kaulquappen blitzartig Schutz vor Feinden. Gäbe es in den Heuchelheimer Seen solch eine Vegetation, so wäre der Wasserfrosch auch hier vertreten. Doch fast senkrechte Übergänge zwischen Wasser und Ufer sowie intensive Freizeitnutzung lassen solch ein Pflanzenkleid nicht aufkommen.

Teichmolch (Triturus vulgaris) und Bergmolch (Triturus alpestris)

Beide Molcharten führen in der Lahnaue ein kümmerliches Dasein. Die sonst im Gießener Raum häufigen Molche kommen nur noch in einigen wenigen Entwässerungsgräben der Lahnaue vor. Die Gründe liegen auch hier auf der Hand: Es fehlt an geeigneten Laichbiotopen. Hinzu kommt, daß Molche einen hochwasserfreien Jahreslebensraum benötigen.

Nach der Laichzeit, etwa im Juni, verlassen sie das Gewässer. Die Molche legen ihr Hochzeitskleid ab und bekommen eine Landtracht. Damit sind sie kaum noch in der Lage, richtig zu schwimmen. Jetzt sind die Schwanzlurche auf ein hochwasserfreies Hinterland mit einem reichen Nahrungsangebot angewiesen. Bei einer Flußaue finden die Tiere diese Bedingungen an den Talhängen. Im Falle der Lahnaue ist ihnen der Weg beidseitig durch Straßen abgeschnitten bzw. behindert.

Will man die Situation der Amphibien in der Lahnaue verbessern, sind kleinräumige Veränderungen nötig. Kleingewässer, intelligent an den Talrändern angelegt, sind als Laichbiotope effektiver als große Wasserflächen. Die die Talaue vom Hinterland isolierenden Straßen müßten an verschiedenen Stellen mit Durchlässen versehen werden, um den Tieren eine gefahrlose Zu- und Abwanderung zu ermöglichen.


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